McLaren Generations Roadtrip

06.07.2018 | Christian Sauer | Highlights, Testrides

Auf der Autobahn und den kurvigen Straßen im Harz fuhren wir mehrere McLaren-Generationen inklusive dem ersten MP4-12C.

Diese Türen – fast lautlos schwingen sie sich gen Himmel und ziehen die Menschen magisch in ihren Bann – egal ob an Bord oder als staunende Schaulustige. Während es sie bei Ferrari und Lamborghini nur noch bei den teuersten Modellen, bei Porsche derzeit bei gar keinem Straßenmodell und ansonsten nur noch bei absoluten Exoten gibt, setzt McLaren konsequent bei allen Baureihen auf die weit öffnenden Scherrentüren. Sie faszinieren genauso wie die atemberaubenden Lacktöne à la Lantana Lila, Vulcano oder McLaren Orange, um nur einige zu nennen. Gleiches gilt natürlich auch für die Formensprache, Performance und den Sound der Highend-Sportwagen, die das Ergebnis einer sehr langen und erfolgreichen Motorsport-Tradition sind.

Alles begann 1965, als der neuseeländische Rennfahrer Bruce McLaren mit seinem eigenen Team den Grundstein für den späteren Ruhm legte. Legendäre Piloten wie James Hunt, Nikki Lauda, Alain Prost, Aryton Senna, Gerhard Berger, David Coulthard, Mika Häkkinen, Jenson Button, Lewis Hamilton und natürlich Fernando Alonso fuhren oder fahren noch in der Formel 1 für McLaren. Zahlreiche Siege und Weltmeisterschaften adelten die englische Hightech-Schmiede mit Firmensitz in Woking, westlich von London in der Nähe des Flughafen Heathrow. Doch auch bei den Modellen mit Straßenzulassung setzte McLaren Ende der 80er und in den 90er Jahren mit dem einzigartigen McLaren F1 als dreisitziges Hypercar neue Maßstäbe. Nach dem Ende der Kooperation mit Mercedes-Benz und dem daraus hervor gegangenen SLR McLaren starte 2009 mit dem MP4-12C ein neues Kapitel der Erfolgsgeschichte.

Der lediglich 1,3 Tonnen leichte Mittelmotor-Sportler war so anders als der SLR vor ihm und schlug wie eine Bombe ein. Das Kohlefaser-Monocoque „MonoCell“ entwickelte sich ebenso wie der relativ kleine Turbomotor zu einem wesentlichen Teil der McLaren-DNA. Bis auf den 720S und dem davon abgeleiteten Hypercar Senna blieb und bleibt es bei 3,8 Liter. Aus den anfangs 608 PS wurden bald 625. Dank dem aufwendigen Fahrwerk und der ausgeklügelten Aerodynamik samt blitzschnell hochklappender Airbrake fuhr sich der MP4-12C damals wie heute zugleich sehr präzise, sicher und schnell. Dass sich McLaren zu diesem Zeitpunkt noch in einer Art Selbstfindungsphase befand, zeigen nicht nur die mehrfachen Änderungen der Nomenklatur – zu 12C und später den PS-Angaben zusammen mit einem Buchstaben für die jeweilige Variante – sondern auch das Design. Das beweist auch der Blick auf und in den MP4-12C mit der Baunummer eins, den McLaren extra für den Roadtrip von der Insel nach Deutschland brachte. Während die Xenon-Frontscheinwerfer „klassisch“ wirken, gaben die versteckten LED-Heckleuchten schon die zukünftige Richtung vor.

Zumindest aus heutiger Sicht wirkt die 1,20 flache Flunder mit tief nach unten gezogener Frontscheibe für bestmögliche Sicht zwar immer noch spektakulär, jedoch weniger aggressiv und futuristisch als die späteren Generationen. So könnte er das Zeug zum modernen Klassiker haben, vielleicht sogar in der für McLaren ungewöhnlichen Farbkombi Silber / Braun. Da verzeihen wir ihm auch einige unpraktische „Jugendsünden“ wie die Öffnung der Flügeltüren von außen per nicht-haptischen Sensortasten, die zwar der cleanen Optik dienen, aber zum Glück später gegen eine konventionelle Lösung ausgetauscht wurden. Gleiches gilt für die getrennten Bedienelemente der Klimaanlage in der Fahrer- und Beifahrertür. Hinter dem inzwischen traditionell zierlichen Dreispeichenlenkrad spurtet noch der analoge Zeiger des zentralen Drehzahlmessers leichtfüßig nach oben, während in der schmalen Mittelkonsole das Infotainmentsystem inklusive hochformatigem Display seitdem mehrfach revolutioniert, aber nie perfektioniert wurde. Von Beginn an sehr gut hat McLaren das elektrische Hardtop des Spiders konzipiert, das geschlossen kaum auffällt. Unseren ausführlichen Fahrbericht des 12C Spider gibt es hier.

