Sirena 64 – gelungener Auftakt

19.04.2017 | Christian Sauer | Lifestyle, Testrides

Wenige Tage bevor die erste eigene Motoryacht der türkischen Werft an ihren deutschen Eigner übergeben wurde, testeten wir die vielversprechende Sirena 64.

Was ist das für eine Yacht, von welcher Werft stammt sie? Sirena Yachts? Bei ihrer Weltpremiere auf der boot Düsseldorf zu Beginn des Jahres sorgte die Sirena 64 noch für viele Fragen. Selbstbewusst hatte sich die 20,74 Meter Flybridge dort im Trockenen einen der begehrten Plätze in Halle 6 vis-à-vis der etablierten „Big Player“ gesichert. Beim genaueren Hinterfragen des Firmennamens wurde dann allerdings schnell klar, dass es sich nur bedingt um einen Newcomer handelt. In der Szene hatte sich die zur einflussreichen und finanzstarken Familien-Holding Kıraça gehörende Werft schon seit elf Jahren einen Namen gemacht. Auf dem inzwischen 155.000 Quadratmeter großem Areal in Bursa bei Istanbul wurden schon mehrere hundert Exemplare von drei selbst entwickelten Modellen der Azimut-Benetti-Gruppe gebaut. Außerdem gehören die eigenen Segelyachten der Marken Azuree und Euphoria zum erfolgreichen Portfolio. Bereits dafür konnten Germán Frers sowie Tommaso Spadolini mit ihren Designstudios als namhafte Partner gewonnen werden. Beide Grandseigneure konnte die 1984 geborene, zukünftige Konzernlenkerin Ipek Kıraç als CEO von Sirena Marine auch bei ihrem ersten Motoryacht-Projekt ins Boot holen.

Von diesen Referenzen und ersten Bildern angelockt, steuerte während der boot Düsseldorf ein deutscher Interessent zielgerichtet die Sirena 64 an. „Er wusste genau, was er wollte und musste sich nur noch einen eigenen Eindruck von der Yacht verschaffen“, erzählt Projektmanager Ensar Cabuk stolz und ergänzt „Im Ruhestand will er viel Zeit auf dem Wasser verbringen und längere Törns unternehmen.“ Eine relativ große Reichweite dank niedrigem Treibstoffverbrauch, kombiniert mit möglichst viel Platz und Volumen bei überschaubarer Länge hätten natürlich auch Explorer-Yachten geboten. Die robusten „SUVs der Meere“ können jedoch nicht mit der Sirena-Höchstgeschwindigkeit von 26 bis 28 Knoten aufwarten. Um diese Vielseitigkeit zu bieten, zeichnete Germán Frers vor drei Jahren einen Halbgleiter-Rumpf aus leichtem GFK, der sich in aufwendigen Tanktests bewährte. Dank der in Relation zur Länge bemerkenswerten Breite von 5,85 Meter bei nur 1,27 Meter maximalem Tiefgang zeigt sich die Sirena 64 bei unserer Testfahrt unbeeindruckt vom auffrischenden Wind. Stabil durchschneidet ihr nahezu senkrechter Steven die Wellen. Da zeigt sich das Knowhow von Germán Frers, das er in den letzten Jahrzehnten vor allem mit Seglern sammelte.


Als eine der ersten Werften in diesem Segment baut Sirena die Aufbauten im Stil eines modernen Trawlers aus ebenso leichtem wie verwindungssteifem Carbon. Für noch mehr Komfort sorgen das im Grundpreis von 1,6 Millionen Euro (netto) inbegriffene Zipwake-System zur optimalen Trimmung und der optionale Seakeeper-Stabilisator. So gerüstet, werden Sirena-Eigner sicher öfter selbst das Steuer auf der Flybridge oder ein Deck tiefer innen übernehmen. Wenn die Gashebel der beiden Caterpillar-Dieselmotoren vom Typ CAT C12.9 mit jeweils 850 PS oder gegen Aufpreis mit zweimal 1.000 PS zurückgenommen werden, stellt sich bei 16 Knoten Reisegeschwindigkeit ein geringer Verbrauch von 127 Liter pro Stunde ein. Auf eine für das Segment ebenfalls außergewöhnliche Reichweite von rund 1.300 Meilen kommt, wer die Maschinen auf 10 Knoten und 36 Liter pro Stunde drosselt. Wenn der Kapitän, der im Heck hinter dem Maschinenraum eine optionale Crewkabine bewohnt, die Navigation übernimmt, kann der beneidenswerte Eigner wieder die luxuriösen Annehmlichkeiten an Bord genießen.


