(Track)Test: Alfa Romeo 4C mit Suchtgefahr

06.10.2013 | Christian Sauer | Testrides

Alfa Romeo 4C Drivers Club Germany 2

Im tagtäglichen Einsatz ist der Wert vielleicht mit viel Disziplin erreichbar. Stören werden ein paar Liter mehr Verbrauch durch den Motor hinter dem Cockpit wohl weniger die bauartbedingte, eingeschränkte Sicht nach hinten. Wenn schon keine Rückfahrkamera, gibt es dafür auf Wunsch zumindest Piepser am knackigen Heck. Trotz der Länge mit nur 3,98 Meter werden zukünftige 4C-Besitzer wohl nicht nur wegen der fehlenden Servolenkung Parkhäuser und Tiefgaragen meiden. Die Front ist so tiefgezogen, dass wir mit der Plastiklippe gleich mehrfach Kontakt zum italienischen Asphalt aufnahmen. Hier wäre zumindest die Option auf eine Liftanlage sinnvoll. Für längere Reisen eignet sich der neue Alfa ebenfalls nur bedingt. Der Kofferraum bietet mit 157 Litern gerade mal einem Trolley und einem Handtäschchen Platz.

Ähnlich knapp geschnitten präsentiert sich der Innenraum. Ablagen gibt es nur zwischen den schmalen Sportsitzen in Form einer abschließbaren Box und eines Netzes, dort wo sonst bei anderen Autos ein Handschuhfach wartet. Noch wichtiger, wer den kompakten entern will, sollte sehr flexibel und möglichst nicht zu groß oder gar korpulent sein. Sonst wird es extrem eng in der schmalen Pilotenkanzel. Der Sozius nimmt trotz der Fixierung seines Sitzes ganz hinten oft ungewollt Kontakt mit dem Instrumententräger auf. Der ist auf den Piloten ausgerichtet und mit nur wenigen Knöpfen bestückt, die auf den ersten Blick zwar stylisch aussehen, deren Haptik aber keinen hochwertigen Eindruck hinterlässt. Das gilt auch für das serienmäßige Radio im alten DIN-Format. Da der Sound sowieso unüberhörbar hinter uns spielt, würden wir entweder ganz darauf verzichten und eine zusätzliche Ablage bevorzugen oder zumindest ein anderes Gerät einbauen lassen.

 

Während uns das TFT-Display mit den digitalen Instrumenten à la Lamborghini Aventador gut gefällt, sind wir von der Qualität der innen verwendeten Materialen enttäuscht. Der Kontrast zwischen dem sichtbaren Carbon des Chassis und dem billigen Hartplastik ist unserer Meinung nach zu hart. Gegen Aufpreis gibt es zwar Möglichkeiten, den Innenraum mit schwarzem oder rotem Leder, sowie Carbon-Blenden individuell aufzuwerten, aber warum haben die Italiener ihrem exklusiven Flaggschiff nicht gleich serienmäßig Alcantara oder Kuhhaut spendiert? Im Maserati-Werk in Modena gehören edle Materialien doch zum Standard, oder?

Genug der Kritik, für den Grundpreis 50.500 Euro muss genau kalkuliert werden und zum Glück wurde nicht an der überzeugenden Fahrdynamik gespart, die den 4C nachhaltig zu einem außergewöhnlichen Fahrzeug macht. Keine Frage, der moderne Sportwagen ist ein Glücksfall für Alfa Romeo und auch, wenn er die Traditionsmarke allein nicht aus der wirtschaftlich schwierigen Situation bringen kann, ist sein Wert als Brandshaper nicht zu unterschätzen. Der 4C soll helfen, den über viele Jahre missachteten US-Markt, sowie aufstrebende Regionen der Welt mit italienischem Charme zu erobern und selbst auch Gewinn einfahren. Von den rund 3.500 pro Jahr geplanten Exemplaren sind zumindest einige hundert für Deutschland vorgesehen, die aber sicher schnell vergriffen sein werden. So wird der 4C ein sehr seltener Anblick bleiben – also Augen auf und jeden Moment mit dem neuen Alfa genießen!