Mega-Test: Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive

11.03.2013 | Christian Sauer | Testrides

Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive Drivers Club Germany

Drivers Club Germany Chefredakteur und Testfahrer Christian Sauer hatte die exklusive Möglichkeit, den Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive zu testen – und zwar auf einer Rennstrecke. Hier gibt es den elektrifizierenden Fahrbericht samt Video.

Blau oder grün? Die Frage scheint in diesem Moment ebenso dringend wie unwichtig zu sein. Wir sind nach Südfrankreich – genauer gesagt nach Le Castellet in die Nähe von Marseille – gereist und stehen nun in der Boxengasse der Rennstrecke „Circuit Paul Ricard“. Hier haben wir das besondere Vergnügen, den neuen Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive (= SLS AMG ED) zu testen. Im markanten Grün-Ton waren bereits die Prototypen des, damals noch SLS AMG E-Cell genannten, Supersportwagens mit rein elektrischem Antrieb lackiert. Parallel zur Präsentation des konventionell von einem V8 angetriebenen SLS AMG auf der IAA 2009 lief bereits das ebenso aufwendige wie vielversprechende Projekt der Elektrifizierung. Die stetigen Fortschritte bei der Entwicklung bewiesen immer wieder neue Evolutionsstufen und einzelne Technik-Exponate auf den großen Messen weltweit. All das erfüllte seinen Zweck: die Neugier und Vorfreunde auf den E-Supersportler stetig weiter zu steigern.

Nun ist es endlich soweit, das Warten hat ein Ende. Doch für welchen von beiden entscheiden wir uns nun, blau oder grün? Wir greifen zum Schlüssel des blauen Testwagens. Schritt für Schritt, Meter für Meter, den wir uns dem SLS AMG ED nähern, steigt die Spannung – man könnte auch sagen: Wir stehen unter Hochspannung. Das Design samt der Farbwahl ist natürlich eine Frage des Geschmacks, aber dieses subjektive Urteil erlauben wir uns: „Der Wagen sieht verdammt sexy und geil aus!“

Unter der äußerst attraktiven Hülle steckt ein aus ebenso hochfestem wie ultra-leichtem Carbon hergestelltes Rückgrat in Form eines Monocoque. Dabei nutzte man bei Mercedes-AMG erneut das jahrzehntelange Know-how aus dem Motorsport. Mit Leichtigkeit lassen sich auch die markanten Flügeltüren im Stil des legendären Mercedes 300 SL aus den 1950er Jahren öffnen – wenn man einmal weiß, wie es geht. Wer diese Hürde überwunden hat, kann nun in die nur 1,26 m flache Flunder hineingleiten. Zur auf den ersten Blick komplizierten, aber für Sportwagen typischen Prozedur kommt beim SLS noch ein anderer Aspekt. Wir empfehlen, das Kopfeinziehen nicht zu vergessen, aber mindestens einmal macht jeder unfreiwillig Bekanntschaft mit der Flügeltür – spätestens beim Aussteigen.

Aber daran verschwenden wir jetzt keinen Gedanken, schließlich haben wir es uns erstmal in den Schalensitzen bequem gemacht. Die sind sportlich dünn gepolstert und nur bedingt für längere Strecken geeignet, versprechen dafür aber auch viel Seitenhalt, den wir gleich, in schnellen Kurven gut gebrauchen werden. Gefühlt liegen zwischen unserem Allerwertesten und dem Asphalt nur wenige Zentimeter, was Sport- und Rennfahrer zu schätzen wissen, schließlich gibt das berühmte „Popometer“ wertvolle Auskunft über Streckenbeschaffenheit und Verhalten des Fahrzeuges im Grenzbereich. Diesen wollen wir mit dem SLS ausloten oder uns zumindest herantasten.

