Toyota GR Supra

28.11.2019 | Christian Sauer | Testrides

Wir testen den neuen Sportwagen, der puren Fahrspaß bieten soll. Ob der Zweisitzer mit Sechszylinder-Turbo und Heckantrieb die hohen Erwartungen erfüllt, klärt unser Fahrbericht.

Bereits der Name verspricht viel: GR steht nämlich für GAZOO Racing, also die bei den 24h von Le Mans und der Langstrecken-WM sowie Rallye-WM siegreichen Motorsport-Abteilung der Japaner. Die Experten mit PS im Blut übernahmen für das erste GR-Straßenmodell den Feinschliff insbesondere auf der Nordschleife und den kurvigen Landstraßen in der Eifel. Grünes Licht gab schließlich Toyota-Präsident Akio Toyoda in seiner Funktion als „Meisterfahrer“ beim letzten Test auf dem Nürburgring. Dort ging Toyota dieses Jahr beim 24-Rennen zuerst mit einem Korso mehrerer Klassiker und neuer Supras inklusive unseres Testwagens und dann mit dem neuen GT4-Rennwagen an den Start.

Die fünfte Supra-Generation tritt ein großes Erbe an, das vor über 50 Jahren mit legendären 2000 GT begründet wurde. Die eigentliche Tradition begann 1978 mit der auf „Supra“ getauften Topversion des Toyota Celica. Seine Eigenständigkeit errang der Supra allerdings erst 1986 mit der dritten Generation, die bis 1992 auch mit Targa-Dach gebaut wurde. Die direkt anschließende Generation kam ebenfalls mit herausnehmbaren Dachteil, aber mit deutlich runderem Design und großem Heckspoiler nach Deutschland und Europa – allerdings wegen den strengeren Abgasnormen nur bis 1996 – in den USA konnte er noch bis 1999 und in Japan bis 2002 neu gekauft werden. Beliebt war bzw. ist der Supra MKIV immer noch bei Tunern und bekannt durch die Hauptrollen bei den Fast and Furious Blockbustern.

Getunt oder – schöner formuliert – veredelt, wird zukünftig sicher auch der neue Supra. Die fünfte Generation verzichtet ab Werk (vorerst) auf einen großen aufgesetzten Flügel. Stattdessen wurde der Spoiler als Abreiskante in das knackige Heck mit 1,85 m Breite integriert. Die 4,38 m messende Seitenansicht wird durch die weit nach hinten geschobene Pilotenkanzel mit dem „Double-Bubble“-Dach, straffe Rundungen und die lang gestreckte Motorhaube geprägt. An der niedrigen Front mit seitlichen Flaps als Teil des aufwendigen Aerodynamikpakets samt verkleidetem Unterboden leuchten ebenso sehenswerte wie wirkungsvolle Voll-LED-Scheinwerfer. Während die großen Luftöffnungen darunter tatsächlich ihrer Funktion dienen, trägt der Supra die Öffnungen auf der Motorhaube, an seinen Flanken und am Heck lediglich zur Schau. Schade finden wir, dass der „Fake“ von außen so direkt sichtbar ist und nicht geschickter „verschleiert“ wurde. Insgesamt finden wir das eigenständige und moderne Design mit Reminiszenzen an die Historie sehr gelungen – und nicht nur wir – auch die augenscheinlich begeisterten Passanten mit ihren gezückten Handys. Optisch scheint Toyota beim neuen Supra also alles richtig gemacht zu haben. Und technisch?

Der 3,0 Liter große Reihen-Sechszylinder kommt von BMW und wird im aktuellen Z4, genauer gesagt in dessen derzeitiger Topversion M40i eingesetzt. Dank Twin-Scroll-Turbolader, präziser Direkteinspritzung und stufenloser Ventilsteuerung leistet er nicht „nur“ 500 Nm Drehmoment ab 1.600 Touren sowie 340 PS zwischen 5.000 und 6.500 – die Art und Weise ist ebenfalls bemerkenswert. Der Motor arbeitet sehr geschmeidig und ohne spürbare Vibrationen. Bei der gleichmäßigen Kraftentfaltung könnte man(n) vielleicht subjektiv den „fehlenden Punch“ früherer Turbos vermissen, aber dafür belohnt der Supra mit nahezu ansatzloser Leistung. Er hängt super am Gas und beschleunigt auf Wunsch auch per Launch-Control mit Reifenspur auf dem Asphalt in 4,3 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Bei 250 km/h wird aktuell (schon) abgeregelt, wobei aus unserer Sicht locker noch mehr gehen würde.

