Volvo XC40 Recharge P8 AWD Pure Electric

09.03.2021 | Christian Sauer | Testrides

Wie schlägt sich das erste vollelektrische Modell der Kultmarke in und um Hamburg? Zudem werfen wir einen Blick auf das neue Schwestermodell C40 und Volvos elektrische Zukunft.

Dieses Jahr fanden die traditionellen Volvo-Wintertestfahrten nicht wie üblich in den Alpen, sondern Corona-bedingt und -konform in Hamburg statt. Vielleicht passte es der schwedischen Marke im chinesischen Besitz auch so ganz gut ins Programm, schließlich scheint der XC40 Recharge wie geschaffen für Städte und urbane Regionen. Mit seinen 4,42 m Länge macht das lifestylige SUV an sich schon seit 2017 eine gute Figur. Als erstes rein-elektrische Modell von Volvo passt es nun noch besser hierher, unterscheidet sich optisch jedoch kaum von den Varianten mit Verbrenner-Motor. Neben den „Recharge“-Schriftzügen ist es vor allem der „Kühlergrill“, der per se keiner mehr ist und auch nicht mehr sein muss. Wo ansonsten Frischluft zur Kühlung des dahinter installierten Motors gefragt war, hat nun wie bei anderen E-Autos die optimale Aerodynamik der Front höchste Priorität.

Anstelle des Verbrenners bietet der Volvo XC40 Recharge Pure Electric unter der „Motorhaube“ einen zusätzlichen, 31 Liter fassenden Gepäckraum. Er ist damit immerhin so groß, dass dort praktischerweise Ladekabel, Bordwerkzeug und Kleinzeug ihren Platz finden. Dazu kommt natürlich der Kofferraum im Heck mit 414 Litern. Auch der restliche, angesichts der kompakten Ausmaße recht großzügige Innenraum unterscheidet sich kaum von den anderen XC40s. Bis auf einige Kunststoffe hinterlässt der Volvo markentypisch einen guten bis sehr guten Qualitätseindruck. Die Liste mit Sonderausstattungen ist jedoch auch lang, wobei das inzwischen schon nicht mehr bestellbare Modelljahr 2021 mit großzügiger(er) Serienausstattung samt Sportsitzen mit Nubuk-Textil-/Nappaleder glänzt. Zukünftig will Volvo wie andere Hersteller auch vegane Bezüge anbieten und auf (tierisches) Leder verzichten.

Die wichtigste Neuerung versteckt sich aus unserer Sicht allerdings im Infotainmentsystem. Im deaktivierten Zustand offensichtlich unverändert mit Touchscreen im Hochformat und 9-Zoll-Diagonale, wirkt es aktiviert auf den ersten Blick schon deutlich übersichtlicher als bisher. Während das Scrollen und Wischen beim vorherigen Volvo-System immer wieder Ein- bzw. Umgewöhnung benötigte, läuft nun alles intuitiver. Das Geheimnis dahinter heißt „Google“, denn es basiert auf dem Android Automotive Betriebssystem und integriert bekannte Funktionen wie Google Assistant, Maps und Play Store. Zukünftige Erweiterungen und Updates können „Over-the-Air“ heruntergeladen werden. Da sogar die Volvo Presseabteilung von „radikal vereinfachter Bedienung“ spricht, ist es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis es sukzessive auch in andere Volvo-Baureihen übernommen wird. Gleiches gilt für die 12,3 Zoll großen Digitalinstrumente der zweiten Generation und zumindest bei den elektrischen Modellen für den Verzicht auf den Start-Knopf.

Im XC40 Recharge Pure Electric wirkt es zwar noch bisschen ungewohnt, auch weil neben dem Lenkrad der vorhandene Platz für den Start-Knopf leer bleibt, aber warum eigentlich nicht. Dank Keyless-Schlüssel und entsprechendem Sensor im Fahrersitz funktioniert es problemlos – Platz genommen und der Stromer ist an. So sehr Volvo traditionell um die Sicherheit bemüht ist und über Jahrzehnte immer neue Features in dem existenziell wichtigen Bereich entwickelt hat, sollte man sich darum wohl keine Gedanken machen müssen. Im ohnehin schon mit extrem hoher Sicherheit gesegneten XC40 debütiert nun zusätzlich der Emergency Stopp, der beispielweise bei Ohnmacht oder Sekundenschlaf den Wagen nach Vorwarnung bis zum Stillstand abbremst. Doch nun heißt es erstmal losfahren …

Mit Echtzeit-Verkehrsmeldungen an Engpässen vorbei, gleiten wir nahezu geräuschlos durch die City von Hamburg. Wer möchte, kann den One-Pedal-Modus aktivieren – doch Vorsicht – die stark programmierte Rekuperation verlangt etwas Gewöhnung. Die dadurch geschonten Bremsen hinter den 20-Zoll-Felgen sowie die Reichweite werden es danken. Wobei die Reichweite nach voller Ladung der platzsparend und sicher im Unterboden verbauten, 75 kWh speichernden Lithium-Ionen-Batterien ohnehin mit rund 400 km (WLTP kombiniert) und über 500 km (WLTP innerorts) für viele Zwecke mehr als ausreichend sind. An 150-kW-Ladesäulen sollen 80 % nach 40 Minuten erreicht werden. Mit diesem beruhigenden Gefühl können wir auf unserer Tour aus Hamburg heraus entlang der Elbe nach Glücksstadt auch mal „Gas geben“.

Dann rauben die beiden Elektromotoren mit zusammen 300 kW / 408 PS und 660 Nm zumindest kurz den Atem. Typisch Stromer steht die beeindruckende Kraft quasi aus dem Stand parat und 4,9 Sekunden auf 100 km unterstreichen den subjektiven Eindruck. Doch auch die Durchzugskraft bis zu der Volvo-Philosophie folgenden, elektronisch abgeriegelten Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h ist mehr als ausreichend. Der durch die zwei Elektromotoren generierte Allradantrieb feiert bei den Schweden nicht nur sein 25. Jubiläum, er bringt gerade im Winter mit verschneiten Straßen, aber auch darüber hinaus zum Beispiel bei Nässe bekanntlich mehr Sicherheit. Wer dennoch darauf verzichten möchte oder wegen des Preises muss, kann sich freuen, dass Volvo den XC40 Recharge Pure Electric später auch mit nur einem Elektromotor und weniger Batteriekapazität an den Start bringen wird. Als P8 AWD beginnen die Preise bei rund 60.000 Euro. Unser Testwagen hatte einen Wert von noch stolzeren 71.475 Euro.

Volvo ist und bleibt eben Premium – auch ab 2030 mit dann ausschließlich vollelektrischen Baureihen wie dem C40. Das XC40-Schwestermodell mit Coupé-Heck kommt allerdings schon im Herbst diesen Jahren und soll nicht „nur“ die Absatzzahlen von Volvo hierzulande und weltweit weiter steigern, sondern auch den Marktanteil an Premium-Fahrzeugen „mit Stecker“, also von Plug-in-Hybride und reinen Stromern, weiter steigern. Volvo scheint mit der langfristig angelegten Elektrifizierungs- und Wachstumsstrategie auf einem guten Weg.