Toyota GR Yaris

30.06.2021 | Christian Sauer | Testrides

Bietet die wahnwitzige Straßenversion des WRC-Rennwagens mit 261 PS echtes Rallye-Feeling für jeden Tag?

Mit legendären Piloten wie den mehrfachen Weltmeistern Juha Kankkunen und Carlos Sainz – Vater des aktuellen Ferrari Formel 1 Fahrers – sowie mit mindestens genauso legendären Rennwagen wie dem Celica GT-Four oder dem Corolla WRC kann Toyota stolz auf eine lange Erfolgsgeschichte im Rallyee-Sport zurückschauen. Ausgeruht haben sich die Japaner um Akio Toyoda jedoch nicht auf ihren Lorbeeren, sondern kehrten 2017 mit dem Yaris WRC auf die weltweiten Wertungsprüfungen zurück. Mit Sébastien Ogier führt Toyota derzeit die Weltmeisterschaft an und Fahrer- sowie Teamtitel sind in Reichweite.

Vom Rennwagen inspirierte, zivile Sondermodelle mit Straßenzulassung gab und gibt es bekanntlich von vielen Herstellern. Über Design- und Ausstattungsdetails hinweg ist ein direkter Technologietransfer jedoch selten, stehen die Kosten für die Hersteller oft in keinem Verhältnis zum Gewinn. Dementsprechend handverlesen sind bzw. waren limitierte und vergleichsweise teure Imageträger mit Allradantrieb à la Audi A1 quattro und VW New Beetle RSi. Doch Toyota’s Motorsportabteilung Gazoo Racing, die uns schon den GR Supra bescherte, geht mit dem Yaris genau diesen Weg. Wie der WCR-Rennwagen hat auch der GR Yaris vom Toyota Händler um die Ecke allerdings nicht viel mit dem „normalen“, deutlich unauffälligeren und für Innenstädte prädestinierten Yaris gemeinsam.

In der Länge wächst der GR Yaris um 5,5 cm auf 3,99 m und macht sich nun 6 cm / 1,80 m breit(er). Die tiefgezogene Front fängt viel Kühlluft für den Motor und bei Wahl des optionalen Performance-Paketes auch für die Vorderbremsen ein. Zwecks Diät sind die Motorhaube sowie beiden Türen aus Aluminium gefertigt und dessen Fenster sind exklusiv rahmenlos. Das zum Heck hin abfallende Dach Dach des GR Yaris sieht nicht nur nach Carbon aus, es ist auch erstmals bei einem Toyota-Serienmodell tatsächlich aus echtem, teurem Kohlefaser und spart 3,5 kg – auch für einen besseren Schwerpunkt.

Nicht minder spektakulär finden wir das breite, eigenständige Heck des GR Yaris mit seinen beiden dicken Endrohren und der verbreiteten Spur. Geschmiedete 18 Zoll große BBS-Felgen mit 255er Michelin Pilot Sport 4S sucht man(n) bei anderen Kleinwagen ansonsten derzeit vergeblich. Die roten Bremssättel der Performance Version sehen nicht nur sportlich aus, sondern weisen schon im Stand auf deren Kraft hin. Während hinten jeweils zwei Kolben und 29,7 cm messende Bremsscheiben auf ihren Einsatz warten, lauern vorn sogar jeweils vier und 35,6-cm-Scheiben.

Doch bevor wir uns den GR Yaris „zur Brust nehmen“, werfen wir noch einen Blick in den Kofferraum. Der fällt mit 141 Liter zwar weniger als halb so groß wie bei den zivileren Yaris-Varianten aus, aber wen kümmert’s? Wohl niemanden, der sich ernsthaft für den Rallye-Knirps interessiert. Anstelle der umklappbaren Rücksitze, wo höchstens Kleinkinder halbwegs Platz finden, wären doch zumindest optional ein Überrollbügel, Sechspunkt-Gurte und tiefe(re) Schalensitze sehr reizvoll. Die serienmäßigen Sportsitze bieten im mit Alcantara und roten Ziernähten aufgewertetem Cockpit zwar guten Seitenhalt, aber sind – typisch für sportliche Kleinwagen – uns zu hoch. Für ebenso coole wie spaßige Winterdrifts gibt es Sitzheizung und Lenkradheizung. Neben zahlreichen „GR“-Logos weist eine Plakette neben dem klassischen Handbremshebel darauf hin, dass dieser ganz spezielle Yaris für die FIA Rallye Weltmeisterschaft entwickelt wurde.

