Mercedes-Benz B-Klasse

13.12.2018 | Christian Sauer | Testrides

In unserem Test auf Mallorca kann die dritte Generation des Sports Tourer mit neuem Design und interessanten Features zeigen, ob sie wirklich die dynamischste ihrer Art ist.

Auf „A“ folgt bekanntlich „B“ und irgendwie scheint es auch keine Überraschung, dass wir wieder nach Mallorca geflogen sind, um gut vier Jahre nach der zweiten Generation der B-Klasse nun die Neuauflage der Baureihe W 247 zu testen. Inzwischen hat sich natürlich das Design und die Technik der anderen Modelle mit Stern weiterentwickelt. Wie die vor einigen Monaten tiefgehend überarbeitete A-Klasse wirkt auch das (noch) praktischere Schwestermodell nun sportlich geschärft.

An der flach(er)en Frontpartie verbreitern schmälere Frontscheinwerfer die B-Klasse optisch – zumindest gegen Aufpreis auch mit Voll-LED-Technik oder sogar als Multibeam-LED-Scheinwerfer. Zusammen mit der um sechs Zentimeter auf 4,41 m gestreckten Länge, sorgen kurze Karosserieüberhänge, die leicht abgesenkte Dachlinie und auf Wunsch die AMG Line für einen sportlicheren Look. Ab Werk können bis zu 19 Zoll große Räder montiert werden. Das neue Heckdesign mit integriertem Dachspoiler und zweigeteiltem Heckleuchten soll den dynamischen Eindruck verstärken. Ob das wirklich gelungen ist, liegt selbstverständlich im Auge des Betrachters, ebenso ob das Design der Leuchten eigenständig ist oder an andere Hersteller erinnert. Insgesamt finden wir die Formensprache sehr stimmig und für das per se nicht ausgesprochen sportliche Segment sehr attraktiv.

Deutlich aufgewertet und gewachsen präsentiert sich die B-Klasse auch innen: Der höhenverstellbare Kofferraumboden ist nun serienmäßig an Bord, ebenso wie die im Verhältnis 40:20:40 umklappbaren Rücksitze. ab Mitte 2019 lassen sie sich gegen Aufpreis sogar um 14 cm verschieben und die Lehne des Beifahrersitzes umklappen. Somit können zwischen 455 über 705 bis 1.540 Liter sperriges Gepäck transportiert werden. Dank des im Vergleich zur zweiten Generation um drei Zentimeter gewachsenen Radstand kann die Beinfreiheit in der zweiten Reihe kann locker mit dem der Limousinen mit Stern mithalten. Auch die Ellenbogenbreite um 3,3 cm wuchs auf das Niveau von Mittelklassemodellen. Und das zweigeteilte Panorama-Glasdach lässt die Kopffreiheit noch größer erscheinen, als sie ohnehin schon ist.

Neue Maßstäbe will Mercedes-Benz ebenfalls in der Kompaktklasse beim Sitzkomfort setzen. Auch in der ersten Reihe sind die Sitze im Vergleich zur A-Klasse weiterhin höher positioniert und grundsätzlich schon sehr bequem, was die attraktive Zielgruppe der Best-Ager sicher freut. Optional sind sie nicht „nur“ mit elektrischer Verstellung und Klimatisierung, sondern mit der neuen Energizing Sitzkinetik bestellbar. Diese verändert automatisch die Neigung in Sitzkissen- und lehne, da laut Forschung das Wechseln der Sitzhaltung eine mögliche Ermüdung auf langen Strecken vorbeugen soll. Neu ist zudem der Energizing Coach, der sich mit Wearables – also Fitnessarmbändern und -uhren koppeln lässt. Auf Basis von Fahrt- und Fahrzeugdaten sowie persönlichen Vitaldaten empfiehlt sich ein situativ passendes Fitness- oder Wellnessprogramm samt Beduftung und passendem Farbton der erweiterten Ambientebeleuchtung.

