Mercedes-AMG A 35 4MATIC

05.12.2018 | Christian Sauer | Testrides

Auf der legendären Sa Calobra und anderen kurvigen Küstenstraßen Mallorcas fuhren wir vorm Marktstart im nächsten Jahr den ersten AMG unter 50.000 Euro Neupreis – Schnäppchen oder Sparmodell?

Eine wichtige Nachricht vorweg: Fans brauchen sich keine Sorgen um den A 45 machen – er kommt wieder und behält trotz gesteigerter Leistung seinen Namen. Schon die erste Generation des sehr sportlichen Hatchback hatte die Erwartungen der Marketingabteilung hinsichtlich Verkaufszahlen deutlich übertroffen. Nun soll die zusätzliche Variante der A-Klasse als neues Einstiegsmodell in die Welt von Mercedes-AMG weitere Kunden jüngeren Alters für sich gewinnen. Der 306 PS starke A 35 soll zugleich die recht große Lücke zwischen dem zukünftigen A 45 mit wahrscheinlich dann über 381 PS und dem 224 PS starkem A 250 schließen.

Mit letztgenannten teilt er sich den neu entwickelten Vierzylinder-Reihenmotor (interne Bezeichnung M 260 E20 DE LA) samt zwei Liter Hubraum und Twinscroll-Abgasturbolader. Hinter dessen Turbine kommt ein Drei-Wege-Katalysator zum Einsatz. Im Unterboden wird zusätzlich serienmäßig ein Partikelfilter verbaut. So gerüstet, erfüllt er die Euro 6d-TEMP Abgasnorm und ist offiziell mit 7,3 Liter Durchschnittsverbrauch angegeben. Mindestens ebenso interessant für Käufer der vorerst sportlichsten A-Klasse (Baureihe W 177) ist aber sicherlich, dass die maximal 400 Nm Drehmoment ab 3.000 Touren über das blitzschnell schaltende AMG SPEEDSHIFT DCT 7G Doppelkupplungsgetriebe per variablen Allradantrieb AMG Performance 4MATIC an alle Räder übertragen werden.

Ohne Traktionsverluste sprintet der A 35 mit maximal 50 Prozent der Antriebskraft auf der Hinterachse in 4,7 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Subjektiv fühlt sich das nicht ganz so beeindruckend wie im bisherigen A 45 an, dessen aktuell zusätzliche 75 Nm zudem früher anliegen. Doch zusammen mit dem in den beiden Sport-Fahrprogrammen frech aber nicht extrem laut klingenden Klappenauspuff, sorgt die Drehfreudigkeit des A 35 für jede Menge Fahrspaß. Wer es abseits öffentlicher Straßen mal richtig „krachen“ lassen will, kann sich auf die Race-Start-Funktion und sehenswerte Drifts bei entschärftem ESP freuen.

Passend dazu gibt es zusätzlich zum Sport- einen neuen Supersport-Modus für die digitalen Instrumente mit zentralem Drehzahlmesser. Links und rechts davon reichen balkenförmigen Zusatzinformationen dreidimensional bis in die Tiefe des Hintergrunds bis zum künstlichen Hintergrund. Für das ebenfalls bis zu 10,25 Zoll große Touchscreendisplay des MBUX-Multimediasystems gibt es auf Wunsch ebenfalls das von anderen AMG-Modellen schon bekannte Programm „Track Pace“ als Datenlogger für Rennstrecken.

Rennsport-Flair verbreiten auch die aufpreispflichtigen Performance Sitze, deren exzellenten Seitenhalt bei zugleich gutem Langstreckenkomfort wir schon früher zu schätzen gelernt haben. Zumindest in der A-Klasse neu, kommt die aktuelle Lenkrad-Generation von AMG zum Einsatz. Uns gefällt der dicke, unten abgeflachte Kranz sowie die Leder- und Mikrofaser-Bezugs-Varianten mit roten Ziernähten. Obwohl von Mercedes als besonders hochwertig angepriesen, teilen wir diesen Eindruck von den galvanisierten Kunststoffflächen am Lenkrad und den Schaltpaddel allerdings nicht. Ein nettes Gimmick sind dagegen die aufpreispflichtigen Zusatzelemente am Lenkrad mit frei belegbaren Displaytasten und Drehregler für die Fahrprogramme, die sich serienmäßig natürlich in denr Mittelkonsole einstellen und außerdem individuell konfigurieren lassen.

Extra kostet allerdings die adaptive Verstelldämpfung AMG RIDE CONTROL mit drei unterschiedlichen Abstimmungen. Damit schafft der A35 nahezu perfekt den Spagat zwischen Fahrdynamik und -komfort. Hinzu kommt das eigenständige AMG Fahrwerk: Hinten ist die 4-Lenker-Achse über einen Fahrschemel starr mit der Karosserie verbunden. AMG-eigene Komponenten ermöglichen ein Höchstmaß an Stabilität und Agilität. Die McPherson-Federbeine vorn verringern mit spezieller Geometrie die Antriebseinflüsse auf die schön direkte Lenkung. Gezielte Versteifungen am Vorderwagen des Karosserie-Rohbaus reduzieren die Verwindung und erhöhen die Präzision beim Einlenken sowie die Stabilität im Grenzbereich. Dafür wurde auch das optionale Aerodynamik-Paket samt schwarzem Heckflügel über der serienmäßigen Abrisskante sowie Flics als speziellen Luftleit-Elementen entwickelt.

Standard ist das Aero-Paket ebenso wie die Performance Sitze beim zeitlich – wohl auf ein Jahr – limitierten Sondermodell Edition 1 für 8.823,85 Euro extra zum Grundpreis des A 35 von 47.528,60 Euro. Die schicke Lackierung in Denimblau Metallic gibt es zwar auch ohne, aber exklusiv der Edition 1 vorbehalten sind die seitlichen Aufkleber in Tech Gold matt und die farblich passenden 19-Zöller. Innen findet sich das Blau dezent auf den Sitzen wieder und als Besonderheit gibt es eine neue Alu-Dekozierleiste. Schade finden wir, dass es zwar wie bei der zivilen A-Klasse auch zwei Holz-Zierelemente, aber kein Carbon für das per Ambientelicht spektakulär mit 64 Farben illuminierbare Cockpit gibt – es würde auch dem Lenkrad gut stehen.

Okay, dass Head-up-Display, das aufwendige Infotainmentsystem und die wohl eher weniger gefragte Anhängerkupplung extra kosten, können wir ja verstehen. Dass jedoch einige der sinnvollen Assistenz- und Sicherheitssysteme sowie moderne Scheinwerfer relativ teuer bezahlt werden, finden wir nicht nachvollziehbar – wer möchte denn schon einen A 35 mit Halogenlampen haben!? Der Grundpreis sollte wohl unbedingt unter 50.000 Euro bleiben. Doch abgesehen von dieser fragwürdigen Aufpreispolitik stellt der aktuell günstigste AMG aus unserer Sicht ein sehr interessantes Angebot dar – er scheint das perfekte Einstiegsmodell mit dynamischen Genen aus Affalterbach.