Hybrid-Alltagstest: Volvo XC90 T8 Twin Engine

28.08.2016 | Christian Sauer | Testrides

Volvo XC90 T8 Twin Engine
Nachdem wir den Plug-in-Hybrid als Topversion von Volvos Vorzeige-SUV bereits im Winter angetestet hatten, muss er sich nun im harten Alltag bewähren. Bei aller Faszination offenbart er in unserem Fahrbericht jedoch auch einige Schwächen.

Ich mache gar keinen Hehl daraus: Bereits seit seiner offiziellen Vorstellung vor auf den Tag genau zwei Jahren fasziniert mich die zweite Generation des XC90 mit ihrem Design ebenso wie mit ihren innovativen technischen Details. In unserem ersten Fahrbericht mit dem 225-PS-Diesel D5 konnte der „große Schwede“ bereits trotz dem relativ kleinen und vermeintlich schwachen 2,0-Liter-Vierzylinder dank 470 Nm Drehmoment sowie dem geringen Verbrauch überzeugen. Doch richtig gefreut hatte ich mich auf die Topversion T8 Twin Engine, der als Plug-in-Hybrid mit der „Kraft der zwei Herzen“ insgesamt 407 PS und 640 Nm Drehmoment powert. Insbesondere mit der sportlichen Ausstattung „R-Design“ machte der XC90 beim Wintertests eine besonders gute Figur. Doch schon auf den ausgesuchten Strecken rund um Berchtesgaden deutete sich an, dass der ebenfalls 2,0 Liter kleine und per Turbolader sowie Kompressor aufgeladene Vierzylinder- Benziner trotz seinen 320 PS für sich allein kein leichtes Spiel mit dem 2,3-Tonnen-Koloss hat. Das bestätigt sich nun in unserem Alltags-Test.

 

 

Die volle (Durchzugs)Kraft und die beeindruckende Beschleunigung von 5,3 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 sind seltener verfügbar als erhofft. Die Lithium-Ionen-Batterien mit 9,2 kWh Kapazität, die je nach Anschluss und Stromstärke binnen 2,5 bis 6 Stunden wieder vollständig aufgeladen sind, sollten eigentlich eine rein elektrische Reichweite von maximal 43 km ermöglichen. Doch obwohl nicht der Elektro- und Hybrid-Auto unfreundliche Winter die Stromspeicher überdurchschnittlich beansprucht, reduziert sich das nahezu geräusch- und lokal emissionslose Fahren doch zusehends. Und damit wird aus dem von Volvo versprochenen Durchschnittverbrauch von sensationellen 2,1 Liter Super im NEDC-Fahrzyklus unter Laborbedingungen und entsprechend 49 g CO2 pro km leider nichts. Stattdessen hatten wir laut Bordcomputer über eine Distanz von fast 900 km einen Schnitt von enttäuschenden 12,3 Litern. Wahrscheinlich ist die Differenz in dem doch schnelleren Tempo – wenn auch zumeist unter dem Topspeed 230 – und vor allem bei dem geringeren Anteil elektrischem Fahren begründet. Doch gerade auf langen Strecken möchte ich mit einem Plug-in-Hybriden eben anders als bei einem reinen Stromer à la Tesla Model S oder Model X eben nicht alle zwei bis drei Stunden eine Autobahn-Raststätte mit Ladestationen ansteuern und dort eine längere Pause einlegen müssen.

Dabei scheint der 4,95-m-Volvo gerade für Langstrecken prädestiniert. Das Platzangebot ist auf den komfortablen Frontsitzen mit vielfach elektrischer Verstellung, Klimatisierung und Massage sowie in der ersten Reihe herrschaftlich. Wenn die Sitzbank umgeklappt ist und die zwei Zusatzsitze im ansonsten ebenen Kofferraumboden verstaut bleiben, entsteht eine lange Ladefläche – groß genug für ein Fahrrad – in Zahlen 1.886 Liter. Selbst hinter den halbwegs bequemen Zusatzsitzen bleiben 262 Liter und standardmäßig 667 Liter für Gepäck. Noch besser als das konventionelle Sportfahrwerk des XC90 als R-Design finde ich für entspannte Reisen und im Alltag auf schlechtem Untergrund das optionale adaptive Luftfahrwerk mit Niveauregulierung an der Hinterachse. Allerdings wird der XC90 auch damit nicht in der Höhe verstellbar und bleibt somit lediglich auf Ausflüge in leichtes Gelände beschränkt. Dort unterstützen den Allradantrieb verschiedene elektronische Features wie die Bergab- und Bergabfahrhilfe. Typisch für ein Oberklassemodell und fast schon traditionell für Volvo werden aber darüber hinaus eine Unmenge mehr Systeme zur Steigerung des Komforts und der Sicherheit serienmäßig oder gegen Aufpreis angeboten – zu viel, um sie an dieser Stelle zu nennen oder gar zu beschreiben.

Ob sie alle sinnvoll sind, sei dahin gestellt. Ob sie alle genutzt werden, bezweifle ich sogar. Gerade die so „gehypte“ Konnektivität mit Apple CarPlay oder Android Auto macht zusammen mit Smartphone-unabhängigen Apps und dem 9,2 Zoll großen Touchscreen im Hochformat mächtig Eindruck. Allerdings bleibt bei mir neben der Faszination und dem Spieltrieb das Gefühl der Ablenkung durch die Bedienung während der Fahrt. Genial klingt so oder so das 1.400 Watt starke Audiosystem Premium Sound by Bowers & Wilkins samt 19 Lautsprechern. Dessen Hochtöner wurden optisch perfekt in das bis auf wenige Ausnahmen sehr hochwertige Cockpit integriert. Ob die sportliche R-Design-Ausstattung oder wie in unserem Testwagen mit einem Preis von rund 100.000 Euro die eher klassische Inscription-Ausstattung mit verschiedenen Holz-Leder-Kombinationen besser zum eigenen Geschmack passt, bleibt wohl eine individuelle Frage.

Fest steht, dass der Volvo XC90 von Grund auf ein außergewöhnliches Modell ist und bleibt. Ob es der Plug-in-Hybrid T8 Twin Engine mit seiner zumindest auf dem Papier einmaligen Kombination von Sportlichkeit, Sparsamkeit, Hightech, Luxus und Platz sein sollte, bleibt fraglich. Gleiches gilt für die werksseitige Polestar Performance Optimierung auf 421 PS und 680 Nm, womit der XC90 T8 Twin Engine zum „kraftvollstem Volvo aller Zeiten“ reift. Meine Empfehlung wäre stattdessen lieber den bereits erwähnten sowie getesteten D5 zu wählen und das bei der Motorisierung eingesparte Geld lieber in die Ausstattung zu investieren. Allein wer sich für die ultra-luxuriöse Excellence-Variante für über 123.000 Euro entscheidet, bekommt keine Wahl außer den T8 Twin Engine. Vielleicht profitiert er aber zukünftig von der sich ständig weiterentwickelnden Speichertechnologie mit mehr Reichweite oder Volvo überbrückt die Wartezeit mit einem stärkeren Diesel. Der XC90 bietet auf jeden Fall eine exzellente Basis, wenn auch er mit dem V90 und V90 Cross Country eine starke Konkurrenz im eigenen Hause bekommt. Ganz zu schweigen davon, dass das Angebot an Premium- und Luxus-SUVs auch außerhalb Schwedens weiter wächst.