Polestar 1

24.03.2021 | Christian Sauer | Testrides

In unserer Reihe außergewöhnlicher Automobile präsentieren wir heute das extrem seltene Hybrid-Coupé mit 609 PS und 1.000 Nm im Fahrbericht.

In fast zehn Jahren Driver Club Germany haben wir bekanntlich schon einige extrem rare und kostspielige Exoten von Aston Martin, Bentley, Ferrari, Lamborghini, McLaren bis hin zu Bugatti und Pagani gefahren. Doch selten sind wir auf so viel Interesse, Neugier und Sympathie gestoßen wie jetzt mit dem Polestar 1. Das liegt zum einen sicherlich daran, dass wir mit dem noch kaum bekannten Logo der 2017 von Volvo und deren chinesischen Mutterkonzern Geely Holding gegründeten Elektro-Marken und mit den kleinen Namens-Aufkleber an der Seite quasi inkognito unterwegs waren. Bislang wurden auch erst sehr wenige Exemplare des Hybrid-Coupé vom hochmodernen Werk in Chengdu nach Deutschland geliefert.

Wirklich „viele“ werden es auch nicht werden, denn der Polestar 1 ist weltweit auf 1.500 Exemplare limitiert und der hiesige Preis von mindestens 155.000 Euro freut vielleicht Sammler, trägt aber nicht zur massenhaften Verbreitung bei. Dafür zieht unser Testwagen mit seinem ebenso dynamischen wie elegantem Design die Blicke auf sich. Bei 4,56 Meter Länge misst er ohne die besonders filigranen Außenspiegel in der Breite stolze 1,94 Meter. Dazu steht er auf mächtigen 295er Hinterreifen und mindestens genauso beeindruckenden 21-Zoll-Felgen in drei Designs, die sich vor allem in der Farbe unterscheiden, also hell, schwarz glänzend oder schwarz-matt. Dahinter scheinen vorne die gelben Bremssättel der 6-Kolben-Akebono-Anlage durch. Passend zu den fünf Lackfarben, die jeweils als Metallic oder für € 5.000 extra in Matt bestellbar sind, bleibt die Wahl zwischen Zierleisten in Chrome oder glänzendem Schwarz.

Unabhängig von der Farbkombination ist der Polestar 1 ein echter Eyecatcher, der seine Volvo-Gene nicht leugnen kann – warum auch. Die markentypischen „Thor’s Hammer“-Scheinwerfer machen doch ebenso an der flachen Front eine gute Figur. Und am knackig kurzen Heck mit ausklappbarem Spoiler erinnern die Heckleuchten auch an die schwedische Kultmarke, die im ausgedünnten Portfolio ja leider kein Coupé anbietet. Umso mehr freuen wir uns über den Polestar 1 und seiner im Kofferraum zur Schau gestellten Elektrotechnik. Richtig gelesen und gesehen – dank der transparenten Kofferraumwand durften die Designer und Ingenieure zumindest Teile der aufwendigen Technik in Form der Starkstromleitungen in Szene setzen. Das sehenswerte Gimmick erklärt und lenkt zugleich auch geschickt davon ab, dass er mit 115 Liter nicht gerade groß ausfällt. Immerhin passen zwei Getränkelisten oder zwei Bordtrolleys hinein.

Wer dann noch ein Auge für den Kofferraumdeckel hat, erkennt Carbon als dominierenden Werkstoff für die gesamte Karosserie. Durch den aufwendigen und teuren Einsatz konnten über 200 kg eingespart werden. Ein Leichtgewicht ist der Polestar 1 mit seinen 2,35 Tonnen dennoch nicht. Das liegt unter anderem an der Ausstattung auf dem Niveau von Volvos 90er Baureihen. Dazu gehören die Bedienelemente ebenso wie das Infotainment (noch ohne Android Auto) samt Bowers & Wilkins-Soundsystem sowie die Assistenz- und Sicherheitssysteme. Auch die bequemen, elektrisch einstellbaren und beheizbaren Sportsitze erinnern mit ihren Kopfstützen an Volvo. Passend zum edlen Interieur mit großflächigem Einsatz von Echt-Carbon und schwarzem Leder sind die Vordersitze entweder mit schwarzem oder – als einzige Möglichkeit zur Individualisierung – mit hellgrauen Lederbezug bestellbar. Die gelben Gurten sind genauso obligatorischer Standard wie das schwarze Leder der Rücksitze, die selbst für Kinder sehr schwer erreichbar und kaum nutzbar sind.

