SILENT 55

17.08.2019 | Christian Sauer | Lifestyle, Testrides

Wir gingen an Bord des „Tesla der Meere“ und zeigen, warum der österreichische Hersteller mit „Sonnensegeln“ nachhaltig die Yachtwelt revolutioniert. Ahoi!

Wer auf Abgaswolken, störende Geräusche und Vibrationen aus dem Maschinenraum ebenso verzichten wollte wie auf horrende Tankrechnungen und Wartungskosten, denjenigen blieb früher allein die Kraft des Windes. Doch auch der weht bekanntlich nicht immer aus der passenden Richtung, dazu oft entweder zu wenig oder zu stark. Und selbst wenn, fahren viele Segelyachten aus Bequemlichkeit oder „Zeitdruck“ dennoch unter Motor. Darüber wunderte sich Michael Köhler zusammen mit seiner Frau Heike während ihren ausgedehnten Törns rund um die Welt. Nachdem er seinen Beruf als Jurist an den Haken gehängt hatte, wurde der Österreicher dank seiner langjährigen Erfahrung zum gefragten Experten für die Energieversorgung auf Yachten. In Folge ausgiebigen Tests elektrischer Antriebe und Solarzellen auf einem umgebauten Katamaran konstruierte das sympathische Ehepaar mit der SOLARWAVE 46 die erste Yacht, die allein per Sonnenenergie ganze Ozeane überqueren konnte. 2010 starteten sie ihre vier Jahre dauernde „Testfahrt“ bei teils widrigsten Bedingungen. Die elektrischen Systeme überstanden extreme Hitze und Stürme problemlos wie auch Eis und Schnee. Weder Reparaturen, noch Wartungen wurden notwendig und der aus Sicherheit an Bord installierte Diesel-Generator kam so gut wie nie zum Einsatz.

Das bekräftigte Heike und Michael in ihrem gewagten Vorhaben, solarangetriebene Hochseeyachten in Serie zu bauen. Das Unternehmen mit Sitz in der Nähe von Klagenfurt in Kärnten und seinem inzwischen 12-köpfigen Team samt eigenen Designern, Konstrukteuren und Technikern arbeitet zusätzlich mit namhaften Designern wie Marco Casali zusammen. Gebaut werden die Katamarane bei erfahrenden Werften in Asien und Italien mit kompletter Technik und den „besten“ Komponenten aus Europa inklusive deutschen High-End-Marken wie Grohe, Bosch und Miele. So wurden in den letzten drei Jahren seit Beginn der Serienfertigung bereits elf Yachten zu Wasser gelassen. Zukünftig macht das neue 24-m-Topmodell SILENT 80 mit bis zu drei Decks und enormen Platzangebot, das komplett in Italien gebaut wird, konventionellen Superyachten mit einem deutlich längeren Rumpf ernstzunehmende Konkurrenz. Darunter werden die SILENT 60 und vor allem die 13 Meter kurze 44 den neuen Einstieg markieren – an Aufträgen und Nachfrage herrscht kein Mangel!

Mit bislang sechs abgelieferten Exemplaren gebührt der 16,70 m langen und 8,46 m breiten SILENT 55 mit lediglich 1,20 m Tiefgang der Titel des Bestsellers im sich dynamisch verändernden Portfolio, das dank Input der Köhlers und von Kunden ständig perfektioniert wird. Anders als die meisten in Serie gebauten Boote und Yachten aus GFK (Glas-Faser verstärkter Kunststoff) setzt SILENT nicht nur auf Carbon-Verstärkungen, sondern zwecks Geräusch- sowie Wärmedämmung, und somit auch zur Energieeinsparung durch verminderten Betrieb der Klimaanlage, auf eine aufwendige Isolierung der Kabinen und des Salons. Zusätzlich wird innen warme Luft abgesaugt, damit kühlere Luft nachströmt. Diese Art von gesteuerten „Durchzug“ ist besonders hilfreich, wenn die seitlichen Fenster sowie Decksluken beispielsweise wegen Moskitos oder Regen nicht geöffnet werden können. Es ist eine von zahlreichen durchdachten und praktischen Lösungen, die das Leben an Bord insbesondere während längeren Törns angenehmer machen. So finden sich auch extrem viele Ablagen und Schränke selbst dort, wo es geschickt versteckt zuerst gar nicht so scheint. Stauraum kann es bekanntlich ja nie genug geben.

