E-Mountainbike für Gipfelstürmer: ROTWILD R.X+ FS

30.08.2016 | Christian Sauer | Lifestyle, Testrides

2017 ROTWILD R.X+ FS

Nach dem R.X45 AMG testen wir ausgiebig das 2017er All Mountain von Mercedes-AMG Kooperationspartner ROTWILD. Welche Vor- und Nachteile bringt die elektrische Unterstützung im Gelände? Hier unser Fahrbericht.

Seit über 20 Jahren fahre ich nun schon Mountainbike. Wie die meisten anderen mit habe ich mit starren Hardtails begonnen, dann folgten Bikes mit Federgabeln und schließlich vollgefederte Fullys.  Auch beim Rahmenmaterial habe ich bis auf Titan, das sich trotz des geringen Gewichts im Gelände nie bewährt hat, von Stahllegierungen über Aluminium bis Carbon alles ausprobiert. Nach den Scheibenbremsen, den während der Fahrt einstellbaren Luftfederelementen und Sattelstützen scheint der Elektroantrieb nun die nächste Revolution bei Mountainbikes zu werden – oder ist er es sogar jetzt schon?

Für alle Elektro-Novizen wie mich kurz nochmal zum Hintergrund: Analog zu den Pedelecs für die Straße kann der Begriff „E-Bike“ leicht falsch verstanden werden, denn rein elektrisches Fahren ist mit ihnen nicht möglich. Der Elektromotor unterstützt ausschließlich beim Treten und das in der Regel „nur“ bis 25 km/h. Ansonsten wäre laut Straßenverkehrsordnung eine Zulassung samt Kennzeichen notwendig und Fahrten abseits der Straßen wären tabu. Technisch möglich wäre zumindest beim ROTWILD R.X+ FS allerdings eine Unterstützung über 40 km/h. Da Elektro-Mountainbikes zum Glück ja nicht zum TÜV müssen, würde es theoretisch wohl gar nicht auffallen, wenn die elektronische Abriegelung deaktiviert wäre. Doch ich will nicht spekulieren, fest steht, dass da die ROTWILD-Händler per Software die drei Unterstützungsstufen individuell nach Kundenwunsch (um)programmieren können.

Geschaltet werden diese mit einem Druck nach vorn oder nach hinten auf das kleine, einfarbige Display links am Lenker, wo sich ansonsten der Umwerfer für die Kettenblätter befindet. ROTWILD hat es bewusst minimalistisch gehalten und außer auf Anzeigen für die gewählte Unterstützung, die aktuelle Geschwindigkeit und die Akkuladung auf „Schnickschnack“ wie Kilometerzähler, Höhenmesser oder Navi verzichtet. Eine eine genauere Angabe der verbleibenden Strommenge im starken 500-Wh-Akku oder der Reichweite wäre in manchen Situationen jedoch gut, aber dazu später mehr. Zuerst noch ein Blick an die Seiten der kompakten Bedieneinheit, wo sich in einigen Ländern – nicht in Deutschland – ein Fahrlicht sowie die Schiebehilfe mit leichter Unterstützung per Knopfdruck aktvieren lassen.

Mag der Lenker im ersten Moment sehr breit wirken, gewöhnt man(n) sich doch schnell daran und wem er partout nicht passt, kann ihn selbst oder am besten beim Händler kürzen lassen. Ein sinnvolles Features vieler moderner Mountainbikes – nicht nur von ROTWILD – stellt die höhenverstellbare Sattelstütze mit Kabelfernbedienung am Lenker dar. Die innovative Highend-Fahrradschmiede aus dem südhessischen Dieburg „versteckt“ deren und andere Verbindungen aber clever in einem Kabelkanal auf dem Unterrohr. Darin wurde der komplette Elektroantrieb-Antrieb vom deutschen Hersteller Brose, der ansonsten als Automobilhersteller bekannt ist, nahezu komplett ins Unterrohr integriert. Dadurch fällt das ROTWILD R.X+ FS erst auf dem zweiten Blick als E-Bike auf. Neben der Optik bringt dies weitere Vorteile mit sich, zum Beispiel den wirkungsvollen Schutz bei Kollisionen mit großen Steinen.

 

 

Gerade bei den enormen Kräften, die allein durch den Elektroantrieb oder zusammen mit der Pedalkraft wirken, ist ein besonders verwindungssteifer Rahmen elementar wichtig. Wie gut, dass ROTWILD bereits seit 20 Jahren sehr viel Zeit und Mühe in die Entwicklung von Alu-Rahmen investiert (hat). Wer die stärkste Unterstützung eingestellt hat und entgegen der Hersteller-Empfehlung zwecks Schonung des Materials damit kräftig anfährt, sollte sich nicht erschrecken, wie stark das Mountainbike beschleunigt – egal ob auf der Gerade oder an Steigungen. Locker erreiche ich mit wenig Kraftaufwand 15, 20 und dann 25 km/h. Wo andere Mountainbiker am Berg fast stehen, fahre ich locker vorbei. Ihr Gesichtsausdruck schwankt zwischen Überraschung, Neid und Ablehnung. Getreu dem Motto „ich schaffe das auch so“ oder „ich will mich ja quälen“ stehen sie der E-Mobilität auf zwei Rädern wohl ebenso kritisch gegenüber wie der auf vier Rädern – wenn auch mit anderen Gründen. In beiden Fällen wird oft aber die Frage nach der Reichweite gestellt, die jeweils nicht einfach zu beantworten ist.

