(Track)Test: Alfa Romeo 4C mit Suchtgefahr

06.10.2013 | Christian Sauer | Testrides

Alfa Romeo 4C Drivers Club Germany Fahrbericht Tracktest

Kann der neue Kompaktsportler tatsächlich Lotus oder gar Porsche gefährlich werden? Ist der bei Maserati gebaute Alfa sogar ein Ferrari im Pocketformat und wie viel Fahrspaß können 240 PS bringen? Diese Fragen klärt der Fahrbericht von Drivers Club Germany Chefredakteur Christian Sauer.

Balocco? Wer? Wo? Was? Fragezeichen über Fragezeichen und das ist kein Wunder, schließlich ist es der Name eines winzigen Dorfes rund 60 km nordöstlich von Turin. Dennoch liegt hier Benzin in der Luft: In der fast menschenlosen Gegend befindet sich nämlich das riesige Testgelände des Fiat-Konzerns. Während sich neue Jeep-Modelle und noch getarnte Geländeversionen des Fiat 500 auf den Offroadpassagen durch den Schlamm wühlen, nutzen Ferrari und Maserati derweil die mehr als 25 km langen Asphaltpisten. Herzstück ist und bleibt aber der sogar durch die FIA zertifizierte Rundkurs, auf dem Alfa Romeo schon seit den sechziger Jahren legendäre Renn- und Sportwagen mit klangvollen Namen wie Disco Volante oder Scarabeo abstimmte.

Es gibt also kaum einen besseren Ort, um den neuen Hoffnungsträger 4C zu präsentieren und der Traditionsmarke damit neues Leben einzuhauchen. Dabei kann Alfa Romeo Synergien innerhalb des Fiat-Konzerns nutzen: Ingenieure von Maserati halfen nicht nur bei der Konstruktion, in Modena findet auch die Montage statt. Von einem Ferrari-Zulieferer stammt das Kohlefaser-Monocoque, dem der Alfa seine Verwindungssteifigkeit und vor allem sein extrem geringes Gewicht von 895 Kilogramm verdankt. Damit zählt der 4C nicht nur unter den Sportlern zu einem der leichtesten Straßenmodelle überhaupt. Es sorgt auch für ein beeindruckendes Leistungsgewicht von 3,85 kg/PS, womit der Italiener auf dem Niveau eines aktuellen Porsche 911 Carrera liegt.

Doch statt auf einen stärkeren, aber gleichzeitig schwereren und teureren Motor zu setzen, verpflanzte Alfa Romeo seinem 4C den Turbo-Vierzylinder des Giulietta QV. Aus lediglich 1,8 Liter Hubraum schöpft er vermeintlich bescheidene 240 PS bei 6.000 Umdrehungen. Das Drehmoment von 350 Nm liegt ab 2.100 Touren an. Doch nicht nur zu Gunsten der optimalen Gewichtsverteilung entschieden sich die Konstrukteure für das Mittelmotor-Layout. Wie kein anderer Alfa nach dem 8C samt Ferrari-Motor weckt der 4C auch wieder akustisch Emotionen. Direkt nach dem Start per klassischem Schlüsseldreh und ohne Knopfdruck gehen die ersten Töne durchs Mark. Unser mit dem optionalen Sportauspuff gesegneter Testwagen schien von Zurückhaltung noch nie etwas gehört zu haben. Lautstark und mit tiefer Stimmlage grollend, würden wir gefühlt eher einen Supersportwagen mit der doppelten Leistung oder sogar noch mehr vermuten. Das unüberhörbare Fauchen des Turbos erinnert uns sogar ein wenig an die automobile Top-Liga à la Bugatti Veyron oder Pagani Huayra.

 

Wie es sich für einen modernen Sportwagen gehört, arbeitet im 4C ein schnell schaltendes Getriebe mit Schaltpaddels. Selbst der Automatikmodus des bei Alfa „TCT“ genannten Doppelkupplungsgetriebes wechselt die sechs Gänge anstandslos und überträgt die Kraft des Mittelmotors auf die serienmäßigen 18 oder gegen Aufpreis 19 Zoll großen Heckräder mit Pirelli-Sportbereifung. Auf Wunsch einzeln oder im Paket erhältlich ist das von uns getestete Sportfahrwerk.  Hart aber nicht zu hart wirkt der 4C damit und schluckt Bodenunebenheiten recht geschmeidig. Der gute Geradeauslauf überrascht bei dem kurzen Radstand von nur 2,38 m, was sicherlich auch an der Breite von 1,86 m und dem tiefen Schwerpunkt der nur 1,18 m flachen Flunder liegt.

Nur wenige Zentimeter trennen uns vom Asphalt und dementsprechend direkt ist auch der Fahrbahnkontakt in den Kurven. Da liegt der Alfa sprichwörtlich wie ein Brett und folgt super agil jeder Richtungsänderung am kleinen, nur zweispeichigen Lenkrad. Dies ist zum einen der aufwendigen Fahrwerkskonstruktion mit Komponenten aus dem Motorsport und zum anderen dem Verzicht auf eine Servounterstützung zu verdanken. Wir vermissen diese höchstens beim Rangieren, doch wer will mit diesem Renner schon gern rückwärts fahren. Ganz drum herum kommen werden zukünftige Besitzer im Alltag wohl dennoch nicht.

Vor allem auf kurvigen Landstraßen oder auf abgesperrtem Terrain, wie dem Testgelände Balocco, zaubert uns der 4C ein breites Lächeln ins Gesicht. Die offiziell angegebenen 4,5 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h wirken dank der Launch Controll subjektiv noch schneller und die Bremsen bringen das Leichtgewicht auch ohne teure Keramik-Scheiben in knapp 35 Metern wieder zum Stehen. Der bereits vom MiTo und Guillietta bekannte Fahrdynamikschalter D.N.A. wurde um einen vierten Modus erweitert. Doch selbst im „Race“ mit (fast) komplett deaktivierten elektronischen Helferchen  bleibt der Mittelmotor-Sportler zumindest auf trockener Strecke gut beherrschbar – kontrollierten Drifts zeigt er sich allerdings nicht abgeneigt. Auf der langen Gerade scheint dem 4C mit offiziellem Topspeed 258 allerdings etwas die Luft auszugehen.

Noch eine Cool-Down-Runde und zurück zu den historischen Alfa-Werkstätten auf dem riesigen Testareal. Dort steht auch der 4C-Prototyp, der bei Testfahrten die Nürburgring-Nordschleife in gerade einmal 8:04 Minuten absolvierte. Das reicht zwar nicht, um  den neuen Rekord des Porsche 918 von 6,57 zu unterbieten, aber der Vergleich wäre auch nicht fair. Schließlich kostet der Alfa Romeo samt Vollausstattung mit unter 60.000 Euro auch nur einen Bruchteil des deutschen Hybrid-Supersportlers. Doch auch ohne zusätzlichen Elektroantrieb, der beim 4C derzeit nicht vorgesehen ist und wenn überhaupt erst nach einer Roadsterversion folgen würde, soll ein Durchschnittsverbrauch von 6,8 Litern auf 100 km möglich sein. Den konnten wir bei unserer, zugegeben sehr sportlichen Testfahrt nicht bestätigen.