McLaren 720S – bester Sportwagen der Welt?

13.05.2017 | Christian Sauer | Testrides

Drivers Club Germany testete den neuen englischen Supersportwagen in Italien auf den Straßen rund um Rom und auf der Rennstrecke von Vallelunga. Ist er besser als Ferrari & Lamborghini?

Was muss ein Sportwagen haben oder wie soll er sein – stark, schnell, dynamisch, teuer und exklusiv? Doch wie sieht es mit Alltagtauglichkeit und Komfort aus? Diese vermeintlichen Gegensätze in einem Wagen zu vereinen, schaffen Ferrari, Lamborghini und auch Porsche nur mit Kompromissen. Doch genau das hat sich McLaren zu Aufgabe gemacht. Während der erste eigene Straßensportwagen nach dem legendären F1-Dreisitzer und dem Mercedes-Benz SLR McLaren, der MP4-12C – später auch als Spider nur noch 12C sowie 650S genannt – fahrdynamisch und optisch die etablierte Konkurrenz das Fürchten lehrte, mussten wir ihm in unserem Fahrbericht nicht nur wegen seinen spektakulären Flügeltüren im „Alltag“ einige Defizite attestieren. Diese soll der 720S als Nachfolger des 650S nun hinter sich gelassen haben und zugleich fahrdynamisch noch näher an den für Rennstrecken optimierten 675LT heranrücken.

In der jungen McLaren-Familie ordnet sich der neue Vertreter der Super Series zwischen der Sport Series mit dem 540C, 570S und 570GT und der Ultimate Series mit dem zukünftigen Hypercar ein, der anders als der P1 eher ein Gran Turismo sein wird und dessen 106 Exemplare trotz des Preises von 1,6 Mio. Pfund (netto) schon ausverkauft sind. Nach der Hybrid-Premiere in Form des P1 wird die Elektrifizierung bei McLaren zukünftig eine noch wichtigere Rolle spielen (müssen) und sogar an einem reinen Stromer wird in Woking westlich vom Londoner Flughafen Heathrow schon getüftelt. Einzig und allein einen SUV schließt McLaren weiterhin kategorisch aus und widersteht somit den allumfassenden Trend mit dem aktuell höchstem wirtschaftlichen Potential. Doch auch die Sportwagen sind selbst erst sieben Jahre nach dem Comeback von McLaren profitabel. Die Engländer kommen dem selbstgesteckten Limit von 5.000 Autos pro Jahr immer näher. Zusammen mit ihren insgesamt 80 Händlern in 30 Märkten verdienen sie gutes Geld und investieren davon wieder einen bemerkenswert hohen Anteil von 20% in die Forschung sowie Entwicklung. Das macht sich nun beim 720S bezahlt.

Ohne großem Hersteller im Hintergrund wurde die zweite Generation der Super Series mit 91 % Neuteile in 3,5 Jahren komplett eigenständig entwickelt. Schauen wir uns erstmal das atemberaubende Exterieur des 720 S an: Die Formensprache wirkt aggressiv, eigenständig und emotional. Getreu dem Motto „form follows function“ erfüllen sämtliche noch so schönen Details ebenfalls wichtige Aufgaben hinsichtlich Aerodynamik und Kühlung. Da wäre beispielsweise der automatisch ausfahrende Heckspoiler, der sich wie schon beim Vorgänger blitzschnell zur Airbrake verwandelt, um sich dem Wind wirkungsvoll entgegen zu stellen. Wir empfehlen jedem, der die Möglichkeit bekommt, sich genug Zeit zum Genießen der Details zu nehmen.

Aus jedem Blickwinkel eröffnen sich immer wieder neue Perspektiven und Einblicke. Spektakuläre Ausblicke garantiert das „Glashaus“ des Zweisitzers, das an die gläserne Kanzel eines Kampfjets erinnert. Für einen Sportwagen bietet der 729S so eine außergewöhnlich gute Rundumsicht. Durch die optionalen Glaselemente in den Dächern der Flügeltüren entsteht zudem auch für groß gewachsene Piloten und Copiloten ein noch besseres Raumgefühl mit relativ viel Kopffreiheit. Die Flügeltüren reichen nun weiter ins Dach hinein und öffnen sich weiter für einfacheres Ein- und Aussteigen. Praktisch für Tiefgaragen ist, dass sie allerdings nicht höher oder weiter aufschwingen. Die aufsehenerregenden Flügeltüren schließen dank Soft-Close-Automatik wie in einer Luxuslimousine ohne großen Kraftaufwand.

