Polestar 2 Fahrbericht

31.05.2022 | Christian Sauer | Testrides

Wir fahren das erste Volumenmodell der Elektroschwestermarke von Volvo mit vergrößerter Reichweite und „nur“ einem Motor.

Während der technisch sehr aufwendige Polestar 1 als 609 PS und 1000 Nm starker Plug-in-Hybrid und zugleich als schickes Coupé wegen seinem Preis von mehr als 150.000 Euro und der Limitierung eher etwas für wenige Enthusiasten oder Sammler und das für das Marketing der noch jungen Volvo-Schwestermarke war, soll der Polestar 2 nun weltweit den Volumenmarkt erobern. Dementsprechend wurde wohl auch die Karosserieform nicht als Kombi, sondern als Stufenhecklimousine gewählt.

Auf das Adjektiv „klassisch“ vor Limousine verzichten wir an dieser Stelle ganz bewusst, denn neben der Höhe mit 1,48 m sowie den relativ kurzen Überhängen vorn und hinten fällt der Polestar 2 vor allem mit seinem reduzierten Design auf, das als „clean“ bezeichnet werden kann. Es finden sich zwar ebenfalls einige Designanleihen von aktuellen Volvo-Modellen wie die Scheinwerfer mit dem Tagfahrlicht „Thors Hammer“, aber insgesamt wirkt es eigenständig und modern. Um einen weiteren Vergleich zu Hollywood zu ziehen, erinnert unser Testwagen mit der aufpreispflichtigen Perlweiß-Lackierung an die Stormtrooper von Star Wars, weshalb er vielleicht auch so viele Blicke auf sich zieht.

Serienmäßig sind die 19-Zoll-Felgen unseres Testwagens. Auf der sehr kompakten Optionsliste, die sich tatsächlich auf ein Blatt beschränkt (s. unten), finden sich alternativ noch 20-Zöller in zwei Designs. Während früher bei Benzinern „stolz“ der Hubraum oder die Zylinderanzahl per Kürzel präsentiert wurde, prangt beim Polestar 2 an beiden Flanken ein Aufkleber „Battery Electric Vehicle“ mit 78 kWh Akkukapazität und 170 kW Leistung, was 231 PS entspricht. Das outet unseren Testwagen mit den größeren Batterien als Frontantrieb statt Allrad per Dual Motor.

Zwar knackt unser Polestar 2 mit „nur“ einem Motor nicht die fünf Sekunden für die Beschleunigung aus dem Stand auf 100 km/h, aber die offiziell 7,4 Sekunden fühlen sich kaum weniger beeindruckend an – vor allem auf den ersten Metern. Naturgemäß zerren die 330 Nm bei Vollgas kräftig an den Vorderrädern und leider auch etwas an der Lenkung. Das Lenkgefühl selbst ist in drei Stufen einstellbar, von „Standard“ zu „gering“ oder zu „fest“. Selbst ohne das optionale Performance-Paket mit sportlicher(er) Fahrwerksabstimmung hat uns die elektrische Mittelklasselimousine mit guter bis sehr guter Kurvenlage auf Landstraßen überrascht. Möglich macht es die verwindungssteife Karosserie und die insgesamt recht straffe Abstimmung – wie gesagt bereits ohne Performance-Paket.

Damit wirkt der Polestar 2 zwar nicht unkomfortabel, aber leider werden angebotene adaptive Dämpfer nicht angeboten, die die Bandbreite und somit den Komfort weiter steigern könnten. In drei Stufen lässt sich hingegen die Stärke der Rekuperation und somit der sogenannte „One Pedal Drive“ konfigurieren. Vom „Segeln“ ohne Bremswirkung bis zum Standard-Einstellung, die in vielen Situationen den Einsatz der eigentlichen Bremsen überflüssig macht, besteht die Wahl. Nur indirekte Wahlfreiheit gibt es bei der Höchstgeschwindigkeit, die bei den Varianten mit einem Motor bei 160 km/h abgeriegelt wird – Tempo 205 sind mit Dual Motor möglich.