Anders als bei der A-Klasse besteht die Instrumententafel aus einem einzigen Grundkörper. Er fällt zwar nach vorn hin ab und ist im Fahrer- sowie Beifahrerbereich „ausgeschnitten“, aber wirkte auf uns dennoch etwas wuchtig. Wahrscheinlich ist es jedoch wie so oft eine Frage der Gewöhnung. Gleiches gilt für das komplexe Infotainment-System MBUX mit bis zu 10,25-Zoll-Touchscreen, beeindruckend flüssigen Grafiken, Augmented Reality und nochmal verbesserter Sprachbedienung. So nutzen wir lieber „Hey Mercedes …“ und den Touchscreen statt des Touchpads in der Mittelkonsole. Während wie in der A-Klasse und anderen Sternen-Modellen der bekannte Drehschalter verschwunden ist, feiern Burmester-Soundsystem, digitale Instrumente und Head-up-Display ihre Premiere in der B-Klasse. Verfügbar sind nun sogar Features aus der S-Klasse zur Unterstützung des Fahrers und in bestimmten Situationen sogar zum teilautonomen Fahren. Komfort und Sicherheit steigern u.a. aktive Assistenten für Abstand, Bremsen, Lenken und Spurhalten. Auch Parken funktioniert fast wie von Geisterhand – automatisch beim Ein- und Ausparken in Längs- sowie Querlücken – sogar vernetzt mit Totwinkel-Warner.

Doch wir behalten das Lenkrad lieber selbst in der Hand und staunen über das Plus an Fahrdynamik. In den schier nie enden wollenden Kehren und Serpentinen im Westen von Mallorca überrascht die neue B-Klasse dank breiterer Spur, längerem Radstand sowie aufwendiger McPherson-Vorderachse und Vierlenker-Hinterachse mit ausgeprägter Handlichkeit und direkter Lenkung. Welchen Anteil das optionale Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern am Fahrkomfort und -spaß hat, können wir nicht sagen, da uns der Vergleich zu den konventionellen Fahrwerken mit und ohne 1,5 cm Tieferlegung fehlt.

Den direkten Vergleich hatten wir jedoch bei den Motoren: Stärkster Vierzylinder zum Marktstart im Februar ist der B 220 d mit knapp zwei Liter Hubraum, 400 Nm Drehmoment ab 1.600 Touren und 190 PS bei 3.800 Umdrehungen. Kraftvoll und kultiviert passt der quer eingebaute Hightech-Diesel mit offiziell 4,5 – 4,4 Liter Durchschnittsverbrauch gut zum sportlichen Charakter der neuen B-Klasse. In 7,2 Sekunden geht es dank des flink schaltendem Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe 8G-DCT aus dem Stand auf Tempo 100, die Höchstgeschwindigkeit gibt Mercedes mit 234 km/h an. Mit Hilfe eines zusätzlichen SCR-Katalysators erfüllt die B-Klasse mit allen Motorisierungen laut Mercedes als erstes Kompaktmodell überhaupt die ab 2020 gültige Euro-6d-Norm. Wer trotz des zurückhaltenden Diesel-Sounds keinen Selbstzünder bevorzugt, muss sich mit dem bekannten 7G-DCT und einem Gang weniger begnügen. 163 PS und 250 Nm aus 1,3 Liter Hubraum lassen den B 200 als vorerst stärksten Benziner zwar weniger kräftig, aber alles andere als kraftlos erscheinen. Als Einstiegsmodell fungiert der B 180 mit 136 PS / 200 Nm ab 31.874 Euro.

Mit den stärkeren Motoren und umfangreicher(er) Ausstattung analog unserer Testwagen auf Mallorca können allerdings durchaus 40.000 Euro und mehr fällig werden. Es war noch nie und bleibt also auch zukünftig nicht gerade günstig, einen Mercedes-Benz zu fahren. Dafür stimmen die Qualität und grundlegenden Eigenschaften. Wie schickt der familientaugliche Sports Tourer dann aussieht, wie komfortabel, sportlich und sicher er letztendlich fährt, entscheidet dann jedoch das Budget. Fest steht aus unserer Sicht, dass die dritte Generation der B-Klasse ihre Vorgängerin und die Konkurrenten deutlich hinter sich lässt. Und damit nicht genug, schickt Mercedes mit dem CLA schon bald das nächste A-Klasse-Derivat als Neuauflage ins Rennen.