 

Ein Blick auf die Bedienelemente lässt kaum Fragen offen. Wer schon einmal in einem „normalen“ SLS gesessen hat – zugegeben sicher nicht viele Otto Normalfahrer – muss zweimal hinschauen, um in diesem exklusiven Mikrokosmos aus Leder, Alcantara und Carbon die Besonderheiten des Elektro-Modells zu erkennen. In der Mittelkonsole werden wir fündig, hier gesellt sich neben dem kleinen Wählhebel für das Getriebe, dem Start-Knopf und weiteren Schaltern zur Einstellung der Fahrdynamik noch ein Schalter für AMG Torque Dynamics, die intelligente Verteilung der Antriebsmomente dazu. Wozu das?

Der SLS AMG ED besitzt nicht nur einen Elektromotor, sondern einen an jedem Rad. Dadurch profitiert der Supersportwagen nicht nur von den Vorteilen eines klassischen Allradantriebes, sondern zusätzlich auch von der individuellen Ansteuerung der E-Motoren, was völlig neue Freiheiten eröffnet. Klingt kompliziert und ist es technisch auch, aber vereinfacht lässt es sich so erklären: Die kombinierte Leistung von 552 kW / 751 PS und das enorme Drehmoment von insgesamt 1.000 Nm verteilt die Fahrzeugelektronik immer bedarfsbedingt an das Rad oder die Räder, die am meisten Traktion haben. Davon profitieren Fahrdynamik, Fahrverhalten, Fahrsicherheit und Fahrkomfort. Mit dem erwähnten Knopf lässt sich das System individuell konfigurieren. Auf dem Farb-Display oberhalb der Mittelkonsole werden diese Einstellungen ebenso angezeigt wie die jeweiligen Fahrzustände.

Außerdem werden auf dem Bildschirm des Multimediasystems die Temperaturen der Motoren und Batterie, deren Ladezustand und die daraus resultierende Reichweite visualisiert. Letztere soll bei rund 250 km liegen – was wir hier auf der Rennstrecke allerdings nicht testen können. Zwar verbrauchen Elektromobile beim starken Beschleunigen relativ wenig Energie verglichen mit Benzinern, aber dennoch gehen die Runden hier auf abgesperrtem Terrain stark an die Substanz der flüssigkeitsgekühlten Lithium-Ionen Hochvoltbatterie. Bei deren Entwicklung und Produktion profitiert Mercedes vom in der Formel 1 mit den KERS-Systemen gewonnenen Know-how. Mit entsprechender Schnellladevorrichtung soll die Batterie in drei Stunden vollständig geladen sein, an normalen Steckdosen vergehen unterdessen schon mal 20 Stunden.

Wie bei anderen E-Autos üblich, wird über die Rekuperation beim Bremsen und Gaswegnehmen ebenfalls Energie zu(rück)geführt – beim SLS natürlich auf anderem Niveau als bei einem Kleinwagen. Der ED rekuperiert so stark, dass es im öffentlichen Straßenverkehr oft ausreichen wird, den Fuß vom Gas zu nehmen, um zu bremsen. Bei sportlicher Fahrweise kommen dann aber die Keramik-Hochleistungs-Verbundbremsen im XXL-Format zum Einsatz, um den Wagen mit seiner elektronisch auf 250 km/h begrenzten Höchstgeschwindigkeit zu verzögern. Nicht, dass die auf Rundstrecken erprobten und bewährten Stopper damit ein Problem hätten, aber beim SLS AMG ED haben sie es mit rund 2,1 Tonnen zu tun. Das ist in der Riege der Supersportwagen alles andere als ein Bestwert und auf die, trotz bemerkenswerten Fortschritten, immer noch recht schwere Batterie zurückzuführen. Zum Vergleich: Die benzingetriebenen SLS-Versionen wiegen bis zu 600 kg weniger. Ihre Achtzylinder-Motoren leisten zwischen 571 und 631 PS im ebenfalls neuen SLS AMG Black Series. Bei ihm, der vom Motorsport-Pendant SLS AMG GT3 abgeleiteten Variante mit Heckantrieb, sind unbegrenzte 315 km/h Höchstgeschwindigkeit drin. Das verwundert nicht, denn oben heraus sind Elektro-Sportler konzeptbedingt im Nachteil, bei der Beschleunigung aber dafür wieder im Vorteil. Das wollen wir selbst erleben und rollen vorsichtig zum Ende der Boxengasse.