Gipfelstürmer: Volvo S60 & V60 Polestar

20.09.2016 | Christian Sauer | Testrides

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Mit ihrem ersten Komplettmodell für Deutschland treten die Schweden dynamischer denn je gegen die Sport-Modelle der großen Hersteller an. Wir testeten den S90 / V90 Polestar in den Alpen unter anderem auf der legendären Großglockner-Hochalpenstraße. Geht dem „aufgeblasenen“ Vierzylinder mit 367 PS dort die Luft aus?

Zumindest hierzulande werden die wenigsten Autofahrer- und käufer Volvo mit besonders sportlichen Modellen verbinden beziehungsweise bislang damit verbunden haben. Über Jahrzehnte hinweg bauten die Schweden solide, aber die schwedische Nüchternheit und Sachlichkeit ausstrahlende Wagen ohne besonders dynamischen Charakter. Dabei ist Volvo schon seit 1985 mit Tourenwagen wie dem 240 Turbo („The Flying Brick“ / „Fliegender Ziegelstein“) im Motorsport aktiv und arbeitet seit 1996 mit Polestar, zuerst noch unter dem Namen „Flash Engineering“, als Rennteam zusammen. 2009 wurde Polestar zum offiziellen Performance-Partner ernannt und konnte fortan über die Händler Software-Updates zur Leistungssteigerung mit voller Garantie anbieten. Letztes Jahr wurde Polestar dann komplett von der Volvo Car Group übernommen und soll nun eine ähnliche Rolle wie die quattro GmbH bei Audi, die M GmbH bei BMW oder AMG bei Mercedes-Benz einnehmen. Die bereits bestellbaren R-Modelle der einzelnen Volvo-Baureihen mit sportlichen Ausstattungen samt speziellen Details im Exterieur und Interieur sowie dynamischeren Fahrwerken wird es trotz Polestar jedoch weiterhin geben.

 

Die Performance Optimierung in Form von „Chip-Tuning“ für fabrikneue oder gebrauchte Volvos inklusive voller Herstellergarantie bleibt zwar ein, wenn nicht sogar das wichtigste Standbein von Polestar, mittelfristig sollen Accessoires und Performance Parts mehr Umsatz bringen. Doch schaut man sich die Entwicklung der deutschen „Haus-Tuner“ an, werden Komplettfahrzeuge wohl zukünftig eine noch wichtigere Rolle spielen. Seit 2013 gibt es sie zumeist limitiert schon für ausgewählte Märkte wie Australien und nun folgt mit dem 60er als Kombi sowie Limousine die deutsche „Premiere“ für Polestar. Das dies kein Zufall ist, liegt zum einen daran, dass aktuell der S60 als Rennwagen in der WTCC eingesetzt wird und zum anderen, dass Volvo seiner Mittelklasse vor dem Modellwechsel im nächsten Jahr mit der letzten Evolutionsstufe nochmal einen Boost verleihen möchte. Mehr als 50 Modifikationen bei Antrieb, Fahrwerk, Bremsen, Exterieur und Interieur spendierten die Schweden unter ihrem deutschem Polestar-Geschäftsführer Niels Möller dem bis dato leistungsstärkstem Serienmodell von Volvo. „Wir wollten bewusst kein Trackday-Car für den Kampf um Rundenrekorde mit dem entsprechend aufwendigem Wettrüsten“ erklärt Möller und ergänzt „es sollte typisch Volvo alltagstauglich und sicher, ein Sportwagen für jeden Tag mit hoher Präzision und Verlässlichkeit werden.“

Schauen wir uns die Modifikationen im Detail an: Da wäre zuerst die Aerodynamik zu nennen, die dank Front- und Heck- beziehungsweise Dachspoiler und Diffusor für mehr Anpressdruck sorgt. Die Optik samt 20-Zoll-Leichtmetallfelgen wirkt insgesamt sportlich(er) aber nicht „prollig“. Schwarz glänzen die Außenspiegel und der Kühlergrill. Je nach gewählter Lackierung fällt der Polestar in Schwarz oder Silber weniger, in Weiß oder dem typischen Blau stärker auf. Unabhängig von den vier Lacktönen präsentieren sich die Polestar-Logos und -Schriftzüge ausnahmslos blau, was an Opels Performance Marke OPC erinnert. Blaue Akzente finden sich ebenfalls im Cockpit mit Nubuk- und Nappaleder für die Sportsitze und das beheizbare Sportlenkrad, am Automatikwählhebel, an den Polestar Pedalen und Fußmatten. Positiv erwähnenswert finden wir die Zierelemente aus echtem Carbon und die zahlrechen Sicherheitsassistenten. Dass die aktuelle Generation des S60 und V60 allerdings inzwischen etwas in die Jahre gekommen ist, merkt man dem Infotainment-System an. Gerade im Vergleich zu Volvos Oberklassemodellen S90/V90 und XC90 wirkt das 7-Zoll-Display und dessen Bedienung nicht mehr state-of-the-art. Auf komplett digitale Instrumente muss oder darf – je nach Sichtweise – der Fahrer auch verzichten, doch zumindest steht der Drehzahlmesser im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Höhenflüge sind bei Turbomotoren von Natur aus nicht zu Erwarten oder notwendig. Da macht der grundlegend überarbeitete Vierzylinder mit 2,0 Liter Hubraum, von dem leider außer der Carbon-Domstrebe nicht viel zu sehen ist, keine Ausnahme. Sein maximales Drehmoment von 470 Nm liegt zwischen 3.100 und 5.100 Touren an. Die 367 PS versammeln sich dann bei 6.000 Umdrehungen, womit der Polestar im achten Gang bei 250 km/h elektronisch abgeriegelt wird. 4,7 Sekunden benötigt der S60 auf Tempo 100 – der 43 kg schwerere V60 (1.796kg) ist 0,1 Sekunden langsamer. Die 8-Stufen-Automatik wurde neu programmiert, lässt sich per Paddel manuell schalten und hält in Kurven den Gang. Analog zum „normalen“ Sportmodus wird auch Sport+ über den Automatik-Wählhebel aktiviert. Eigentlich nur für die Auto-Entwickler gedacht, lässt er sich allerdings nur im Stand und etwas umständlich einlegen. Dafür hält er ab dem zweiten Gang die Drehzahl immer über 4.000 und schaltet schneller. Der Edelstahl-Auspuff mit aktiven Klappen wird komplett geöffnet und klingt dann richtig kernig. Passend zum sportlichen Einsatz kann in Sport+ das neu abgestimmte ESC deaktiviert und die Launch Controll aktiviert werden. Zusammen mit dem elektronisch gesteuerten Allradsystem, der im Polestar-Modus die Kraft zu gleichen Teilen auf Vorder- sowie Hinterräder verteilt und ansonsten als Frontantrieb arbeitet, wirkt der stärkste 60er auch während unserer Testfahrt hinauf zum Großglockner gut berechen- und kontrollierbar.

