Range Rover P400

09.04.2020 | Christian Sauer | Testrides

Automobile Originale liegen uns von Drivers Club Germany bekanntlich ganz besonders am Herzen. Deshalb freuen wir uns sehr auf Land Rovers Flaggschiff mit neuem Sechszylinder und werden nicht enttäuscht.

Neun Jahre bevor die erste G-Klasse 1979 das Licht der Welt erblickte und lange bevor sie ihren exklusiven Charakter entwickelte oder Bentley und Rolls-Royce in die Höhe wuchsen, definierte Land Rover vor einem halben Jahrhundert zum ersten Mal den Begriff des luxuriösen Geländewagens. Majestätisch, stilsicher und stilvoll – diese Attribute kennzeichnen seitdem den Range Rover. Kein Wunder, dass er bei den britischen Royals oft als Ersatz für Limousinen dient und selbst Queen Elisabeth persönlich hinterm Steuer thront. Schon die schiere Größe imponiert: fünf Meter Länge beziehungsweise sogar 5,20 Meter mit langem Radstand bei 2,22 Meter Breite inklusive Spiegel und 1,82 bis zu 1,95 Meter Höhe bei maximaler Bodenfreiheit des Luftfahrwerks.

Damit eignet sich auch die aktuell vierte Generation des Range Rover wie seine Vorgänger zuvor für härtere Einsätze als („nur“) Winterurlaub in den Alpen oder Ausfahrten auf dem englischen Landsitz der Eigner – um den einst von der Werbung selbst geschaffenen Stereotypen zu bemühen. Das für Land Rover und Range Rover typische Terrain Response System mit diversen Fahrprogrammen für Sand, Schlamm und mehr sorgt in Verbindung mit anderen elektronischen Helferchen, aber vor allem mit der robusten Offroad-Mechanik weiterhin für beeindruckende Geländegängigkeit. Dennoch fährt der inzwischen grundsätzlich über 100.000 Euro kostende Vorzeige-Brite mit Geburtsort Solihull in der Nähe von Birmingham weltweit eher auf – statt abseits – befestigter Straßen.

Je nach Ausstattungsvariante und individueller Konfiguration samt werksseitiger Veredlung können seine exquisiten Details bis hin zu den auffällig(er)en Zwei-Ton-Lackierungen der Top-Version SVAutobiography hier natürlich besser wirken und die Blicke auf sich ziehen. Unser in „Portofino Blue“ lackierter Testwagen wirkt dagegen weniger „dekadent“, wenn gleich nicht minder edel, aber eben mit aristokratischem Understatement. An seiner markanten kantigen Form haben (zum Glück) auch die letzten Jahrzehnte nichts wesentlich ändern können. Anders als bei anderen Herstellern und Modellen verzichtet(e) Jaguar Land Rover auf inflationäre Facelifts. Zumindest äußerlich bleibt sich der traditionsreiche Range also treu. Doch wie sieht es im Innenraum und unter der Motorhaube aus?

Schauen wir uns doch erstmal den komplett mit Teppich ausgekleideten Kofferraum an: Der nach oben und unten zweigeteilter Zugang ist durchaus praktisch, weil es ansonsten eine riesige Heckklappe wäre, die in Garagen zu Problemen geführt hätte. Beide Teile öffnen sich jeweils auch per Fernbedienung elektrisch. Die untere Klappe ermöglicht zudem die Option eines ausziehbaren (Holz)bodens oder der einsteckbaren Ledersitze, um wie beim Bentley Bentayga und Rolls-Royce Cullian mehr oder weniger bequem zum Beispiel ein Polo-Spiel beizuwohnen. Für die meisten Nutzer wichtiger – hinter der zweigeteilten Heckklappe passen 909 bis 2.030 Liter Gepäck. Die Rücksitze unseres Testwagens lassen sich dank elektrisch neigbarer Lehne bequem ohne Handarbeit umklappen und bieten selbst in der „Kurzversion“ üppig Platz.

Wie in einem Wintergarten sitzend kann dank den großen Glasflächen das Panorama aus dem lichtdurchfluteten Innenraum heraus genossen werden. Für mehr Privatsphäre sorgen optional abgedunkelte Scheiben und Sonnenrollos. Auf Wunsch verstärkt entweder ein festes Glaspanoramadach oder ein großes Glasschiebedach das luftige Raumgefühl für die maximal fünf oder vier Gäste an Bord. Je nach Ausstattung oder investiertem Aufpreis reicht das Angebot im Fond von separater Klimasteuerung, über Sitzheizung und -lüftung bis hin zu zwei voll klimatisierbaren Liegesitzen inklusive Massageprogrammen, kühlender Bar und aus der durchgehenden Mittelkonsole ausfahrbaren Tische. Bei so viel Komfort und Luxus verzichten Beifahrer sogar auf den mindestens ebenso bequemen „Sessel“ in der ersten Reihe. Vorn gefallen uns praktische Details wie die doppelten Sonnenblenden, sehr viele und große Ablagen (allein zwei Handschuhfächer) ebenso wie die Verarbeitung auf höchstem Niveau. Nahezu lückenlos schmeichelt weiches Leder, edles Holz nach Wahl und (echtes) Metall die Sinne.

