Hören, Sehen, Fühlen – der Porsche 911 Carrera 4S

18.03.2013 | Anja Sauer | Testrides

Porsche 911 Carrera 4S Drivers Club Germany 2

Unser nächster Testwagen ist ein Porsche 911 Carrera 4S“, sagte mir mein Kollege in der Redaktion. „Morgen ist er bei uns“. Sofort ertappe ich mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht und fange schon mal an zu träumen …

Von weitem schon höre ich den typischen Boxer-Sound und kann es kaum abwarten, endlich einzusteigen und loszufahren. Da steht er nun, im Farbton „indischrot“ strahlt er im tristen Grau des Himmels. Ein Highlight sind die Porsche Ceramic Composite Brakes, die an den gelben Bremssätteln sofort erkennbar sind und optisch einen tollen Kontrast zum roten Lack bietet. Ich nehme in den optionalen Sportschalensitzen hinterm Steuer Position ein und drehe den Schlüssel um – klar befindet der sich links des Lenkrads. Der Klang des 3,8-Liter Boxermotors beschert mir eine Gänsehaut und dann setze ich mich mit den 400 Pferdchen langsam in Bewegung. Sanft und sicher windet sich der 911er durch enge Straßen, der Motor ist dabei leise hörbar – eine Laufruhe, die begeistert. Auch die gute Rundumsicht ermöglicht eine vorausschauende Fahrweise in unübersichtlichen Gefilden in der Stadt, wie auf der Autobahn.

An der ersten Kreuzung angekommen, schaltet die Ampel auf rot. Das kommt mir gerade recht, denn ich stehe auf der Pole-Position und mein Fuß freut sich schon auf den Start. Gelb – Grün – Go! Von der besagten Ruhe ist kaum mehr etwas zu spüren, in 4,1 Sekunden befördert mich der Porsche gleichmäßig und spurstabil – dank des Allradantriebs – auf 100 km/h und die Autobahn ist nicht mehr fern. Im Kombi-Instrument informiert mich eine Grafik, wie die Antriebskraft im Moment verteilt wird. Apropos Moment: Das maximale Drehmoment von 440 Nm liegt bei 5.600 Umdrehungen an – ein starkes Stück für einen Sauger.

An der Auffahrt zur Autobahn gebe ich auf dem Beschleunigungsstreifen Vollgas, setze den Blinker links und fahre sofort auf die linke Spur. Weit und breit sehe ich kein anderes Auto – der 911er und ich sind ganz für uns alleine. Das fühlt sich keineswegs unangenehm an – ganz im Gegenteil, der 4S kann jetzt seine ganze Kraft ausspielen und zeigt mir, was er kann. Drehfreudig ist er – und in Kurven unschlagbar direkt. Bei 120 km/h fährt der Heckspoiler automatisch aus – 200, 250, 300 km/h – selbst bei Topspeed ist der Porsche problemlos kontrollier- und beherrschbar. Sollte doch jemand langsameres vor uns auftauchen, hilft uns der an das PDK-Getriebe gekoppelte Abstandsregler inklusive Porsche Active Safe (PAS), so dass wir vor Auffahrunfällen besser gefeit sind. Der Porsche kann eben nicht nur schnell und sportlich, er beschützt uns auch im Autofahrer-Alltag vor Dummheiten, natürlich nur bis zu einem gewissen Punkt. Verantwortlich für mein Fahren bin immer noch ich selbst.

Trotz aller Vernunft und Sicherheit gibt es in der Mittelkonsole unseres Testwagens einen Sport- und Sport-Plus-Button. Ich drücke drauf und ein Donnerwetter ereilt mein Gehör. „Zwischengas“ lautet das Stichwort, womit ich mich beim Runterschalten wie die Piloten auf der Rennstrecke fühle.

Das Getriebe schaltet im Normal-Modus jedoch früher hoch, was potentielle Käufer leicht irritieren könnte. Das lässt den Sportwagen schwächer wirken, als er ist. Da ich seine Kraft kenne, stört mich das weniger. Allerdings wird durch diese und andere Effizienzmaßnahmen samt Start-Stopp-Automatik der offizielle Verbrauch auf 9,1 Liter / 100 km gesenkt. Umso geringer der Verbrauch, desto länger weilt der Fahrspaß.

Das Wetter ändert sich plötzlich, als ich in die Berge fahre – es gab Neuschnee! Mich reizt es nun, die asphaltierte Straße zu verlassen und finde rein zufällig eine verschneite Nebenstraße. Dem Porsche ist das ziemlich egal, dank dem Porsche Traction Management (PTM) überträgt er die hohe Fahrleistung optimal auf jeden Untergrund. Jetzt habe ich das Gefühl, ich könnte mit dem 4S eine Rallye gewinnen und in die Fußstapfen von Walther Röhrl treten. Leider nimmt irgendwann jede Rallye-Etappe ein Ende.

 

Zurück in den Alltag und auf die Hauptstraße – ich muss noch einkaufen. Dabei wird sich zeigen, ob der Sportflitzer auch den Alltagstest besteht und er überrascht mich mit seinem großzügigen Platzangebot. Hinter den Vordersitzen, im übrigen aus schickem Carbon, platziere ich vorsichtig meine Einkäufe – ich will ja nicht, das sie Kratzer bekommen. Der Rest kommt in den 125 Liter fassenden Gepäckraum. So einen Einkaufswagen hätte ich doch gerne jeden Tag!

Nach dem Ausladen will ich noch eine Runde mit meinem Kollegen drehen. Auf dem Rückweg sehe ich zwei gute Bekannte klatschnass und durchgefroren an der Straße durch den Schnee waten. Ob ich sie in den Porsche hineinbekomme? Ein Versuch ist es wert, schließlich kann ich die beiden bei diesem Wetter nicht den weiten Weg zu Fuß nach Hause laufen lassen. Siehe da, es klappt, die zwei stattlich gebauten Kerle passen mit etwas „Nachdruck“ auf die Rücksitze. Für eine kurze Strecke ist das durchaus machbar. In seinem 50. Lebensjahr ist der 911 mit Maßen von 4,5 m in der Länge und knapp 2 m in der Breite schließlich kräftig gewachsen. Trotzdem bin ich froh, dass ich hinterm Steuer sitze, den da ist immer noch der beste Platz in einem Porsche.

Zu Hause angekommen, muss ich mir den 911 doch noch einmal genauer betrachten. Hinten fallen mir die ausgestellten Radkästen und die breitere Spur auf. Trotzdem wirkt das Design bei Porsche niemals übertrieben. Das Heckleuchtenband, ein charakteristisches Merkmal der vierradgetriebenen Carreras, besteht nicht mehr nur aus Reflektoren, sondern strahlt durchgängig beleuchtet mit LED-Technik. Das macht ihn, besonders in der Nacht, unverwechselbar. Aus LEDs besteht auch das Tagfahrlicht und bietet mir auch im Hellen mehr passive Sicherheit und natürlich das gewisse Styling.

Für den 911 Carerra 4S muss man dafür mindestens 112.313 Euro locker machen – für die Serienausstattung. Bei der gewohnt hochwertigen Verarbeitung ist das für diesen Porsche sicherlich nicht zu viel, denn für so einen starken Sportwagen zahlt man bei anderen Herstellern deutlich mehr. Zudem verbindet Porsche beeindruckende Sportlichkeit und solide Alltagstauglichkeit. Alles in Allem macht der 4S einfach Spaß und das nicht nur bei Sonnenschein.