Sportfahrer würden sich zu Gunsten des Fahrspaß vielleicht eine noch hecklastige Kraftverteilung wünschen, aber trotz (oder gerade wegen) der Abstimmung von Profi-Rennfahrern soll der Polestar eben ein sportlicher Allrounder sein. Und wenn folgerichtig auch keine Rennstrecke für unsere Testfahrt auserkoren wurde, ist die Großglockner-Hochalpenstraße doch nicht zu verachten. In den schier endlosen Kehren hinauf kann das aufwendige Fahrwerk beweisen, dass es selbst ohne adaptive Dämpfer ein hohes Maß an Fahrdynamik bietet und das trotz des für den Alltag noch akzeptablen Abrollkomforts. Zu verdanken ist es neben der Servolenkung samt drei wählbaren Stufen an Kraftunterstützung, der Domstrebe zur Erhöhung der Verwindungssteifigkeit, auch den steiferen Federn und den einstellbaren Polestar Öhlins Stoßdämpfer aus dem Motorsport. Während dem Motor, Turbo-typisch auf 2.504 Meter Höhe spürbar die „Luft ausgeht“ und dessen Leistung nachlässt, verlieren die 245er Michelin Pilot Super Sport nach der Bergfahrt auch bei bergab nicht spürbar an Traktion. Hier am Großglockner, wo die meisten Autohersteller die Bremsen ihrer neuen Modelle testen, sind wir froh, im Volvo S60 / V60 Polestar starke Brembo-Stopper an Bord zu haben. Vorn kommen 6-Kolben-Bremssättel in Verbindung mit Hochleistungs-Bremsbelägen und innenbelüfteten, schwimmenden Bremsscheiben im Durchmesser 30,2 cm zum Einsatz.

Volvo hat mit dem S60 / V60 Polestar also wirklich ein attraktives Gesamtpaket geschnürt, das von der reinen Motor-Leistung her zwar nicht mit einem M3 oder AMG C 63 mithalten kann, einem AMG C 43 oder S4 aber ebenbürtig scheint. Dass Performance „Made in Sweden“ nicht günstig ist, war anzunehmen und beweist der Preis von 68.000 Euro für den S60 Polestar respektive 69.900 Euro für den V60 Polestar – jeweils ab Werk nahezu voll ausgestattet. Die Jahresproduktion ist weltweit vorerst mit insgesamt 1.500 Exemplaren geplant, wovon zehn Prozent nach Deutschland gehen und davon wiederum zwei Drittel V60 sein sollen. Unabhängig davon, dass hierzulande sowieso eher Kombis statt (Stufenheck-)Limousinen gefragt sind, spricht das höhere Kofferraumvolumen von 430 zu 380 Litern für letztgenannten.

Ob der S60 / V60 selbst als Polestar das richtige Modell sein wird, um bestehende Kundschaft zu halten und ihnen etwas neues zu bieten, muss ebenso abgewartet werden, wie der Versuch, verlorene Kunde damit wieder zu gewinnen oder gar neue für Volvo zu begeistern. Doch selbst wenn im Fall von Polestar nicht ganze Autos verkauft werden, dann aber vielleicht zumindest Accessoires, Teile oder Upgrades. Wahrscheinlich werden die Komplettfahrzeuge aber die positive Entwicklung des schwedischen Premium-Herstellers weltweit und auch hierzulande unterstützen, die vor allem den großen Modellen XC90, S90 und bald auch V90 zu verdanken ist. Außerdem steht neben dem V90 Cross Country auch der neue XC60 in den Startlöchern und in der Entwicklung sind zudem die Neuauflagen des V40 und eben des S60 / V60. Es überrascht also kaum, dass im Zuge dessen auch weitere Polestar-Modelle geplant sind.

Und das sagen andere Blogger und Journalisten zum Volvo S60 & V60 Polestar: