McLaren 540C – bitte einsteigen!

18.01.2018 | Christian Sauer | Highlights, Testrides

Wie viel Fahrspaß bietet der günstigste und schwächste McLaren? Das verrät unser Fahrbericht.

Auf Einstiegsmodelle mit dem kleinsten Motor fahren wir bei Drivers Club Germany ja eigentlich nicht ab, aber hier machen wir gerne eine Ausnahme. Das Angebot einen McLaren ausgiebig im Alltag zu testen – nein – das konnten wir nicht verschmähen und nahmen es mit Vergnügen an. Alles ist bekanntlich relativ und das gilt insbesondere für den mit fast 160.000 Euro Grundpreis derzeit günstigsten und mit 540 PS schwächsten McLaren. Er gehört wie der 570S, der 570S Spider und der 570GT zur Sport Series des englischen Herstellers aus Woking, westlich von London. Die Parallelen zur McLaren Super Series mit dem 720S und zur Ultimate Series mit dem brandneuen McLaren Senna auf Basis des 720S sind ein ebenso leichtes wie steifes Carbon-Chassis sowie ein V8-Biturbo. Allerdings begnügt sich die Sport Series mit 3,8 statt 4,0 Liter Hubraum und verzichtet auf die sich beim Bremsen blitzschnell in den Fahrtwind stellende Airbrake oder ausfahrende Spoiler.

Dennoch fasziniert der „kleine“ McLaren, der sich bei 4,53 Meter Länge und 2,09 Meter Breite nur 1,20 Meter flach auf dem Asphalt duckt. Sein Design ist geprägt von den mandelförmigen LED-Scheinwerfern bzw. -Heckleuchten, Be- und Entlüftungsöffnungen sowie Aerodynamik-Elementen. Die kommen besonders gut mit einer der aufwendigen Lackierungen raus. Unser Testwagen strahlt dank „Volcano Yellow“ besonders tief metallisch in der Sonne. Während sich hierzulande wenige Köpfe nach einem Porsche 911 Turbo umdrehen, zieht der 540C auch bedingt durch seinen Exotenstatus besonders viele Blicke auf sich. Selbst wenn ein Ferrari 488 oder ein Lamborghini Huracán bedingt durch ihre traditionsreichen Marken immer für Aufsehen sorgen, würden sie im direkten Vergleich spätestens dann wohl im Schatten des 540C stehen, wenn die für McLaren typischen Flügeltüren aufschwingen.

Flügeltüren sind und bleiben eben immer ein Eyecatcher. Und Nachteile konnten wir selbst im harten Alltagseinsatz nicht feststellen. In der Breite benötigen sie weniger Platz als konventionelle Seitentüren, in Garagen gibt es mit der Höhe auch keine Probleme und viel Kraft benötigen sie ebenfalls nicht. Der Einstieg in die flache Flunder erfordert naturgemäß jedoch etwas Flexibilität. Zumindest ansatzweise sollten auch akrobatische Fähigkeiten vorhanden sein, um sich über den breiten Schweller in die optionalen Schalensitze zu schwingen. Diese sind zwar lediglich in der Länge verstellbar und knallhart, aber wer einmal wie von einer Schraubzwinge festgehalten sitzt, kommt und möchte kaum mehr raus. Selbst auf längeren Fahrten fanden wir sie aber relativ bequem und die Platzverhältnisse im sportlich schlicht gestalteten Innenraum sind überraschend gut.

Wer noch mehr Komfort sucht, wird bei den Seriensitzen – optional auch beheizbar und elektrisch verstellbar – fündig. Entweder werden sie mit feinem Leder oder wie in unserem Fall mit Alcantara bezogen. Darin hüllt sich auch das filigrane Dreispeichenlenkrad. Dahinter versorgt das 10-Zoll-Display per digitale Instrumente den Fahrer mit den wichtigsten Informationen. Die Bedienung via eigens für und von McLaren hergestellten Hebelchen hinter dem Volant gelingt nach etwas Eingewöhnung an die Menüs gut. Ähnlich sieht es mit dem eigenen IRIS-Infotainmentsystem samt senkrechtem 7-Zoll-Touchscreen in der schmalen Mittelkonsole aus. Darunter und in den Türen finden sich für einen exotischen Sportwagen recht viele Ablagen. Und wer seine Jacken nicht im 150 Liter fassenden Kofferraum im Bug verstauen möchte, kann diese auch hinter die Sitze, also vor den Motorraum legen.

„Motor“ ist ein gutes Stichwort, denn bei aller Praktikabilität und Alltagstauglichkeit soll der McLaren 540C ja schließlich auch als Sportwagen überzeugen. Und um es gleich vorwegzunehmen – das tut er bravourös! Zwischen den Achsen versteckt sich der 3,8-Liter-Achtzylinder zwar etwas zurückhaltend unter der Abdeckung mit Entlüftungsöffnungen – McLaren hätte ihn optisch noch schöner unter Glas inszenieren können – aber ansonsten liegt ihm Understatement fern. Dank aufwendiger Biturboaufladung für optimales Ansprechverhalten und Launch Control sprintet der 540C in atemberaubenden 3,5 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Lediglich 10,5 Sekunden vergehen bis 200 km/h. Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe mit D-, N- und R-Knöpfen in der Mittelkonsole wechselt die Gänge automatisch oder per Schaltpaddel blitzschnell.

Zwischen 3.500 und 6.500 Touren liegt mit 540 Nm das maximale Drehmoment an. Bei 7.500 wird die maximale Leistung von 540 PS erreicht. Die Drehfreudigkeit und der Sound aus der Auspuffanlage lassen den „schwächsten“ McLaren subjektiv stärker wirken. Zumindest diejenigen, für die es nichts schöneres als sportlichen V8-Sound gibt, werden das auch klangstarke Bowers & Wilkins Soundsystem verschmähen. Kritisiert kann höchstens werden, dass der akustische Wiedererkennungswert nicht so groß wie vielleicht bei Ferrari & Co. ist. Der offiziell angegebene Durchschnittsverbrauch von 10,7 Litern wird Kaufinteressenten wohl weniger interessieren als die Höchstgeschwindigkeit mit 320 km/h.

Damit der Mittelmotorsportler auch bei hohen Geschwindigkeiten sicher und stabil liegt, spendiert McLaren seinem „Kleinsten“ neben der komplexen Aerodynamik zudem ein von der Formel 1 inspiriertes Fahrwerk. Es setzt vorne und hinten auf Querstabilisatoren, doppelte Querlenker und unabhängig voneinander arbeitende Dämpfer. Die Dämpfereinstellungen des 540C wurden gegenüber dem 570S stärker auf die tägliche Nutzung ausgelegt. Die adaptiven Dämpfer ermöglichen die Kontrolle über Zug- und Druckeinstellungen über die Fahrwerkseinstellungen „Normal“ für mehr Komfort, „Sport“ und „Track“ für die Rennstrecke.

Zusammen mit den speziellen Pirelli P Zero Reifen, vorne 225/35 R19 und 285/35 R20 hinten auf gegossenen anstatt auf geschmiedeten Alufelgen, dem Karbonfaser Monocell II Chassis für hohe Verwindungssteifigkeit sowie dem geringen Trockengewicht ab 1.311 kg ermöglicht die (noch) hydraulische Servolenkung ein extrem präzises Einlenkverhalten und ein extrem agiles Handling. Hinzu kommt wie beim 570S das aus der Formel 1 stammende Brake Steer System, das bei Kurvenfahrten unterstützt, indem die Bremskraft auf das innere Hinterrad übertragen wird. Damit wird ein späteres Einbremsen am Kurveneingang und früheres Beschleunigen bei der Kurvenausfahrt ermöglicht. Im Alltag und für weniger ambitionierte Pilot(inn)en wohl ebenso wichtig, der McLaren 540C lässt sich trotz Heckantrieb auch bei Nässe gut kontrollieren und sicher bewegen.

Temporär mehr Bodenfreiheit für Tiefgaragen oder Absätze bietet die Lift-Funktion der Vorderachse. Wer unbedingt Carbon-Keramik-Bremsscheiben für den besonders harten Einsatz auf abgesperrtem Terrain braucht – oder es zumindest glaubt – kann sie gegen fast 10.000 Euro Aufpreis bekommen. Mit ein paar Extras schmilzt dann aber der ursprüngliche Preisvorteil von etwas über 20.000 Euro zum stärkeren 570S deutlich. Tja, und dann stellt sich eben die Frage nach dem Sinn bzw. den Vorteilen gegenüber seinen Brüdern. Insbesondere der 570GT soll mit seiner zusätzlichen Ablage unter dem Glasdach noch mehr Praktikabilität und Komfort bieten. Wer das ebenso wenig braucht wie die zusätzliche Leistung oder das höhere Prestige wird mit dem McLaren 540C garantiert auch seinen Spaß haben – da steht er seinen Brüdern in kaum etwas nach. Während unserm ausgiebigen Test haben wir uns in den faszinierenden Sportwagen verliebt und hätten ihn am liebsten gar nicht mehr abgegeben.