Quasi „alternativlos“ ist auch das feste Panoramaglasdach mit dem von außen sichtbarem Polestar-Symbol bei aktiviertem Antrieb. Es lässt trotz dunkler Tönung viel Licht hinein, was bei starker Sonneneinstrahlung ohne weitere Verdunkelungsmöglichkeit vielleicht etwas viel werden könnte. Negativ fielen zumindest bei unserem Testwagen auch die recht starken Windgeräusche des Glasdachs über 200 km/h auf. Anders als bei allen aktuellen Volvo Neuwagen wird der Polestar 1 nämlich nicht bei Tempo 180 abgeriegelt, sondern erst bei 250. Und der Weg dorthin ist sehr beeindruckend: Nach dem Start geben zuerst der Elektromotor vorn und die beiden E-Maschinen an den Hinterrädern den „Ton“ an. Schon allein für sich sorgen sie für atemberaubende Beschleunigungen aus dem Stand oder bei Zwischensprints bis 160 km/h.

Doch damit nicht genug, stößt bei Bedarf ja noch der Verbrenner mit dazu. Gerade im Sport-Modus klingt der 309 PS starke 2-Liter-Vierzylinder samt Kompressor und Turbolader richtig kernig. Zusammen mit den Elektromotoren leistet der Polestar 1 insgesamt 609 PS und 1.000 Nm Drehmoment! Wie gut, dass selbst bei sportlicher Fahrweise durch das ausgeklügelte Zusammenspiel von 8-Stufen-Automatik und Allradantrieb inklusiver mechanischer Torque Vectoring-Technologie keine Traktionsprobleme auffallen. Offiziell ist die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h mit 3,9 Sekunden angegeben. Angesichts des relativ hohen Gewichts fühlt sich der Schub in der Realität aber noch brachialer an.

Wie gut, dass die bereits erwähnten Akebono-Bremsen mit sechs Kolben vorn ebenso stark zubeißen. Je nach gewählter Rekuperationsstufe können sie im „Alltag“ aber größtenteils geschont werden, wenn der Polestar 1 Bremsenergie gewinnt. Wer trotz des Gewichts mit dem Hybrid-Coupé auf die Rennstrecke will, freut sich vielleicht über die manuelle Einstellung der Öhlins-Stoßdämpfer – an den Hinterrädern per Werkzeug – vorn per Hand in 22 Rastern. Die Bedienungsanleitung empfiehlt zwar drei Einstellungen für „Dynamic“, „Performance“ und „Performance+“, aber theoretisch ist ein gang individuelles Setup möglich. Doch wer „braucht“ das und macht das vor allem? Bei aller Sympathie für mechanische Lösungen hätten wir uns in diesem Hightech-Modell lieber ein breitgefächertes Dämpfer-Setup per Knopfdruck während der Fahrt gewünscht.

Hinzu kommt, dass wir trotz mehreren Versuchen keine optimale Abstimmung fanden. Mit der für das Gewicht und die Größe des Polestar 1 sehr direkten Lenkung machen schnelle(re) Kurven an sich zwar Spaß, aber zumindest das Gewicht sorgt zugleich für ein subjektiv nervöses und unruhiges Fahrverhalten, das sich leider selbst auf der Autobahn fortsetzt. So gestalten sich längere Fahrten bei höheren Geschwindigkeiten leider weniger entspannt als gedacht beziehungsweise erwartet. Dabei fällt die elektrische Reichweite mit 124 km dank 34-kWh-Batterien bemerkenswert aus und dazu kommt ja auch noch der 60-Liter-Tank für Superbenzin. Der Polestar 1 ist eben ein ganz besonderes, historisch betrachtet vielleicht sogar ein einmaliges Modell.

Dazu passt, dass er ausschließlich online auf Polestar.com bestellbar ist. Sogenannte Polestar Spaces, also schicke Showrooms in den Metropolen, bieten jedoch die Möglichkeit der Probefahrten – auch mit dem Polestar 2 als rein-elektrische Limousine zu Preisen ab 54.925 Euro, die zukünftig deutlich öfter zu sehen sein wird als das Hybrid-Coupé. Wer sich weder vom fast dreifachen Preis, noch von den beschriebenen Sonderheiten abschrecken lässt, sollte sich beeilen, denn die Produktion des exklusiven Polestar 1 endet wahrscheinlich noch dieses Jahr nach den erwähnten 1.500 Exemplaren.