Der Innenraum wurde ebenfalls komplett neu designt und präsentiert sich nun auf den Fahrer ausgerichtet. Auf Wunsch gibt es beheizbare, elektrisch verstellbare Komfort-Sitze mit leider (noch) umständlicher Bedienung oder als Alternative leichte Racing Seats mit noch mehr Seitenhalt in zwei Größen. Uns gefällt der sehr hochwertige Qualitätseindruck mit dem großzügigen Einsatz von Alcantara und feinem Leder aus Schottland. Damit wurde selbst die Gepäckablage unter der Glaskanzel veredelt, womit das Ladevolumen des von 144 auf 150 Liter gewachsenen Kofferraum im Bug um zusätzliche 210 Liter erweitert wird. Möglich macht den Platzgewinn unter anderem das im Vergleich zum Vorgänger größere und 18 kg leichtere Carbon Monocage II. Dessen Kohlefaser-Struktur ist an diversen Stellen bewusst sichtbar gelassen – warum auch ein technisches Meisterwerk unsichtbar verstecken. Passend dazu und zu einem Luxus-Automobil für über 200.000 Euro angemessen, bestehen die Bedienelemente statt aus schnödem Plastik nun aus gefrästem Aluminium.

Ebenso praktische wie schöne Details gilt es analog zu außen auch innen zu entdecken. Da wären beispielsweise die belederten Cupholder oder die überraschend vielen Ablagen und Staufächer für Kleinkram. Optional gibt es ein Soundsystem von Bowers & Wilkins mit zwölf elegant integrierten Lautsprechern, hilfreiche Parksensoren und 360-Grad-Kameras. Weiterhin im Hochformat, aber nun acht Zoll groß ist der hochauflösende Touchscreen des modernen Infotainmentsystems. Es lässt sich wie ein Tablet bedienen und das zwar deutlich einfacher als bei allen bisherigen Versionen aus Woking. Allerdings muss man sich an die Bedienlogik erst gewöhnen – McLaren ist eben bewusst anders und eigenständig. So verzichten die Engländer konsequent auf ein Head-up-Display und feiern stattdessen mit dem Folding Display eine selbst entwickelte Weltpremiere.

Je nach Fahrmodus oder per Knopfdruck bietet der TFT-Bildschirm ausgefahren – aber leider nicht in der Neigung einstellbar – zahllose Informationen. Wenn z.B. aber auf der Rennstrecke nicht alle digitalen Instrumente oder Zusatzanzeigen vom Infotainment oder der Rückfahrkamera benötigt werden, kann das Display flach klappen und einfahren. Übrig bleibt ein schmales Display mit Drehzahlband, Gang- und Geschwindigkeitsanzeige. Während im direkten Blickfeld des Fahrers dann Reduzierung auf das Nötigste angesagt ist, gibt es dank der McLaren Track Telemetry umso mehr Daten. Einfach die vorprogrammierte Rennstrecke aktiviert und dann speichert MTT unzählige Parameter wie Brems- und Gaspedalstellungen, Lenkbewegungen, G-Kräfte, Temperaturen und natürlich Rundenzeiten zur späteren Auswertung per App. Wer dazu noch die drei Kameras mit Blick voraus und ins Cockpit bestellt hat, kann sich zum einen den Einsatz von GoPros sparen und bekommt zu den Fahrdaten die jeweiligen Videos dazu. Und wie fährt sich der 720S nun?

