Offroad-Gigant: Mercedes-Benz G 500 4×4²

01.07.2016 | Christian Sauer | Highlights, Testrides

Mercedes-Benz G 500 4x4² Drivers Club Germany testdrive offroad
Wir bringen das über 200.000 Euro teuren Sondermodell der legendären G-Klasse im harten Gelände ans Limit und sogar in die Luft. Dank des fast 500 PS starken V8-Motors und des Extrem-Fahrwerks vom nicht mehr produzierten Mercedes-AMG G 63 6×6 kennt das exklusive Lieblingsspielzeug von Millionären weltweit nahezu keine Grenzen.

Ihre Gedanken sind den Passanten regelrecht ins Gesicht geschrieben – Gigantismus, Größenwahn, Konsequenz, Unvernunft oder Verrücktheit – dieses Auto polarisiert und lässt wohl niemanden kalt. Von in die Höhe gereckten Daumen, begeistertem Lachen über das ganze Gesicht bis zur offenen Mündern und Kopfschütteln ist alles dabei. In den letzten Jahren habe ich zwar zahlreiche, zum Teil deutlich stärkere und teurere Sportwagen getestet, aber nur selten so emotionale Reaktionen erlebt. Einen großen Anteil daran hat sicherlich die schiere Größe des Mercedes-Benz G 500 4×4²: Mit 2,23 m Höhe nicht zu übersehen und auf ungewohnter Augenhöhe mit Truck- oder Busfahrern, passt die hochgebockte Variante der G-Klasse in kaum ein Parkhaus und auch beim Drive-in ist zumindest Vorsicht geboten. Selbst wenn es oben passt, könnte es unten bei 2,10 m Breite eng werden. Die Spurweite von über 1,70 m und die 22-Zoll-Felgen mit 32,5 cm breiten Reifen machen extreme Kotflügelverbreiterungen notwendig. Sie sind ebenso aus leichtem und teurem Carbon gefertigt wie der Dachspoiler oberhalb der typisch G-Klasse steil stehenden Windschutzscheibe. Leider bleiben die darin integrierten LED-Zusatzscheinwerfer wegen gesetzlicher Auflagen in Deutschland deaktiviert. Stattdessen sorgen LED-Tagfahrlichter und Bi-Xenon-Scheinwerfer für Erhellung.

Doch noch einmal zurück zum „Leichtbau“ und der Straßenverkehrsordnung: Fahrfertig ist der 4×4² mit 3.021 kg Leergewicht angegeben und das zulässige Gesamtgewicht beziffert Mercedes mit 3.490 kg – also nicht zufällig knapp unter 3,5 Tonnen – ansonsten würden zahlreiche Beschränkungen beispielsweise beim Führerschein greifen. Doch so darf „jeder“ den Koloss fahren, der die Chance bekommt und sich traut. Auch mir flößt er zuerst viel Respekt ein, aber nachdem ich den halben Meter hohen Aufstieg gemeistert habe, legt sich die Skepsis rasch. Auf den vielfach elektrisch verstellbaren und klimatisierbaren Vordersitzen mit Langstreckenqualitäten, genießt man(n) dank der Höhe und den schmalen A-Säulen einen grandiosen Panoramablick. Dann heißt es kraftvoll die schweren Türen zuziehen, schließlich verkörpert die G-Klasse einen der wenigen noch lebenden „Dinosaurier“ der Automobil-Welt, dessen Basis seit der Geburt in den 1970er Jahren kaum verändert wurde. Doch genau das lieben seine Fans an ihm und der stetige, zuletzt nochmal gestiegene Erfolg des Offroad-Klassikers bestärkt Mercedes darin, ihn weiter zu bauen. Regelmäßig bekommt er Updates für die Sicherheits- sowie Komfort-Features spendiert. Dementsprechend findet sich im Innenraum des 4,50 m langen Fünftürers ein teils skurriler Mix von Hightech wie in den neuesten Modellen mit Stern und den Details eines Youngtimers.

 

Bis auf einen Tempomat, der nicht einmal gegen Aufpreis angeboten wird, gibt es für 226.100 Euro eine komplette Vollausstattung, die selbst für anspruchsvollste Kunden nahezu keine Wünsche offen lassen sollte. Einzig die glänzenden oder matten designo- und Sonderlacke als Ergänzung der ohnehin schon abwechslungsreichen Farbpalette kosten extra, im Fall des neon-gelbgrünen Electricbeam sogar 20.706 Euro! Anders als beim von mir 2013 getesteten und nicht mehr produzierten Vorgänger Mercedes-AMG G 63 6×6, von dem weniger als 200 Exemplare die Fabrikhallen in Graz verließen und inzwischen für deutlich mehr als den ursprünglichen Preis von 455.770 Euro gehandelt werden, fehlen seinem Nachfolger die zweifarbigen Lederausstattungen zur Wahl sowie luxuriöse Einzelsitze im Fond. Stattdessen gibt es eine schwarze Alcantara-Leder-Ausstattung mit weißen oder farbigen Kontrastnähten und die klassische Rücksitzbank mit ausreichend Platz für drei Erwachsene. Edel verkleidet und praktisch zugleich präsentiert sich auch das rund 500 bis über 2.500 Liter große Gepäckabteil hinter der zur Seite öffnenden Hecktür. Der 6×6 hatte als Pick-up hinter dem verlängerten Innenraum eine mit massivem Bambusholz vertäfelte Ladefläche, aber anders als der 4×4 keine Rückfahrkamera. Beiden Brüdern gemein ist der zwangsläufige Verzicht auf eine Anhängerkupplung durch das hochgelegte Fahrwerk. Die Vorteile der innovativen Portalachsen und der so geschaffenen Bodenfreiheit im harten Gelände teste ich später noch. Doch wie sieht es auf der Straße aus?