Mercedes-Benz E 450 4MATIC Cabrio

05.11.2020 | Christian Sauer | Testrides

Wir testen die neue E-Klasse und klären, ob das Cabrio als open-air Gran Turismo noch Wünsche offenlässt? Die Frage beantworten wir auf unserer Tour nach Tangermünde an der Elbe.

Zugegeben – die „neueste“ E-Klasse auf den ersten Blick zu erkennen oder vom „Vorgänger“ zu unterscheiden, ist keine einfache Aufgabe. Evolution und Feinschliff statt Revolution lautete wohl das Briefing für das Facelift der seit 2016 gebauten 213er-Generation, das offiziell natürlich Modellpflege (MOPF) heißt. Gleiches gilt für das zweitürige Coupé und das Cabrio, die seit 2017 als eigenständige Baureihe 238 im Bremer Werk von Mercedes-Benz gebaut werden. Laut Pressemitteilung sollen zum noch dynamischeren Eindruck flachere Scheinwerfer mit Multibeam-LED-Technik und der Diamantgrill mit seiner „A-Shape“-Gestaltung, verchromten Dots, einer Lamelle und dem Zentralstern beitragen. Neues Highlight der muskulösen Heckpartie ist laut Designer das überarbeitete Innenleben der zweiteiligen Heckleuchten mit LED-Technik. Wir können es kurz machen – uns gefällt das 4,83 m lange Cabrio ausgesprochen gut!

Es wirkt wie aus einem Guss, zugleich elegant und kraftvoll. Dies unterstreicht zusätzlich zu den bereits erwähnten LED-Scheinwerfern und dem überarbeiteten Grill auch die AMG Line samt den sehr speziellen 20 Zoll großen AMG-Aero-Felgen unseres Testwagens. Aus unserer Sicht steht ihm die designo-Lackierung Patagonienrot extrem gut, selbst wenn sich die Mehrheit der Interessenten am Ende wohl doch wieder für einen gedeckten Farbton entscheidet. Es bleibt natürlich eine Geschmacksfrage, genauso wie die Gestaltung des Interieurs mit den Zierelementen aus offenporigem Eschenholz und hellem Nappaleder in Macchiatobeige. Das mag zwar empfindlich(er) sein, aber sieht schon sehr verlockend aus. Reizvoll sind auch die vielen Extras – in unserem Testwagen für fast 35.000 Euro!

Ob man davon wirklich alles „braucht“ sei dahingestellt, aber das Wärme-Komfort-Paket inklusive Armlehnenheizung ist schon nett, ebenso wie das Energizing Paket samt den klimatisierbaren und vielfach elektrisch verstellbaren Multikontur-Sportsitzen, den zahlreichen Massage- und Wellnessprogrammen. Passend dazu verströmt die Klimaanlage auf Wunsch angenehme Düfte und die spektakuläre Ambientebeleuchtung zaubert Lichtstimmungen von Party bis Kaminfeuer. Untermalt wird die rollende Wellnesslandschaft vom Burmester Surround-Soundsystem mit glasklarem Klang. Störende Außengeräusche muss es selbst bei über 160 km/h nicht überspielen – das dicke, mehrschichtige Verdeck mit aufwändiger Dämmung ist wie vieles vom inzwischen nicht mehr bestellbaren S-Klasse Cabrio abgeleitet und macht auch die E-Klasse zum Ganzjahresauto. Als Verdeckfarben stehen neben Schwarz auch Dunkelbraun, Dunkelblau und Rot zur Wahl. Unseres hat die Option des hellen designo-Innenhimmels in Mikrofaser – ebenso wie die sonnenreflektierende Lederausstattung – in Beige an Bord.

Die Stoffkapuze lässt sich in 20 Sekunden sogar bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h öffnen und schließen. Nach dem Öffnen legt es sich besonders leise und sorgfältig zusammengefaltet im Verdeckskasten ab. Ein elektrisches „Rollo“ trennt es vom Kofferraum, der dadurch von 360 auf 285 Liter schrumpft. Wer mehr Platz benötigt, muss doch die an sich bequemen Rücksitze als Ablage nutzen – interessantes Detail – ihre Lehnen sind umklappbar. Als Alternative oder Ergänzung zum klassischen Windschott über den Rücksitzen lässt sich das E-Klasse Cabrio mit dem Aircap-System ausrüsten, bei dem zwischen den hinteren Kopfstützen und oberhalb der Frontscheibe jeweils Windabweiser per Knopfdruck ausfahren. Das sieht vielleicht nicht unbedingt schön aus, aber reduziert Turbulenzen und Windgeräusche spürbar. Im Cabriolet Komfort Paket ist ebenfalls die Airscarf-Nackenheizung enthalten. So macht Offen-Fahren auch bei niedrigeren Temperaturen richtig Spaß und der Magic Vision Control Scheibenwischer mit integrierten Wasserdüsen erkennt sogar das geöffnete Verdeck, um ungewollte „Duschen“ zu vermeiden.