Anders als im Rennwagen werden in dessen Straßenversion die Gänge – sechs an der Zahl – jedoch nicht per Schaltpaddel, sondern traditionell von Hand gewechselt. Knackig, mit kurzen Wegen und auf Knopfdruck mit automatischem Zwischengas gesegnet, lässt das Getriebe die Herzen von vielen Enthusiasten mit Benzin im Blut höher schlagen. Für alle anderen wäre zumindest die Option auf schnelle Gangwechsel am handlichen Lenkrad wohl attraktiv und einen nennenswerten Aufpreis wert. Apropos „Aufpreis“ und Kritik: Trotz des serienmäßigen 8-Zoll-Touchscreens gibt es im GR Yaris kein Navi und auch einen Co-Piloten, der wie auf Rallye-Wertungsprüfungen per Roadbook den Kurs vorgibt, findet sich nicht in der Aufpreisliste.

Außer im Display zwischen den analogen Instrumenten zeigt das große Display leider ebenfalls keine Leistungsdaten an. Immerhin hilft die Rückfahrkamera, denn die Sicht nach hinten ist ziemlich eingeschränkt. Für viele sicher relevanter – auch nach vorn ist die Sicht nicht uneingeschränkt, denn zwischen dem aufgesetztem Infotainment-Display und dem recht klobigen, da selbstabblendenen Rückspiegel bleibt nur ein relativ kleiner Schlitz – schwierig, um Rechtskurven richtig anzuvisieren. Schade, denn „Kurvenräubern“ macht im GR Yaris richtig viel Spaß und deutlich mehr als bloßes Gasgeben auf der Autobahn. 230 km/h (abgeriegelte) Höchstgeschwindigkeit sind zwar sehr beeindruckend in einem Kleinwagen, zumal der Toyota dabei nicht nervös oder unruhig wirkt und sogar relativ entspannt längere Fahrten möglich sind, wenn auch es dafür gibt es sicherlich prädestiniertere Modelle gibt.

Sein Revier sind Landstraßen: Zum einen kann der Dreizylinder-Turbo mit 1,6 Liter Hubraum, satten 261 PS und 360 Nm Drehmoment auftrumpfen. Dank lediglich 1.280 kg Gewicht ergibt sich ein Leistungsgewicht von nur 4,9 Kilogramm pro PS und in gerade einmal 5,5 Sekunden sprintet der GR Yaris aus dem Stand auf Tempo 100. Die Soundkulisse passt dazu, könnte jedoch im Sport- und Track-Modus vielleicht noch etwas kerniger sein. Doch wie der Auspuff bleibt auch die elektrische, ohnehin schön direkte Servolenkung und das zum Glück nicht brettharte Fahrwerk davon unbeeinflusst. Ohne adaptive Dämpfer geht der Fahrkomfort bei der gebotenen, außergewöhnlichen Fahrdynamik in Ordnung. Der Toyota reagiert feinfühlig auf Richtungswechsel, aber nicht zu sensibel gerade für kleine Landstraßen, wo der Asphalt oft nicht perfekt ist und wo andere Sportwagen nicht nur wegen Ihrer Größe und Leistung schnell an ihre natürlichen Grenzen stoßen.

Dafür verändert ein Dreh am Modus-Rädchen merklich die Charakteristik des permanenten Allradantriebs. Während im „Normal“-Modus die Kraft im Verhältnis 60:40 zwischen Vorder- und Hinterräder verteilt wird, neutralisiert es „Race“ zu 50:50. Richtig spaßig wird es für erfahrende Piloten in „Sport“ mit 70 % an der Hinterachse und in der von uns gefahrenen Perfomance-Variante dank Torsen-Sperrdifferenzial separater Verteilung zwischen den Rädern. Sprichwörtlich flink wie ein Wiesel schlägt der kompakte GR Yaris kurze Haken und nimmt enge Kehren wie ein Slalomfahrer – oder eben wie ein Rallye-Pilot mit Handbremse. Die „normalen“ Bremsen verzögern stark und sehr gut dosierbar, allerdings geht der automatische Warnblinker bei sportlicher Fahrweise öfter an als notwendig. Das erinnert uns dann wieder, dass wir in einem Straßenauto und doch nicht im WRC-Rennwagen sitzen.

Dennoch ist Toyota mit dem GR Yaris und großem technischem Aufwand die derzeit authentischste und kompromissloseste Umsetzung von Rallye für die Straße gelungen. Er ist eine echte Spaßmaschine für ambitionierte Amateure und sogar für Profis, Motto: je enger die Kurven – desto mehr Spaß im GR Yaris. Selbst auf der Nordschleife überzeugt er, wodurch sich die mindestens 33.200 Euro und 37.700 Euro für das Perfomance-Paket relativieren. Aus unserer Sicht ist er es wert!