Die serienmäßige 8-Stufen-Automatik mit kurzer Übersetzung in niedrigen Gängen reagiert und schaltet nicht nur in ihrem Sport-Modus so schnell, dass „Eingreifen“ per Paddels zwar möglich aber nicht unbedingt nötig ist. Wer trotzdem partout keine Automatik will und seine Freundin oder Kumpels mit traditioneller Handarbeit beeindrucken möchte, findet zumindest in den USA bereits Tuner, die eine manuelle Handschaltung in den Supra verpflanzen. Keinen Grund zur „Nachbesserung“ sehen wir beim Sound: Der Klappenauspuff mit den beiden dicken Endrohren klingt besonders im Sport-Modus kraftvoll und untermalt das leichtfüßige Hochdrehen röhrend. Doch nicht nur die reine Motorleistung, das Getriebe und der Sound garantieren enormen Fahrspaß, nein, auch das Fahrwerk trägt einen großen Teil dazu bei.

Der GR Supra rollt in Europa mit einem aktiven Differential zu den Kunden, das sowohl beim Beschleunigen als auch beim Abbremsen die Kräfte blitzschnell zwischen den Antriebsrädern verteilt – von null bis 100 Prozent. Mit Hilfe diverser Sensoren verbessert das Differential die Stabilität im Grenzbereich, also speziell im Sport-Modus beim Bremsen und Einlenken ebenso wie beim Herausbeschleunigen aus Kurven. Hinzu kommt der „aktive Kurvenassistent“ ACA (Active Cornering Assist), der mit unabhängigen Bremseingriff die Linientreue in Kurven und die Agilität um die Hochachse – das sog. Giermoment – steigert. Neben der Elektronik verhilft dem Toyota zu bestmöglicher Performance aber auch die grundlegende Konzeption mit Frontantrieb, kurzem Radstand bei breiter Spur, sehr hoher Steifigkeit, tiefem Schwerpunkt und ausbalanciertem Gewichtsverhältnis von 50:50 zwischen Front und Heck. 1.495 kg leicht ist der leere Supra ohne Fahrer*in, aber dabei mit voller Alltagstauglichkeit.

Zusammen mit der elektrischen Servolenkung und dem aufwendigem Fahrwerk samt adaptiven Dämpfern, die auch gegen Nick- sowie Wankbewegungen arbeiten, ergibt sich so ein sportlich fahraktives Handling. Die einzelnen Komponenten lassen sich per Sportmodus weiter schärfen und einzeln konfigurieren. Dementsprechend gerüstet lenkt der GR Supra sehr zackig und zielgenau ein. Selbst ohne mitlenkende Hinterräder tänzelt sein Heck gerne mit. Noch mehr Spaß verspricht der ESP-off-Schalter: Beim einmaligen Drücken wird vor „eingeschränkter Fahrstabilität“ gewarnt. Da schon vorher bei sportlicher Fahrweise die Warnlampe für VSC (Traktionskontrolle) relativ oft aufleuchtet und uns (den nötigen) Respekt einflößt, steigern wir uns vorsichtig. Doch selbst mit den für die herbstliche Witterung notwendigen, hinsichtlich der Fahrdynamik aber nicht optimalen Winterreifen zeigt sich der Supra zumindest auf trockener Strecke gut beherrschbar und kontrollierbar. Wer mit längerem Knopfdruck aber auch auf den letzten Rettungsanker verzichtet, sollte sich mit der Fahrdynamik von Hecktrieblern gut auskennen und aufpassen. Man muss seine eigenen und die physikalischen Grenzen kennen, fühlen und damit umgehen können.