Ein vergleichbares Frischluft-Derivat folgte dann auch mit dem 2014 vorgestellten 12C-Nachfolger. Der 650S übernahm weitestgehend das Heckdesign, während sich die Frontpartie mit den schmalen LED-Scheinwerfern an dem Hybrid-Hypercar McLaren P1 der damals neu ausgerufenen Ultimate Series orientierte. Die neue Super Series wuchs ihrerseits um den noch mehr auf Rennstreckeneinsatz getrimmten 675LT als Coupé und später ebenfalls als Spider. Parallel dazu trat McLaren Special Operations, kurz MSO mit immer neuen und ausgefallenen Individualisierungen sowie die neue Einstiegsbaureihe von McLaren, die Sport Series mit dem 540C und 570S erstmals in Erscheinung – dazu aber später mehr. Hier geht es erstmal zum 650S-Fahrbericht im Archiv.

Einen riesigen Sprung in der Weiterentwicklung der Super Series tat McLaren letztes Jahr mit dem 720S. Wir konnten ihn bereits kurz nach dem Launch auf den Straßen rings um Rom und auf dem anspruchsvollen Autodromo Vallelunga testen. Im Vergleich zu seinen Vorgängermodellen präsentiert sich das Carbon-Chassis noch leichter und zugleich verwindungssteifer. Der inzwischen auf 4,0 Liter gewachsen V8-Biturbo beschleunigt das 1.283 kg leichte Coupé mit 720 PS und 770 NM in 2,9 s auf 100 km/h und weiter bis Tempo 341. Die nochmals verfeinerte Aerodynamik sorgt u.a. mit dem ausfahrenden Heckspoiler für Abtrieb und Anpressdruck. Je nachdem welche Pneus aufgezogen sind oder zukünftig noch aufgezogen werden, lässt der 720S anderen Sportwagen bei prestigeträchtigen Rundenzeiten kaum eine Chance.

Weitere Rekorde wird der auf ihn basierende Senna (Ultimate Series) samt 800 PS, noch extremerer Aerodynamik und weniger Gewicht pulverisieren. Da die 500 Exemplare mit Straßenzulassung zu je rund einer Million Euro oder mehr ausverkauft sind, konzentrieren wir uns wieder auf den 720S. Er fährt sich in der komfortabelsten Einstellung überraschend entspannt. Dazu trägt die für einen Supersportler bemerkenswert gute Rundumsicht bei. Zudem ist das Platzangebot im hochmodernen Cockpit samt elektrisch ausfahrenden und klappenden, digitalen Instrumenten überraschend gut. Für uns gehört er definitiv zu den aktuell besten Sportwagen und wir sind gespannt, wann und wie McLaren dessen Spider mit den obligatorischen Flügeltüren nachschiebt.

Wem der 720S wohlmöglich schon zu gut, zu perfekt ist, sollte einen genaueren Blick auf die Sport Series von McLaren werfen. Gerade erst wurde mit dem 800LT (Longtail) dessen Topversion vorgestellt, aber bereits das Einstiegsmodell 540C bereitete uns letztes Jahr schon viel Freude. Eng verwandt sind zudem der 570S als „normales“ Coupé, der 570GT mit zusätzlichem Komfort und Gepäckablage unter der gläsernen Heckklappe sowie last but not least ser 570 Spider. Bei strahlendem Sonnenschein macht das Fahren mit Frischluft natürlich noch mehr Spaß und der Vulcano-Lack unseres Testwagens strahlt mit unglaublicher Tiefe und zahlreichen Nuancen. Trotz ein paar Kilos mehr auf der Waage und zugleich 150 PS weniger als der 720S, fühlt sich der 570 Spider leichtfüßiger, fahraktiver und kompakter an. Zudem kostet er mit rund 209.000 Euro Grundpreis auch mindestens 50.000 Euro weniger als der 720S.

Wer nicht so genau aufs Geld schauen muss, hat bei McLaren die Qual der Wahl. Es gibt kein Modell, das nicht begeistert und fasziniert – egal welche Farbe – Hauptsache Flügeltüren!