Viel hängt von der Fahrweise und der Topographie ab: Wer mit voller Unterstützung die Berge hinauf radelt, wird nicht so viele Kilometer schaffen wie mit wenig Unterstützung auf dem flachen Land. ROTWILD gibt über 1.000 Höhenmeter an, was für ein E-MTB einen sehr guten Wert darstellt. Bei mir hat eine Akkuladung beispielsweise für eine Tour im Harz von Wernigerode über Ilsenburg hinauf zum Brocken und zurück nach Wernigerode gereicht. Dann musste es für rund drei Stunden an die Steckdose. Schade finde ich, dass es bis auf das Display keine Ladeanzeige neben dem Magnetschalter am Unterrohr gibt und dass dessen Abdeckung in Form einer Art „Gummipfropfen“ leicht verloren gehen könnte. Doch um dieses kleine Manko weiß ROTWILD und verspricht Abhilfe. Doch selbst ohne die Abdeckung soll der Elektroantrieb samt Akkus absolut wasserdicht und sicher sein.

Für längere Touren würde ich empfehlen, am besten das Ladegerät im Format eines Milchpacks im Rucksack mitzunehmen und bei der Rast etwas nachladen – vorausgesetzt es gibt frei zugängliche Stromanschlüsse – da haben einige Regionen wie der Harz noch Nachholbedarf. Anders als bei den meisten Elektroautos oder Hybriden gibt es keine Rekuperation beim Bremsen oder Bergabfahren. Das höhere Gewicht entsprechender Bauteile würde laut ROTWILD in keinem Verhältnis zur Energierückgewinnung stehen. Dafür bietet der leise Brose-Antrieb aber einen enormen Vorteil: Er kann sich zu 100% entkoppeln, wodurch es objektiv keinen Widerstand gibt. Subjektiv wirkt es allerdings wie eine Bremse, wenn ich schneller als 25 km/h werde und weiter trete. Umso angenehmer ist es dann, sich unter 25 km/h zurückfallen und vom Schub der Elektro-Unterstützung wieder einfangen zu lassen.

 

 

Auf meinen Ausfahrten mit dem E-MTB werde ich zunehmend schaltfauler und unternehme immer neue oder weitere Touren. Ohne mich völlig auspowern zu müssen, fahre ich so schneller und weiter als je zuvor oder wie schon lange nicht mehr. Einfach nach der Arbeit noch eine Runde drehen, hier noch einen Haken schlagen oder gar „Neuland“ zu erkunden, was mir ansonsten wegen der Zeit oder der Kondition verwehrt geblieben wäre. Das alles ermöglicht die Unterstützung und wer sich wirklich quälen möchte, kann diese reduzieren oder gar komplett deaktivieren. Dann merkt man allerdings erst einmal, wie schwer das ROTWILD R.X+ FS tatsächlich ist. Es bringt rund 20 kg auf die Waage, was allerdings nur beim Heben oder bei leerem Akku richtig auffällt.

Bergab spielt das ROTWILD R.X+ FS die Vorteile seines stabilen Alu-Rahmens, der neuesten Fox-Luft-Federelemente mit 14 cm vorn und 14,4 cm hinten, individualisierbaren Steuersätzen und Hinterbaulängen sowie der hochwertigen Ausstattung aus. Die Komponenten von Crankbrothers und der Shimano XT Gruppe mit 11er Kassette samt großer Bandbreite (11-46 Zähne) lassen kaum Wünsche offen. Nur bergab fehlte mir ein größeres oder weiteres Kettenblatt vorn, um bei höherer Geschwindigkeit noch treten zu können. Dank den 27,5+ Laufrädern mit 3 bis 3,5 cm breiten Felgen und den 2,8 Zoll breiten Schwalbe Nobby Nic Reifen scheint es schier keine Hindernisse zu geben. Entspannt und sicher geht es mit den dicken Walzen über alle Unwegsamkeiten hinweg und Traktionsprobleme sind ein Fremdwort. Alternativ können auch 27,5- und 29-Zoll-Räder mit bis zu 3-Zoll-Reifen aufgezogen werden. Der einzige Nachteil ist, dass sie auf Grund ihrer Breite nicht in einige Autohalterungen passen.

 

 

Doch warum auf vier Rädern fahren, wenn es sich auch auf zwei locker zum Ziel und noch weiter geht. Das größte Manko könnte allerdings das Budget sein: Das ROTWILD R.X+ FS kostet in der von mir getesteten PRO-Ausstattung 6.199 Euro. Etwas „schlechter“ ausgestartet beginnt das besondere MTB-Fahrerlebnis als COMP bei 5.399 Euro. Satte 7.499 Euro kostet das EVO und gar 8.999 Euro die TEAM-Version mit noch hochwertigeren Komponenten inklusive elektrischer, an den Akku des E-Antriebes angeschlossener Shimano DI2-XTR-Schaltung. Unabhängig von der Ausstattung-Variante fasziniert das ROTWILD R.X+ FS mit seinem genialen Antrieb ebenso wie mit seinem Fahrwerk und Rahmen. Schade nur, dass es (zumindest derzeit noch) kein passendes Hybrid-Modell vom Kooperationspartner Mercedes-AMG gibt. Doch das wird sich ja wohl nächstes Jahr ändern und ROTWILD sein Angebot en E-MTBs weiter ausbauen – schon jetzt gibt es auch eher Cross Country orientierte Modelle und neuerdings mit dem R.G+ FS das erste Downhillbike mit dem Brose-Antrieb. Ich bin gespannt, wie sich die Technik weiter entwickelt und Drivers Club Germany wird darüber berichten.