Das andere große Thema, das Michael seit Jahrzehnten beschäftigt, ist der über die Jahre stetig zugenommene Energieverbrauch an Bord. Auf Annehmlichkeiten wie Klimatisierung, Induktionsherd und 230-Volt-Stecksdosen will heutzutage selbst auf dem Wasser kaum jemand mehr verzichten. Letztere bietet die SILENT 55 reichlich und dazu lieber einen großen Kühlschrank wie an Land statt mehrere kleine mit zusammen mehr Verbrauch. Der Komfort wird durch den nachhaltigen Ansatz von SILENT Yachts also nicht eingeschränkt – ganz im Gegenteil. Unabhängig vom Wind und der teils schlechten Diesel-Qualität in abgelegenen Fahrgebieten bieten die 30 hocheffizienten Solarpanelen aus Frankreich nicht nur Energie zum Betrieb von Waschmaschine, Trockner und Watermaker zur Erzeugung von reichlich Trinkwasser aus Salzwasser, sie treiben auch die beiden je bis zu 250 kW starken Elektromotoren an. Je nach gewähltem Paket kann der Katamaran damit bis zu 20 Knoten schnell fahren. In der Regel wird jedoch mit knapp zehn Knoten gecruist. Die hochmodernen Lithium-Ionen-Batterien eines niederländischen Herstellers mit 210 kWh Kapazität ermöglichen so eine geräusch- und vibrationslose Fahrt von vielen Stunden, bevor der Diesel-Generator von Volvo-Penta anspringt und als Range Extender die Batterien auflädt.

Die Energiespeicher können zukünftig einfach ausgetauscht werden, um von der rasanten Entwicklung zu profitieren, die neue Generationen mit weniger Gewicht und höherer Kapazität bieten. Dank ausgeklügelter Elektronik kommunizieren sie mit den Motoren und den anderen elektrischen Verbrauchern an Bord. Das ist wichtig, wenn der Energievorrat sinkt. Bevor sich die Batterien ganz entladen und Schaden nehmen, wird im ersten Schritt die Leistung und somit der Konsum reduziert. Zur kompletten Abschaltung als letzten Schritt kam es dank der intelligenten Steuerung und Vernetzung aller Komponenten außer bei Testfahrten noch nie. Sicherheit und Zuverlässigkeit sind auf hoher See elementar wichtig und die inzwischen mehr als 100.000 Seemeilen aller SILENT Yachten zusammen beweisen es. Die meisten Instrumente und Systeme werden redundant, also mehrfach installiert und anders als bei reinen Elektroautos kann der Solaryacht durch den Generator faktisch nie die Energie ausgehen. Das prädestiniert sie für entspanntes Cruisen im Mittelmeer, aber ebenso für Törns in Skandinavien, wo immer strengere Umweltrichtlinien gelten und in einigen Fjorden zukünftig ausschließlich emissionsfrei gefahren werden darf. Rein mit Sonnenenergie sind sogar Transatlantiküberquerungen und Weltumsegelungen bei vier Knoten machbar. Pro Tag sind 100 Seemeilen möglich, wenn die Energie gut eingeteilt und die Nacht durchgefahren wird.

Wer schneller ankommen will, schaltet einfach den Generator (öfter) an. SILENT Yachts bietet die Wahl zwischen vorprogrammierten Betriebs- bzw. Fahrprogrammen, die einfach per Touchscreen bedienbar sind. Michael spricht von einer „Challenge, mit möglichst wenig Energie auszukommen“ – ohne auf Komfort verzichten zu müssen. Dazu trägt auch die Wartungsfreiheit bei, denn es gibt kaum mechanische Teile, die kaputtgehen können. Mit ölverschmierten Händen in den Maschinenräumen rumzukriechen, hat somit ein Ende. „Wir wollten uns nicht um die Welt reparieren“, kommentiert Heike den Fortschritt mit einem Augenzwinkern. Und die erprobten und robusten elektrischen Komponenten bieten sogar die Möglichkeit zur Fernwartung, so dass sich Techniker online auf die Bordsysteme draufschalten kann. Zukünftig wird es wohl ebenfalls eine App für den Besitzer oder Kapitän geben, um aus der Ferne noch mehr Daten jederzeit abrufen zu können. Voll automatisch steigt optional auch ein großes Kite-Segel in Höhen zwischen 100 bis 150 Meter Höhe auf, um als moderne Form des Segelns das Boot mit Wind zu ziehen beziehungsweise die Elektromotoren zu unterstützen. Es wird auf dem großzügigen Vordeck installiert, beansprucht dort wenig Platz und arbeitet effektiver als herkömmliche Segel. Und wer doch auf traditionelle Segel schwört, kann diese samt Mast für die SILENT 55 bestellen.