Es sind diese und viele andere Details wie die legendären Gurtbringer, die den Mercedes so entspannt und nahezu perfekt machen. Etwas (Um)Gewöhnung verlangt allerdings das neue Multifunktionslenkrad. Die Bedienung gelingt dann jedoch gut und sieht noch dazu gut aus, oder? Gleiches gilt für das per se zwar sehr komplexe MBUX-Infotainmentsystem mit per Augmented Reality quasi live eingeblendeten Navigationshinweisen, das sich aber unter anderem mit der „Hey Mercedes“-Sprachsteuerung leicht bedienen lässt. Das Widescreen-Cockpit mit den beiden optional sogar 12,3 Zoll/31,2 cm großen, hochauflösenden Bildschirmen ist „großes Kino“. Die flüssigen Animationen ziehen nicht nur die Blicke auf sich, noch wichtiger, die digitalen Instrumente sind selbst bei direkter Sonneneinstrahlung problemlos ablesbar. Manuell konfiguriert oder mit dem jeweiligen Fahrmodus automatisch gewählt, reicht das Spektrum der aufwendigen Grafiken von verschiedenen virtuellen Rundinstrumenten bis zum Racing-Look. Zusätzlich spiegelt das Head-up-Display gegen Aufpreis die wichtigsten Infos auf die Windschutzscheibe.

Auch für das E-Klasse Cabrio bietet Mercedes-Benz schier unendlich viele Assistenzsysteme an, die das Fahren noch sicherer und komfortabler machen sollen. Da ist neben dem Park-Paket mit 360-Grad-Kameras sowie automatischem Ein- und Ausparken, vor allem der aktive Lenk-Assistent und die modifizierte Distronic Plus zu nennen, die in Verbindung mit dem Verkehrszeichen-Assistent die gerade zulässige Höchstgeschwindigkeit und den sicheren Abstand zum davor fahrenden Wagen einhalten kann, sondern die eingestellte Geschwindigkeit bei Bedarf vor Kurven automatisch reduziert und danach wieder Gas gibt. Das sorgt vor allem auf langen Strecken zusammen mit den bereits erwähnten Features für Entspannung. Passend dazu verwandelt die ebenfalls hervorragend arbeitende Airmatic-Luftfederung das rund zwei Tonnen wiegende Cabrio zum „fliegenden Teppich“. Selbst auf extrem schlechten Straßen merkt man davon in der Mercedes-Wellness-Oase nahezu nichts. Auf der anderen Seite kann der komfortable Benz dank den aufwendigen Fahrwerkskomponenten samt Lenkung und Allradantrieb auf Wunsch auch (relativ) sportlich.

Wem das noch nicht reicht, sollte sich den Mercedes-AMG E 53 4MATIC+ mit Panamericana-Grill genauer ansehen. In Sachen Fahrdynamik und Sportlichkeit bietet das Schwestermodell standesgemäß in allen Belangen etwas mehr – muss allerdings auch auf ein V8-Triebwerk verzichten. Stattdessen teilt es sich mit unserem E 450 den elektrifizierten 3-Liter-Reihensechszylinder inklusive doppelter Turboaufladung und „EQ Boost“ Startergenerator. Dieser liefert kurzzeitig zusätzliche 16 kW / 22 PS und 250 Nm Drehmoment, reduziert damit den Verbrauch und speist das 48 Volt-Bordnetz mit Energie. Ob es nun die sicherlich reizvolle AMG-Variante des Sechszylinders mit 435 PS / 520 Nm sein „muss“ oder ob die 367 PS / 500 Nm unseres Testwagens reichen, muss jeder selbst entscheiden.

Natürlich hatte der Zwölfzylinder im S-Klasse Cabriolet seinen ganz besonderen, exklusiven Reiz und auch in der offenen E-Klasse würden wir uns wieder über acht Zylinder freuen, aber der Reihensechszylinder ist für sich selbst ein „Sahnestück“. Zusammen mit der sanft schaltenden 9-Stufen-Automatik vereint der E 450 sehr kultivierte Laufruhe und sonoren Klang mit kraftvollem Durchzug bei mehr als ausreichenden Reserven. 5,2 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und abgeriegelte 250 km/h in der Spitze sprechen für sich. Und wem sein Verbrauch von offiziell 8,2 bis 8,7 Liter Super beziehungsweise unser Testwagenpreis mit 106.372 Euro zu viel sein sollte, kann das rundum überzeugende E-Klasse Cabrio auch als Sechszylinder-Diesel, Vierzylinder-Diesel oder -Benziner ab 55.384 Euro bestellen und sich bei den verlockenden Sonderausstattungen zurückhalten. Die uneingeschränkte Ganzjahrestauglichkeit, der einmalige Lifestyle als Cabrio und das entspannte Fahrvergnügen sind in jedem Fall serienmäßig!