Das hängt natürlich stark von der Einstellung des Fahrwerks und des Antriebes ab. Die separaten Drehschalter für H(andling) und P(owertrain) sind zentral in die Mittelkonsole hochgerückt. Wir starten in Comfort – Standard gibt es im wahrsten Sinn des Wortes in einem McLaren nicht – und mit Hilfe der zusätzlichen Sensoren und neuer Software federt und dämpft das adaptive Fahrwerk angenehm komfortabel, quasi vorausschauend. Um bei der geringen Bodenfreiheit nicht bei Auffahrten oder Bodenwellen aufzusetzen, muss die optionale Lift-Funktion allerdings per Hand aktiviert werden. Obwohl das blitzschnell schaltende 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe im Automatikmodus die Drehzahlen des V8-Biturbos mit 4,0 statt 3,8 Liter Hubraum zu Gunsten des Verbrauchs (offiziell 10,7 Liter im Durchschnitt) niedrig hält, wirkt der 720S jederzeit bereit zu Höchstleistungen.

Im Vergleich zum 650S wurde die Leistung von 650 aus 720 PS und das Drehmoment von 678 Nm auf 770 Nm gesteigert. Den wichtigsten Anteil daran besitzen die neuen, noch schneller ansprechenden Turbolader. So geht es in 2,9 Sekunden (3,0) auf 100 km/h, binnen 7,8 (8,4) auf 200 und 21,4 statt 25,4 Sekunden vergehen beim „Sprint“ aus dem Stand auf 300 km/h. Da versteht es sich fast von selbst, dass auch die Höchstgeschwindigkeit im 720S von 333 auf Tempo 341 steigt. Insbesondere der optionale Sportauspuff steigert den Sound zum infernalen Gesamtkunstwerk. Natürlich klingt er anders, vielleicht sogar weniger emotional als die hochdrehenden Saugmotoren der sich dem Ende neigenden Epoche, aber mit diesem „Manko“ müssen die neuen Turbomotoren von Ferrari und Co. ebenfalls kämpfen.

Obwohl bei unseren Testfahrten unter der italienischen Sonne auf trockenem Asphalt keinerlei Traktionsprobleme aufkamen, verlangt der McLaren im Sport- und vor allem im Track-Modus einen senibl(er)en Umgang mit Gas und Lenkung. Im Comfort-Modus noch lammfromm, verwandelt sich der 720S nämlichzum ultraschnellen Sportgerät für ambitionierte Amateure und erfahrene Profis. Während letztere demnächst wohl gegen Lamborghini Huracán Performante, Mercedes-AMG GT R und Porsche 911 GT2 um den Rundenrekord auf der Nürburgring-Nordschleife ringen werden, geht es für die anderen Besitzer eher um die persönliche Herausforderung des Steigerns. Dabei hilft neben der Telemetrie die einstellbare variable Drift Control. Trotz immer sehenswerteren Quertreibern bleiben die Sicherheitssysteme ABS und ESP für den Notfall weiter aktiviert. Für Profis sind sie natürlich auch komplett deaktivierbar.

Gerade auf schnellen Runden in der Eifel werden die serienmäßigen Carbon-Kermatik-Bremsen mit 39 cm großen Scheiben und sechs Kolben vorn ihre Vorteile ausspielen. Ausdauernd sollen sie zusammen mit der Airbrake atemberaubende Bremswege von 29,7 m aus 100 km/h ermöglichen. Während auch die Pirelli P Zero Corsa als kostenlose Option angeboten werden, gibt es gegen Aufpreis zahlreiche Möglichkeiten zu optischen Individualisierung. Dabei spielen Carbon-Bauteile eine ebenso große Rolle wie ausgefallene Farben. Wer es auf die Spitze und den Grundpreis von 247.350 Euro auf über 300.000 Euro treiben will, hat die Wahl zwischen den Ausstattungslinien Luxury oder Performance und den vorbereiteten Optionen oder komplett individuellen Maßarbeiten von McLaren Special Operations (MSO). Ob die Spezialabteilung bereits an der offenen Version des 720S arbeitet, wissen wir nicht. Geschlossen gehört McLarens neuer Supersportwagen aus unserer Sicht definitiv zu den besten Sportwagen der Welt, in Summe aller Eigenschaften ist er für uns aktuell sogar der Beste.