Bei der Reichweite hat unser Testwagen als „Long Range Single Motor“ wieder die Nase vorn. Laut WLTP sollen 542 km möglich sein. Während unseren Testfahrten wurden bei 96-prozentiger Ladung 420 km vorhergesagt, nachdem wir auch einige schnellere Etappen zuvor hatten. Aus Rücksicht auf die Langlebigkeit der Batterien wird eine maximale Ladung von 90 Prozent empfohlen. Die schnellste Ladung hatten wir an einer CCS-Säule, wo der Polestar mit bis zu 75 kW lud. Dabei konnte das eigene Ladekabel im kleinen Fach vorn unter der „Motorhaube“ bleiben. So ist es unabhängig von Gepäck immer gut erreichbar und nimmt im Heck keinen Platz weg. Der Kofferraum fällt mit 340 bis 715 Litern bei umgeklappten Rücksitzen durchschnittlich aus und zudem stört etwas die recht hohe Ladekante.

Beim Kofferraumvolumen und Platzangebot vor allem auf besagten Rücksitzen zeigen sich die Nachteile der Limousine gegenüber einem Kombi oder SUV ohne abfallende Dachlinie. Sperriges Gepäck lassen sich im Polestar 2 zumindest schwieriger verstauen und beim Einstieg in die zweite Sitzreihe sollten Erwachsene lieber den Kopf einziehen. Auch Platzgenommen ist die Kopffreiheit überschaubar, während selbst lange Beine dank des relativ langen Radstands von 2,73 m bei 4,60 m Länge gut unten kommen.

In der ersten Reihe mangelt es in keiner Richtung an Platz. Zur Wahl stehen vier verschiedene Stoffbezüge und in Verbindung mit dem Plus-Paket gegen Aufpreis helles Nappaleder inklusive Sitzbelüftung und „rekonstruiertem Holzdekor“. Elektrisch verstellbare Vordersitze, das feste Panoramaglasdach und Harman Kardon Premium Soundsystem gibt es ausschließlich mit dem Plus-Paket, während goldene Gurte dem Performance-Paket vorbehalten bleiben. Mit dem Pilot-Paket wird das Angebot an Individualisierung abgerundet, oder anders gesagt, mehr gibt es nicht. Auch mit Polestar- statt Volvo-Logo erinnert das Cockpit größtenteils an die Schwedenflotte.

Dagegen wurden zum Teil Materialien mit neuer Haptik und Optik verwendet. Leider hat sich aber gerade um die Mittelkonsole herum klappriger Kunststoff eingeschlichen, was den an sich hochwertigen Eindruck inklusive guter Isolierung und geringen Windgeräuschen etwas trübt. Der 11-Zoll-Touchscreen des Infotainmentsystems wirkt wie ein Tablet und läuft passenderweise mit Google, was beim Suchen der nächsten Ladesäule und beim Navigieren mit Blick auf die Restreichweite praktisch hilft.

Zum reduziertem, fast schon minimalistischem Design passen die digitalen Instrumente ohne Effekthascherei und der Verzicht auf einen Start-Stoppknopf. Die Sitzerkennung macht es möglich und zusammen mit dem Keyless-Schlüssel fühlt sich „einsteigen und (elektrisch) losfahren“ nochmal ganz anders an.

Mit einem Startpreis hierzulande von unter 50.000 Euro punktet der Polestar 2 beim Preis-Leistungs-Verhältnis ebenso wie bei allen anderen Kriterien. Wem sein Platzangebot reicht, bekommt ein richtig gutes E-Auto. Wer tatsächlich mehr Platzbedarf hat, kann auf den Polestar 3 als SUV hoffen und dass trotz stylischem Design die Praktikabilität nicht leiden muss. Wir werden sehen und berichten.