Seat Leon ST Cupra 300 4Drive im Fahrbericht

07.06.2017 | Christian Sauer | Testrides

Führt der feurige Spanier mit deutschen Wurzeln ein Doppelleben? Sehen wir uns den ebenso praktischen wie sportlichen Kombi genauer an.


Seit dem Facelift zum Ende letzten Jahres gebührt dem Leon Cupra 300 als dreitüriges SC Coupé, als Fünftürer und Kombi (ST) der Titel des stärksten Seat mit Straßenzulassung. Zu verdanken hat der Deutsch-Spanier das seinem Konzernbruder Golf R mit dem identischen, per Turbo aufgeladenen 2,0-Liter-Vierzylinder. Dessen Leistung stieg seit seiner Überarbeitung von 300 auf 310 PS. Um den „Respektvorsprung“ zu wahren, darf der Leon Cupra 300 nun selbst entsprechend seines Namens 300 PS leisten – wiederrum zehn mehr bislang. Zusammen mit dem von 350 auf 380 Nm gekletterten Drehmoment ab 1.800 Touren fühlt sich der Kompakte mehr aus ausreichend motiviert an. Ohne es beim Sound aus dem verchromten Doppelrohr-Auspuff zu übertreiben, sprintet er kraftvoll und vom sonoren Klang untermalt in lediglich 4,9 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Doch auch darüber geht ihm der Durchzug nicht verloren, bis er bei 250 km/h elektronisch abgeriegelt wird.

Dann ist man(n) zwar weit entfernt vom offiziellen Durchschnittsverbrauch mit rund sieben Liter auf 100 km. Das hängt zum Teil sicher auch daran, dass das Doppelkupplungsgetriebe ebenso wie die alternative Handschaltung mit sechs anstatt sieben Gängen auskommen muss. Vor allem aber im Cupra-Modus oder im individuellen Modus interessiert das kaum: Zu viel Freude am Fahren bereitet das sportliche Setup von Sound, Gasanahme, Getriebe und Progressivlenkung. Das direkte Einlenken und die neutrale Kurvenlage vermitteln ein sicheres Gefühl. Einen großen Anteil daran hat der erstmals erhältliche Allradantrieb (4Drive), der bei der Leistung eigentlich allen Karosserievarianten gut stehen würde. Vielleicht folgt er ja noch, aber bis dato gibt es ihn ausschließlich für der von uns getesteten Kombi-Variante ST. Bei den anderen Cupra-Versionen mit Frontantrieb soll ein elektronisch gesteuertes Haldex-Sperrdifferential an der Vorderachse ungewolltes Untersteuern verhindern.


Unabhängig davon, ob mit zwei oder vier angetriebenen Rädern, bietet das ESP drei Stufen bis zur kompletten Deaktivierung. Das werden versierte Sportfahren ebenso zu schätzen wissen, wie das optionale Performance-Paket samt Michelin Pilot Sport Cup 2 Reifen sowie Brembo 4-Kolben-High-Performance-Bremsen vorne mit innenbelüfteten und gelochten Bremsscheiben mit 37 cm Durchmesser. Doch bereits die serienmäßigen Bremsen verzögen den leer 1.545 kg wiegenden Kombi nachdrücklich. Doch anders als reinrassige Sportwagen muss er ja auch im tagtäglichen Alltag und auf langen Fahrten überzeugen. Und das gelingt dem Seat insbesondere durch sein vielseitiges Fahrwerk mit adaptiven DCC-Dämpfern. Trotz 19-Zöller fährt sich der neue Cupra geschmeidig und nicht zu hart. Das wird sicherlich die Mitfahrer freuen, ebenso wie das großzügige Platzangebot bei einer Länge von 4,55 m.

Das ST-Heck fasst 587 bis 1.470 Liter Gepäck, wenn die Rücksitze vollständig umgeklappt werden. In der ersten Reihe gibt Seat seinen Kunden die Wahl zwischen den bequemen Standardsitzen mit gutem Seitenhalt oder noch sportlicheren Schalensitzen – ebenfalls beheizbar und auf der Fahrerseite auf Wunsch elektrisch verstellbar. Ab Werk gibt es viel Alcantara, das neben den Sitzen zudem großflächig die Türverkleidungen veredelt sowie spezielles Kunstleder in Carbon-Optik. Wer kein Alcantara mag, kann alternativ auch eine Lederausstattung bestellen. Das unten abgeflachte Lenkrad mit weißer Absteppung liegt gut in der Hand. Dadurch blickt der Fahrer weiterhin auf klassische Rundinstrumente – Tacho bis 300 – mit dem für VW typischen Digitaldisplay in der Mitte. Anders als beim aktuellen Golf gibt es (noch) keine komplett digitalen Instrumente. Mit acht Zoll großem Touchscreen hält das neue Infotainment zwar auch einen Respektabstand ein, aber dank vielseitiger Konnektivität präsentiert es sich auf dem aktuellen Stand der Technik.

Gleiches gilt für die zahlreichen Assistenz- und Sicherheitssysteme sowie die Konzern-typische, solide Verarbeitung ohne echte Kritikpunkte. Dazu kommen aber noch nette und nicht überteuerte Extras wie die Ambientebeleuchtung mit acht Farben und einstellbarer Intensität oder das große Panorama-Schiebedach. Die Frage der Lackierung ist natürlich immer sehr subjektiv. Aus unserer Sicht steht dem Seat Cupra 300 mit seinen sportlichen Karosseriebauteilen zum Beispiel an der Front mit den Voll-LED-Scheinwerfern und größeren Luftöffnungen sowie der speziellen Heckschürze neben gedeckten Farben insbesondere auch die Metallic-Töne „Nevada Weiß“, „Mystery Blau“ und wie bei unserem Testwagen „Desire Rot“. Wer es noch auffälliger möchte, sollte sich das Performance-Paket „Orange“ mit in Leuchtfarbe lackierten Elementen anschauen.

Doch egal in welcher Farbe, gerade als alltags- und familientauglicher ST Kombi ist der Cupra 300 wahrscheinlich der Traum vieler Väter mit sportlichen Ambitionen. Mit seiner Vielfältigkeit und nach dem Facelift stellt er viele dynamische Kompakte in den Schatten. Mit der etwas in die Jahre gekommenen Basis muss der Leon jedoch aufpassen, zukünftig nicht von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Preislich startet der Cupra 300 als Dreitürer mit Handschaltung bei 34.280 Euro. Die teuerste Variante ist der Kombi mit Allrad und DSG mit mindestens 39.480 Euro. Unser Testwagen mit umfangreicher Sonderausstattung schlägt mit dafür immer noch fairen 45.720 Euro zu Buche. Hoffentlich wird der Allrad demnächst auch für die anderen Karosserie-Varianten angeboten, denn der nächste Winter kommt bestimmt – auch wenn viele jetzt im Sommer daran nicht denken wollen.