Die hohe Materialgüte und Handwerkskunst kann allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass trotz der letzten Überarbeitung und Einführung des zweiten Touchscreens in der Mittelkonsole à la Range Rover Velar das eigentliche Infotainmentsystem samt 10-Zoll-Touchscreen nicht mehr ganz „state of the art“ wirkt. Bei allem Fortschritt bieten anderen Hersteller eben noch größere, schneller arbeitende und besser bedienbare Systeme an. Lobenswert finden wir die 12,3 Zoll großen Digitalinstrumente und das farbige Head-up-Display ebenso wie die Meridian-Soundsysteme mit bis zu 28 Lautsprechern und 1.700 Watt Leistung. Damit verwandelt sich der Range Rover zum rollenden Konzertsaal, dank aufwendiger Dämmung und Doppelverglasung von der Außenwelt nahezu abgekapselt. Wie hinter den dicken Mauern des Buckingham-Palastes herrscht fast absolute Ruhe. Störende Windgeräusche konnten wir erst ab ca. 180 km/h feststellen.

Aber muss man(n) trotz den je nach Motorisierung offiziell angegebenen Höchstgeschwindigkeiten von 209 bis abgeriegelten 250 km/h und Dynamic-Modus mit dem großen Range überhaupt so „rasen“? Wir gehen es lieber etwas langsamer an, gleiten stattdessen zügig aber sehr entspannt über die Autobahn und Landstraße. Das Luftfahrwerk vermittelt dabei das erhabene Gefühl, auf Wolken gebettet zu sein oder gar darüber zu fliegen. Sportliche Ambitionen sind bei dem par excellence gebotenen Fahrkomfort verbunden mit der Geländegängigkeit und rund 2,5 Tonnen Lebendgewicht naturgemäß zu vernachlässigen. Wer dennoch nicht darauf verzichten kann oder mag, muss entweder in die sportlich(er)e Topversion SVAutobiography Dynamic mit 565 PS / 700 Nm starken 5.0 Liter V8-Kompressor investieren oder zum per se dynamischeren Range Rover Sport umsteuern. Zu ihm passt „Sport Utility Vehicle“ doch besser und als SVR holt er sogar 575 PS sowie ebenso 700 Nm Drehmoment aus dem legendären Kompressor-Triebwerk.

Doch zurück zum großen Range, dessen zahlreiche Motorisierungen aktuell etwas verwirren. Als Diesel stehen ein 3.0 Liter V6 mit 275 PS und 625 Nm sowie der 339 PS / 740 Nm starke V8 mit 4.4 Liter Hubraum zur Wahl. Als Benziner stellt neben den bereits erwähnten V8-Kompressor mit 525 oder 565 PS der P400e Plug-in-Hybrid eine Besonderheit dar. Die Kombination des relativ kleinen 2.0 Liter Vierzylinders mit einem Elektromotor bringt es zusammen auf 404 PS und 640 Nm. Typisch Plug-in-Hybrid derzeitigen Standards ist die elektrische Reichweite – offiziell mit 48 km angegeben – jedoch überschaubar und sobald der Verbrenner solo arbeitet, bleiben die Aspekte Verbrauch, Antriebskomfort und Kraftreserven in Anbetracht des hohen Gewichts zumindest fraglich. Der beste Allrounder oder Kompromiss scheint aktuell der P400 3.0 V6 Mild Hybrid unseres Testwagens zu sein. Von einem riemengetriebenen Starter-Generator wird beim Bremsen und Verzögern seine 48-Volt-Batterie geladen, die ein elektrisch angetriebenen Turboverdichter mit Energie versorgt. Mit offiziell 9,3 Liter Super auf 100 km ist er zwar kein Sparwunder, aber verbraucht zumindest über drei Liter weniger als der V8-Kompressor.

In Sachen Fahrleistungen steht der 3.0-Liter-Sechszylinder ihm nicht viel nach. Beim Motorstart überrascht der P400 mit recht sportlichem Sound, der bald aber erstmal wieder dezent zurücknimmt. Die 8-Stufen-Automatik reagiert leider etwas verzögert auf Gasbefehle, aber dann legt er umso forscher los – da sollte man beim Anfahren aufpassen und sich vorsichtig dran gewöhnen. 6,3 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 fühlen sich in einem über zwei Tonnen wiegendem Koloss viel spektakulärer an, als es die Zahlen vermuten lassen. Auch der Durchzug und die souveränen Kraftreserven lassen nahezu keine Wünsche offen. Bei der abgeriegelten Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h erinnern wir (uns) nochmal daran, nicht in einem Sportwagen, sondern in einem extrem geräumigen und luxuriösen Geländewagen zu sitzen, den kleinere Personen wie die Queen am besten mit Hilfe von seitlichen Trittbrettern aus dem offiziellen Zubehörprogramm erklimmen.

Vielleicht wird die nächste Generation des Range Rover diese Komforthilfen als elektrisch ausklappende Variante ebenso anbieten wie weitere eHelferchen. Fest steht, dass neue Motorisierungen mit (teil-)elektrischem Antrieb bis hin zum reinen Stromer an den Start gehen. Damit soll das Land Rover Flaggschiff auf die nächsten 50 Jahre mit immer schärferen Abgas- und Verbrauchsnormen, aber auch für sich wandelnde Ansprüche und Kunden vorzubereitet werden. Wir hoffen und sind zuversichtlich, dass er sich trotz optischer Evolution und technischen Revolutionen im Kern weiterhin Treu sein darf und auch wird. Doch nicht nur bis dahin lohnt es sich, die aktuelle Generation des Range Rover genauer anzusehen – wie seine Vorgänger als moderne Klassiker wird er auch mit den Jahren grundsätzlich nicht an Reiz verlieren – er ist eben ein Original.