Bei aller fahrdynamischer Herausforderung für ambitionierte Sportfahrer und Profis, die zumindest auf Rennstrecken mit qualmenden Hinterrädern im Drift belohnt werden, lässt sich der Toyota im zivilen Alltag auch dank Assistenten wie aktiver Spurhaltung oder Frontradar entspannt fahren. Ein sicheres Gefühl vermitteln zudem die gut dosierbaren Brembo-Bremsen, vorn mit 34,8-cm-Scheiben sowie vier Kolben. Mit ihrer Kraft überfordern sie zwar die 255er und 275er Winterreifen unseres Testwagens, aber wenn ab Frühjahr die Michelin Pilot Super Sport gleichen Formats auf die geschmiedeten 19-Zoll-Alufelgen aufgezogen werden, sollte dies kein Thema mehr sein. Der Fahrkomfort geht vor allem für einen reinrassigen Sportwagen in Ordnung – gerade in Normalstellung schon recht kommod – aber selbst im Sportmodus nicht zu hart und somit für längere Strecken geeignet.

Gleiches gilt für die beheizbaren und elektrisch verstellbaren Sportsitze mit integrierten Kopfstützen sowie mehr oder weniger Seitenhalt per Knopfdruck. Sie sind schön tief installiert und durch die zwei Höcker im Dach geht es mit der Kopffreiheit. Apropos Platz – es gibt zwar typisch Sportwagen relativ wenige und wenn dann nur kleine Ablagen, aber durch den Verzicht auf in der Praxis kaum nutzbare Notsitze, schluckt der reine Zweisitzer immerhin 290 Liter Gepäck, groß genug für den Wochenendausflug zu zweit, eine Golftasche oder die Ausrüstung für einen Tag auf der Rennstrecke. Unter der Heckscheibe ist der Kofferraum zudem bequem erreichbar. Nur die Bassboxen des JBL-Soundsystems mit zwölf serienmäßigen zehn Lautsprechern machen sich in der „Durchreiche“ zum Cockpit etwas (zu) breit. Dafür klingen sie „fett“ und der guten Geräuschdämmung sei Dank, macht sich auch weniger Bass lastige Musik super.

Insgesamt gibt die Qualität der Materialen und deren Verarbeitung des bei Magna Steyr im österreichischen Graz gebauten Toyotas kaum Grund zur Kritik. Weniger gut gefällt uns, dass zwar viele formschöne Details im Cockpit metallisch glänzen, sich aber dann doch als Plastik – wenn auch nicht als Hartplastik – entpuppen. Trotz unserer Vorliebe für Carbon fänden wir es jedoch schön, wenn nicht alles in Schwarz gehalten wäre und es mehr Möglichkeiten zur Individualisierung als Alcantara- oder Lederbezüge im Premium-Paket gäbe. Die rote Lederausstattung des limitierten Editionsmodells A90 zur Markteinführung des neuen Supra mag vielleicht nicht jeden Geschmack getroffen haben, aber wäre eine attraktive Bestelloption, oder? Ab Werk ist der Supra ziemlich umfangreich ausgestattet: serienmäßig sind das Infotainmentsystem mit 8,8-Zoll-Touchscreen, Rückfahrkamera, Conncected Services, Apple CarPlay und i-Drive-Bediener in der Mittelkonsole, wo die Verwandtschaft zum BMW Z4 wieder erkennbar wird. Doch es gibt sicher schlechtere Technikspender als die Bayerischen Motoren Werke. Dazu gesellen sich eigenständige Details wie die digitalen Instrumente mit zentralem Drehzahlmesser hinter dem angenehm kleinen, gut in der Hand liegenden Lenkrad. Überraschend findet sich an dieser prominenten Stelle kein, und im gesamten Cockpit nur wenige Supra-Schriftzüge.

Da ist Toyota bescheidener und zurückhaltender als andere Hersteller, wobei es die Neuauflage nicht nur wegen der Tradition stolz zeigen könnte. Selbstbewusst fällt hingegen der Grundpreis von 63.690 Euro aus. Zur Relation – der Toyota GT86 mit seinem 2,0 Liter kleinen Vierzylinder-Boxermotor und 200 PS startet bei rund 30.000 Euro. Zurück zum GR Supra, wo abgesehen von den insgesamt sieben Lackfarben dann nur das Premium-Paket für 2.000 Euro dazu bestellt werden kann. Daraus würden wir das farbige Head-up-Display entweder als Standard oder eigene Option begrüßen. Es lenkt den Blick nämlich auf das Wesentliche, auf die Strecke voraus und den enormen Fahrspaß im Toyota GR Supra!