Doch zurück zum elektrischen Antrieb – diesmal in Form des Beibootes mit Torqeedo-Motor. Es kann entweder unter der Sonnenliege achtern hochgezogen und vor Witterung geschützt oder auf der höhenverstellbaren Plattform ins Wasser herabgelassen werden. So vereinfacht sie ebenfalls den Einstieg zum Schwimmen und bildet zusammen mit den eigentlichen Badeplattformen eine sehr großzügige Fläche in unmittelbarer Nähe zum Wasser. Während in einem der hinteren Rumpfenden der Diesel-Generator die meiste Zeit auf seinen Einsatz wartet, lassen sich vis-à-vis locker Fahrräder, ein Motorrad oder Wasserspielzeuge verstauen. Die beiden Katamaranrümpfe sorgen bauartbedingt für hohe Stabilität (ohne Schräglage) und ein beeindruckendes Platzangebot bei überschaubarer Länge. Allein der mit dem Innensteuerstand und der Küche kombinierte Salon dazwischen misst 40 Quadratmeter. Hinzu kommen die vergleichsweise hohen Decken auch in den Kabinen. Davon können auf der SILENT 55 bis zu sechs Kabinen für bis zu zwölf Personen geordert werden. Andere Layouts sehen drei besonders großzügige Schlafgemächer mit der zentralen Eignerkabine als Highlight vor. Zur Wahl stehen diverse Farben und Materialien. Aus Gewichtsgründen wird auf leichtes Furnier, überwiegend in hellen Farbtönen gesetzt, die das luftige Raumgefühl an Bord unterstützen. Trotz der Serienfertigung sind viele individuelle Lösungen auf Kundenwunsch möglich.

Standard sind die gemütlichen Sitznischen seitlich auf dem breiten und somit sicheren Hauptdeck, das wie überall außen mit haltbarem und pflegeleichtem synthetischen Teak-Ersatzmaterial veredelt wurde. Vorn finden sich großzügige Liege- und Sitzmöglichkeiten inklusive „Hängematten“ über dem Wasser. Serienmäßig ist zudem das Hardtop über der Flybridge, für das andere Katamaran-Hersteller teils beträchtliche Aufpreise verlangen. Empfehlenswert, weil praktisch finden wir das optional per Knopfdruck absenkbare Hardtop, da es die Polster und Technik vor Wind, Sonne, Regen, aber ebenfalls vor Diebstahl schützt. Von hier oben lässt sich die SILENT 55 mit Panoramarundumblick bequem steuern. Auch zum An- und Ablegen reichen zwei Personen aus, wie Heike und Michael während unserer Testfahrt vor Mallorca beweisen. Kameras helfen vorne und hinten beim Manövrieren. Unterwegs mögen zwar hochmotorisierte Yachten eindrucksvoll mit deutlich mehr Geschwindigkeit und dröhnenden Motoren vorbeifliegen, aber wir genießen stattdessen nichts außer dem Klang von Wind und Wellen – the sound of silence.

Zum Umsteigen überzeugt SILENT Yachts neben erfahrenden Seglern, die nicht mehr segeln können oder wollen, zunehmend auch bisherige Motorbootbesitzer. Es sind jedoch ebenso viele „First-Mover“ – oft ohne vorherige Yacht – aber dafür mit mindestens einem Elektroauto. Laut Heike fahren 90% ihrer Kunden wie sie und ihr Mann Michael einen Tesla. Es geht um Nachhaltigkeit, einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck, Freiheit und Unabhängigkeit, aber ebenfalls um Komfort und je nach Nutzung auch um geringere Kosten. SILENT Yachts vereint auf beeindruckende Weise die Vorteile von Motor- und Segelbooten, ohne wirkliche Nachteile zu haben. Davon profitieren zugleich die kommerziellen Versionen der Solarkatamarane beispielsweise als Ausflugsboote. Der Perfektionismus von Heike und Michael Köhler mit immer neuen Detail-Verbesserungen prägen ihre Boote und das zu nachvollziehbaren Preisen. Die SILENT 55 startet mit 1,4 Millionen Euro (netto) und bleibt selbst mit allen sinnvollen Extras konfiguriert bei knapp unter zwei Millionen. Das relativiert sich außerdem, da die zumeist selten gehissten aber teuren Segel ebenso wie der teure Treibstoff und die ansonsten üblichen Wartungen der Dieselmotoren eingespart werden. Wer nun mit der einer SILENT Yacht liebäugelt, kann sie auch erstmal chartern und das neueste Exemplar der 55 bei der Yachtmesse in Cannes im September live erleben, wo zudem weitere Details zu den zukünftigen Modellen präsentiert werden.