Maserati Ghibli S Q4

25.02.2018 | Christian Sauer | Testrides

Wir testen die italienische Sportlimousine mit Allradantrieb und über 400 Pferdestärken. Hier unser Fahrbericht.

Wer in die über einhundertjährige Geschichte von Maserati – heute bekanntlich wie Ferrari Teil des Fiat Chrysler Konzerns – zurück schaut, wird mehrfach auf den Namen Ghibli stoßen. Neben dem Klassiker aus den 1960er Jahren, der für viele als einer der schönsten Maseratis aller Zeiten gilt, muss sich das gleichnamige Coupé aus den Neunzigern seinen Platz in der Geschichte erst noch sichern. Das gilt in ähnlicher Weise auch für die Limousinen mit dem Dreizack, die traditionell den Namen Quattroporte – also passenderweise Viertürer – tragen. Dessen aktuelle Version misst in der Länge stolze 5,26 m und eignet sich trotz der markentypischen Sportlichkeit somit auch für den Chauffeursbetrieb.

Eindeutig zum Selberfahren bietet sich der Ghibli an. Als „klein“ kann die Limousine mit 4,97 m allerdings auch nicht bezeichnet werden, fällt sie doch länger aus als Audi A6 / A7, BMW 5er / 6er Gran Coupé, Jaguar XF, Mercedes-Benz CLS / E-Klasse, Volvo S90 und deutlich länger als die Alfa Romeo Giulia. Wie bei den meisten Premiumherstellern machen die SUV-Modelle den klassischen Limousinen immer mehr Konkurrenz im eigenen Portfolio. Wahrscheinlich wird auch der Ghibli auf absehbare Zeit seinen Titel als Bestseller an den Maserati Levante verlieren. Dabei hat die Sportlimousine seit ihrer Premiere im Jahr 2013 nicht an Attraktivität eingebüßt – im Gegenteil – das Design wirkt zeitlos. Möglich macht es der gelungene Mix von traditioneller Maserati-DNA samt Dreizack im charakteristischen Kühlergrill, den drei Lüftungsöffnungen an der Flanke und den fließenden Linien. Ob diese als „barock“ bezeichnet werden können, bleibt eine Frage der Perspektive. Zusammen mit den rahmenlosen Seitenscheiben und den dynamischen Proportionen erinnern sie an ein Coupé sowie verleihen dem Ghibli eine Kombination von Eleganz und Sportlichkeit. Allein das Heck wirkt aus unserer Sicht etwas weniger prägnant, ja vielleicht sogar austauschbar.

Hinter den 20-Zoll-Alurädern unseres Testwagens beweisen rote Brembo-Stopper die sportlichen Ambitionen der S-Versionen. Ob mit Heckantrieb oder Q4-Allrad wurde die Leistung ihres Sechszylinders mit 3,0 Liter Hubraum und Twin-Turbo-Aufladung seit dem letzten Facelift zum Modelljahr 2018 um jeweils 20 PS auf 430 PS gesteigert. Das Drehmoment stieg um 30 auf 580 Nm. Krallen sich alle vier Räder in den Asphalt beschleunigt sich der rund 1,9 Tonnen wiegende Ghibli S Q4 in offiziell 4,7 s aus dem Stand auf Tempo 100. Die Höchstgeschwindigkeit liegt laut Maserati bei 286 km/h, der Durchschnittsverbrauch bei 9,7 Litern. Schade finden wir, dass der mit 350 PS / 500 Nm schwächere V6-Benziner sowie der sich bis dato in Deutschland am besten verkaufende V6-Diesel samt 275 PS und 600 Nm ausschließlich mit Heckantrieb angeboten wird. Der bietet zwar naturgemäß viel Fahrspaß, aber in Bezug auf die Alltagstauglichkeit, Sicherheit und Fahrdynamik ist der Allrad samt Ice-Modus nicht „nur“ auf rutschigem Untergrund doch im Vorteil.

Unser Ghibli S Q4 hat ihn ja zum Glück an Bord, ebenso wie die bei allen Motorisierungen serienmäßige 8-Stufen-Automatik von ZF Friedrichshafen. Deren Schaltvorgänge sind bekanntlich ebenso schnell wie geschmeidig. Die für Maserati typische Kombination von Fahrdynamik und -komfort unterstreicht der Sportmodus, der den Ghibli grandios in Szene setzt. Dann legt der Motor nach minimaler Bedenkzeit richtig los, dreht schön hoch und der Klappenauspuff spielt eine italienische Sinfonie dazu. Das Kurvenverhalten erinnert dank den separat härter stellbaren adaptiven Shyhook- Dämpfern sowie der schön direkten, festen Lenkung tatsächlich eher an ein Coupé, denn an eine Limousine. Auf der anderen Seite lässt sich mit demr Ghibli aber eben auch entspannt und komfortabel Langsstrecken abspulen. Die Umstellung auf eine elektrische Servolenkung zum Modelljahr 2018 machte zudem die Einführung weiterer Assistenzsysteme für die Autobahn, beispielsweise zum aktiven Halten des Abstandes und der Spur möglich.

Doch will man(n) in einem Maserati nicht lieber selbst Gas geben, Bremsen und das Lenkrad in der Hand halten? Wir würden es auf jeden Fall den Assistenten vorziehen, auch wenn das an sich schön mit Carbon veredelte Volant etwas groß ausfällt. Groß sind ebenfalls die dahinter fest installierten Schaltpaddel. Der Startknopf befindet sich links daneben und der hübsch gemachte Schlüssel fällt sehr massiv aus. Insgesamt gefällt die Qualität mit feinem Leder, das alle Sinne schmeichelt. Leider trüben zumindest in unserem Testwagen ein paar unschöne Plastikbauteile den Gesamteindruck. Wer es noch exklusiver mag, kann seit dem Facelift zum Modelljahr 2018 wie schon beim Quattroporte neben der neuen Ausstattung GranSport auch GranLusso bestellen. Wie auf den drei unteren Fotos zu sehen, kombiniert wird dabei Seidenstoff von Ermenegildo Zegna mit noch feinerem Leder und offenporigem Edelholz Radica kombiniert.

Lob verdient der „kleine“ Maserati stattdessen für die relativ vielen Ablagen, das aus anderen Modellen des Fiat Chrysler Konzerns bekanntem 8.4-Zoll-Touchscreen des Infotainmentsystems, das Soundsystem von Harman Kardon sowie das großzügige Platzangebot vorne. Eingeschränkt sind jedoch die Verstellmöglichkeiten der klimatisierbaren Vordersitze sowie der Raum hinten. Der 500-Liter-Kofferraum mit elektrischer Klappe bleibt trotz seiner bemerkenswerten Größe zumindest für einige Interessenten ein Manko bleiben, denn als SUV bietet der Levante mit 580 bis 1.600 Litern mehr. Als italienische Luxus-Sport-Limousine wird der Ghibli dennoch wohl auch als Geschäftswagen ab 66.600 seine Berechtigung behalten. Unser Testwagenpreis lag übrigens bei rund 111.000 Euro inklusive ca. 27.000 Euro Extras!