Suzuki Jimny

13.05.2019 | Christian Sauer | Testrides

Bis dato vor allem von Förstern und Jägern wegen seiner Geländegängigkeit geschätzt, hat sich der neue Jimny zum urbanen Lifestyle-Mobil entwickelt. Unser Fahrbericht klärt warum!

Vielleicht lag es an der gelben Metallic-Lackierung „Kinetic Yellow“, mit der letztes Jahr der neue Suzuki Jimny präsentiert wurde und sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog. Doch nicht nur die auffälligste von insgesamt sieben Farben erinnert an die kultige G-Klasse von Mercedes-Benz, auch die kantige Form weist Parallelen auf. Da es den großen Offroader mit Stern aber nicht mehr als Drei-, sondern nur noch als Fünftürer für über 100.000 Euro gibt, heißt der eigentliche Konkurrent des Suzuki Jimny eher Jeep Wrangler ab 47.000 Euro.

Mögen die runden LED-Scheinwerfer jeweils wie „niedliche Kulleraugen“ wirken und so auch Sympathien wecken, sollte sich niemand im eigentlichen, den rauen Charakter des Jimny täuschen. Leiterrahmen und Starrachsen statt Einzelradaufhängung weisen ihn als Geländewagen alter Schule aus. Der per eigenem Schalthebel manuell zuschaltbarer Allradantrieb samt „Kriechgang“ per Untersetzung ist heutzutage auch selten geworden. Berganfahr- und Bergabfahrhilfe unterstützen bei steilen Anstiegen. Dank 36 Grad Böschungswinkel vorn, 48 Grad hinten und 20,5 cm Bodenfreiheit überwindet er Hindernisse mühelos. Serienmäßig sorgen grobe Offroad-Reifen auf 15-Zoll-Felgen für Traktion beim Kraxeln über Stock und Stein. Online kursieren bereits Aufnahmen von noch höher gelegten Exemplaren.

Dabei sorgt ein kleiner Vier-Zylinder-Saugmotor für Vortrieb. Ohne Turbo holt der Benziner – ein Diesel wird nicht angeboten – aus lediglich 1,5 Liter Hubraum immerhin 130 Nm Drehmoment ab 4.000 Touren und 102 PS bei 6.000 Umdrehungen raus. Während er zuerst noch relativ ruhig läuft, wird er ab 100 km/h, die der knapp 1,2 Tonnen leichte Jimny erst nach rund 13 Sekunden erreicht, zusammen mit den Windgeräuschen deutlich lauter. Laut Suzuki wird mit der optionalen 4-Stufen-Automatik eine Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h erreicht. Unser Testwagen mit der 5-Gang-Handschaltung schafft immerhin Tempo 145.

Ein zusätzlicher Gang würde sich nicht nur positiv auf die Geräuschkulisse, sondern auch auf den Verbrauch auswirken. Der ist offiziell im Schnitt mit 6,8 Liter Super angegeben. Dank des 40-Liter-Tanks werden selbst längere Touren nonstop möglich. Passend dazu unterstützen Verkehrszeichenerkennung, Tempomat, Spurhaltewarner und Notbremsassistent. Aufpassen sollte man vor allem bei Nässe, wenn der Allradantrieb nicht aktiviert wurde. Dann könnte der Jimny bei unvorsichtiger Fahrweise als „kleiner, giftiger Hecktriebler“ überraschen. Zum Glück sind ESP und sechs Airbags an Bord.

Positiv hat uns der angesagte Suzuki beim Fahrkomfort überrascht. Der fällt für einen „echten“ Geländewagen nämlich gar nicht so schlecht aus wie befürchtet. Gleiches gilt für die Fahrdynamik: Dass die Lenkung relativ indirekt arbeitet und der Jimny in Kurven ziemlich viel Schräglage bekommt, ist naturgemäß seinen ausgezeichneten Offroad-Künsten zuzuschreiben. Mit etwas Gewöhnung macht er sogar auf Asphalt relativ viel Spaß. In engen Innenstädten stellt sich die Handlichkeit des Jimny als eine seiner wichtigsten Stärken heraus. Der kurze Radstand von 2,25 m hilft nicht „nur“ im Gelände, sondern ermöglicht auch einen Wendekreis von lediglich 9,80 m. Mit der Länge von 3,65 m ist er kleiner als ein dreitüriger Mini und mit 1,65 m Breite fällt er zudem schmäler als ein Smart Fortwo aus!

Kleine Parklücken sind also kein Problem – ganz im Gegenteil – sie sind sein Vorteil. Da können wir und die meisten Fahrer*innen wahrscheinlich auch verschmerzen, dass es weder Parksensoren, noch eine Rückfahrkamera gibt. Die eckige Karosserie mit den kurzen Überhängen bietet neben der guten Übersicht zudem ein relativ großzügiges Platzangebot für zwei, drei oder vier. Bei voller Besetzung ist der Kofferraum hinter der seitlich aufschwingenden Tür mit 85 Litern allerdings kaum seinen Namen wert. Sind die beiden Rücksitze jedoch umgeklappt, entsteht eine gerade Ladefläche mit bis zu 830 Liter Volumen.

So oder so findet sich in der ersten Reihe mehr als ausreichend Platz. Allerdings müssen die schmalen und kurzen Stoffsitze nahezu ohne Seitenhalt und ohne Höhenverstellung auskommen. In der besten von zwei Ausstattungen gibt es zumindest Sitzheizung, Klimaautomatik und ein höhenverstellbares Lederlenkrad mit Bedienelementen für das Infotainmentsystem. Über dessen 7-Zoll-Touchscreen lassen sich auch das Navi, Musik per DAB-Radio, USB oder Bluetooth sowie Apple CarPlay und Android Auto steuern. Bei aller Konnektivität wären mehr als zwei Lautsprecher allerdings ebenso wünschenswert wie größere Ablagen und höherwertige Materialien. Aktuell dominiert leider schwarzes Hartplastik das Cockpit.

Doch auch ohne edl(er)em Interieur ist der rund 18.000 bis 21.000 Euro kostende Jimny ein Renner. Die Nachfrage nach der kantigen Neuauflage hat selbst Suzuki überrascht und ist so groß, dass er in Deutschland abgesehen von Vorführwagen bis auf Weiteres als „ausverkauft“ gilt. Sogar 1,5 Jahre Lieferzeit sind ungewiss und werden wohl nicht reichen. Uns wundert es nicht, schließlich ist der neue Jimny nicht mehr nur im Wald, sondern auch über Land und in der City ein treuer Begleiter mit viel Charisma. Wenn wir uns dennoch etwas von Suzuki wünschen könnten, wäre das ein Elektroantrieb, der zahlreiche Vorteile bieten würde.