The Cockpit-View: Rennfahrer Christian Puth

14.07.2013 | Christian Sauer | Lifestyle

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Sie sind die eigentlichen Helden der Piste – die vielen Piloten, die ihren Sport nicht professionell, sondern mit viel Engagement als Hobby in ihrer Freizeit betreiben. Im Rahmen des diesjährigen 24h-Rennens auf dem Nürburgring haben wir Christian Puth kennengelernt, der sich heute selbst als Gastautor bei uns selbst vorstellt. Ihn begleiten wir in den nächsten Tagen bei den Vorbereitungen zum anstehenden VLN-Lauf und sind auf seinen Rennbericht gespannt.

Als Niki Lauda in den siebziger Jahren in seinem roten Ferrari um die Formel-1-Weltmeisterschaft fuhr, war ich vier Jahre alt. Und für meine Leidenschaft zum Motorsport gebe ich ihm die „Schuld“. Ich weiß heute nicht mehr genau, welches Rennen ich damals angeschaut habe, aber es sind meine frühesten Erinnerungen an den Motorsport, der mich seitdem in seinen Bann gezogen haben. Einige Jahre später sah ich dann die DTM durch die Grüne Hölle fahren und schaute den 24h-Rennen sowie der VLN zu. Und so sehr ich davon träumte selbst Rennfahrer zu sein, war das für mich unvorstellbar weit weg. Nach etlichen Trackdays, vielen Fahrertrainings und individuellen Coachings, finde ich mich heute nun selbst am Steuer von Renntourenwagen im Rahmen der VLNLangstreckenmeisterschaft über die Nürburgring Nordschleife fahren. Mein Kindheitstraum erfüllte sich.

Die VLN Langstreckenmeisterschaft ist ein Championat, das aus zehn Rennen im Jahr besteht. Alle Läufe finden auf der legendären Nürburgring Nordschleife statt und dauern vier oder sechs Stunden. Fahrer unterschiedlichster Fahrzeuge treten dabei in verschiedenen Klassen gegeneinander an. Meist wechseln sich drei Rennfahrer am Steuer eines Autos ab. Aufgrund der Länge der Nordschleife – in der VLN Variante sind es über 24 km – können sehr viele Fahrzeuge an einem Rennen teilnehmen. Häufig sind es bis zu 180 Rennautos, die die Hast über die wohl spektakulärste Rennstrecke aufnehmen.

Mehrere tausend Zuschauer um die Strecke verteilt, schauen dem Renngeschehen zu und machen die VLN Rennen zu einer der beliebtesten Rennserie in Deutschland. Die Rennen werden auch live im Internet übertragen, sowie in TV-Zusammenfassungen in vielen Ländern ausgestrahlt. Die meiste, mediale Aufmerksamkeit genießen dabei die GT3-Renner, die häufig Werksunterstützung der jeweiligen Automobilhersteller genießen. Vielfach werden auf diesen Fahrzeugen internationale Profirennfahrer eingesetzt. Das Salz in der Suppe der VLN sind jedoch die semi-professionellen Hobbyteams und -fahrer, die ihre Rennautos selbst aufbauen und ohne Werksunterstützung oder große Sponsoren die Renneinsätze angehen.

 

Ich bin Hobbyrennfahrer, oder wie es so schön heißt „Gentleman Driver“. Das heißt ich betreibe den Rennsport in meiner Freizeit und muss meine Rennaktivitäten mit meinem Beruf in Einklang bringen. Ich verdiene mit der Rennfahrerei kein Geld und sorge selbst für die Finanzierung meiner Renneinsätze. Auf der anderen Seite fahre ich aus Spaß, und kann dem Rennsport nachgehen, ohne den Druck von Teams oder Sponsoren, Erfolge einfahren zu müssen.

Den Aufwand, den ich als Gentleman Driver für die Ausübung meines Hobbys betreibe, ist dennoch nicht wesentlich geringer als der eines Profirennfahrers, der an VLN-Läufen teilnimmt. Zwischen den einzelnen Läufen halte ich mich mit Ausdauer- und Fitnesstraining fit, um der physischen Belastung während eines Rennens gewachsen zu sein. Vier bis fünf mal pro Woche schnüre ich dafür meine Turnschuhe. Dabei stehen Joggingeinheiten auf dem Trainingsplan. Aber genauso auch Besuche im Fitnessstudio, um die besonders geforderten Muskelgruppen, wie z.B. die Schulter- und Nackenmuskulatur in Form zu halten. Gleichzeitig achte ich gerade in den Tagen vor einem Einsatz auf meine Ernährung, um Leistungsfähigkeit und Konzentration über die Dauer des Rennens zu gewährleisten.