Zusammen mit Tommaso Spadolini schuf das werfteigene Designteam ein modernes Interieur hoher Qualität mit hellem Eiche- und dunklem Wengeholz. Durch viel Tageslicht wirkt es zugleich elegant und einladend warm. Zwar hätte die Deckenhöhe gerne noch etwas großzügiger ausfallen können, aber dennoch wähnt man sich an Bord der Sirena 64 auf einer um gut sechs bis sieben Meter längeren Yacht. Dass es sich nicht nur um ein beliebiges der zahlreichen Investments ihrer Familie handelt, zeigt, dass sich die noch junge Werftchefin höchstpersönlich bei einigen der cleveren Details einbrachte. Dazu gehört der „Loveseat“ neben dem Innensteuerstand, von dem das Bordleben entspannt verfolgt werden kann. Ob die Idee der per Knopfdruck klar oder undurchsichtig schaltbaren Glasscheiben zur Galley mittschiffs ebenfalls von ihr stammt, wissen wir nicht. Damit wird jedoch der Spagat zwischen Raumtrennung und großzügigem Raumgefühl elegant gelöst. Insbesondere für amerikanische Eigner wird außerdem eine Variante mit offener Küche angeboten. Unabhängig von der getroffenen Wahl bietet die Sirena 64 trotz ihrer überschaubaren Größe zusätzlich zum einladenden Salon einen separaten Esstisch für bis zu acht Gäste im klimatisierten Inneren. Der Eigner von Baunummer 1 entschied sich allerdings in Düsseldorf direkt für das besonders komfortable Layout mit drei Kabinen unter Deck.


Grundsätzlich wartet im Bug ein Doppelbett auf Familienmitglieder oder gute Freunde, die sich zudem über viel Stauraum und ein recht geräumiges Bad samt vollwertiger Dusche freuen können. Gleiches gilt für die zweite Kabine mit Einzelbetten und ebenfalls liebevoller Einrichtung. Dank der separaten Tagestoilette, bleibt die Privatsphäre der Übernachtungsgäste erhalten. Das eigentliche Highlight stellt im Bauch des Schiffes allerdings die 24 Quadratmeter große Eignerkabine dar: Wenn auf eine vierte Kabine verzichtet wird, erstreckt sich die Minisuite mittschiffs über die gesamte Breite. Allein die großen Kleiderschränke im Eingangsbereich sollten den Platzbedarf für die Garderobe bei längeren und langen Törns erfüllen. Daneben finden sich ein Schminktisch sowie eine Schmuckschatulle, die in das Tischchen an Steuerbord integriert wurde. Dieser lädt zusammen mit den zwei gegenüberliegenden Sesseln unterhalb des Rumpffensters beispielsweise zum Frühstück in der Kabine ein. Auf der anderen Seite des großen Bettes lässt es sich auf dem Sofa entspannen. Den subjektiven Eindruck, sich an Bord einer deutlich größeren Yacht zu befinden, unterstreicht nicht zuletzt das rumpfbreite Bad samt großer Regenwalddusche.


Großzügig präsentieren sich auch die Freiluftareale der Sirena 64. Zusätzlich zur obligatorischen Sitzbank achtern auf dem Hauptdeck, wo selbst mit Stühlen um den Tisch herum noch überdurchschnittlich viel Abstand zur Salontür bleibt, bietet das Sonnendeck auf 40 Quadratmetern weitere Möglichkeiten zum Sitzen und Liegen in der Sonne. Gegen Aufpreis wird der Boden mit Teak veredelt. Bislang bestellten alle Kunden das optionale Hardtop mit elektrisch öffnendem Mittelteil über dem Steuerstand. Ab Werk installiert Sirena eine Regenwalddusche am Geräteträger und auf Wunsch einen Kran für einen Jetski oder Tender achtern. Für letztgenannten eignet sich allerdings noch besser die bis unter die Wasserlinie hydraulisch absenkbare Schwimmplattform. Bei maximal 500 kg Traglast und 3,85 Meter Länge empfiehlt die Werft als Beiboot ein Williams 385. Als reizvolle Alternative zur Abkühlung im Meer lässt sich die Liegefläche auf dem Vordeck durch einen großzügigen Jacuzzi ersetzen – in der Größenordnung ein weiteres Highlight, das die Sirena 64 so außergewöhnlich macht. Derzeit beträgt die Wartezeit rund sechs Monate und die Kapazität acht bis zehn Sirena-Motoryachten pro Jahr. Die Kapazität soll aber erweitert werden, denn auf der diesjährigen Miami Beach Yacht Show wurde mit der optisch wie technisch eng verwandten Sirena 56 bereits die kleinere Schwester präsentiert. Und damit nicht genug, wird derzeit schon am 85 Fuß langen (vorläufigen) Topmodell gearbeitet.