Dem Studium von Onboard-Aufnahmen und Telemetriedaten widme ich ebenfalls große Aufmerksamkeit. Fast sämtliche Fahrzeuge, die an der Langstreckenmeisterschaft teilnehmen, sind mit Videokameras und sogenannten Data Loggern ausgestattet. Diese zeichnen alle relevanten Daten des Fahrzeugs auf, die sich später abrufen lassen. Es lässt sich dann zum Beispiel ablesen, wie schnell ich in einer Kurve gefahren bin, wie hoch mein Pedaldruck bei einem Bremsmanöver war und welchen Gang ich gerade gewählt habe.

Jedes Rennen schaue ich mir im Nachgang noch mindestens einmal auf Video an. Zusammen mit dem Auslesen der Telemetriedaten lässt sich sehr gut feststellen, wo ich Zeit liegenlasse oder eventuell Fahrfehler begangen habe. Besonderes Augenmerk lege ich dabei auf Bremspunkte und Einlenkgeschwindigkeiten. Hier sehe ich bei mir noch Potential. Auch als Hobbyrennfahrer habe ich natürlich den Ehrgeiz, gute Ergebnisse einzufahren. Ich finde, dass die Einstellung ständig dazulernen zu wollen, eine wichtige Voraussetzung ist, um sich als Rennfahrer weiterzuentwickeln.

Auch der Kontakt mit dem Team zwischen den Rennen ist sehr wichtig. Eventuell werden Verbesserungen am Fahrzeug vorgenommen, über die ich mich informiere. Oder ich kann selbst Vorschläge zur Optimierung der Fahrwerksabstimmung einbringen. Auch der nächste Lauf wird, hinsichtlich des Zeitplans, der Fahrerpaarungen und ähnlichen organisatorischen Angelegenheiten besprochen.

In dieser Saison starte ich für das Team Hömberg-Motorsport. Ansässig in Plettenberg im Sauerland, werden dort für Einsätze in der VLN, sowie für das große 24h-Rennen am Nürburgring, zwei silberfarbene Audi TTvorbereitet, , die jedoch in verschiedenen Klassen antreten. Der Teamchef heißt Bernd Hömberg und fungiertselbst in einer Doppelfunktion auch als Fahrer. Hömberg-Motorsport ist dabei eines der genannten Privatteams, die ohne Unterstützung der Automobilhersteller oder großen Sponsoren auftreten und dennoch eine professionelle Arbeit an den Tag legen. Das Team finanziert sich – wie alle Privatteams auch – in erster Linie über Fahrer wie mich, die sich für die ganze Saison oder für einzelne Rennen einen Fahrerplatz anmieten.

An den Rennwochenenden kommt das Team mit zehn hochmotivierten Mechanikern an die Rennstrecke, um die Autos zu betreuen. Die Teammitglieder arbeiten an den Rennwochenenden ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Die Aufgaben am Wochenende sind professionell verteilt. Angefangen vom Reifenmann über einen Fahrwerks- Elektrik- und Fahrwerkstechniker bis hin zur Strategieplanung für das Rennen selbst ist gesorgt, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Im Team ist sogar eine Sponsor- und Medienbetreuung sichergestellt. Sponsoren des Teams oder der Fahrer können an Taxifahrten in den Rennfahrzeugen auf der Rennstrecke teilnehmen und in Lounges dem Renngeschehen folgen. Und schließlich sorgt ein PR-Fachmann dafür, dass regelmäßig Rennberichte und Bilder in Fach- und Tageszeitungen erscheinen.

Mit Rennende hört die Arbeit jedoch nicht auf: Jedes Auto wird nach einem Lauf während zahllosen Arbeitsstunden auf Herz und Nieren durchgecheckt. Verschleißteile werden ausgetauscht, Reparaturen vorgenommen und natürlich muss das jeweilige Fahrzeug ständig weiterentwickelt und verbessert werden. Langweilig wird es auch dem Team zwischen den Rennen nicht.

Am 20. Juli findet der nächste Lauf zur diesjährigen VLN-Langstreckenmeisterschaft statt. Ich werde mit zwei weiteren Piloten auf dem Audi TT in der Klasse der VLN-Produktionswagen bis zwei Liter Hubraum mit Turboaufladung starten. Das Auto hat das Potenzial, um den Klassensieg mitzufahren. Jetzt wird es an uns Fahrern liegen, das auch in ein vorzeigbares Ergebnis umzusetzen.