Kampfstiere auf der Straße: 50 Jahre Lamborghini

17.06.2013 | Christian Sauer | Testrides

Lamborghini Gallardo Superleggera Drivers Club Germany

Das werden die internationalen Besucher aus aller Welt sicherlich verschmerzen können, die neben Schnappschüssen der Stier-Horde auch das ein oder andere Souvenir aus dem Shop mit nach Hause nehmen. Neben Modellautos, die im Einstiegspreis deutlich unter 150.000 Euro liegen, aber dennoch mehrere tausend Euro kosten können, gibt es auch exklusive Accessoires aus der Collezione Automobili Lamborghini. Im Vergleich mit Ferrari fällt das Angebot deutlich kleiner aus – insgesamt wirkt die Atmosphäre in Sant’Agata aber auch familiärer als in Maranello. Für Fans und Enthusiasten dennoch nicht weniger beeindruckend ist ein Besuch im firmeneigenen Museum und der direkt angrenzenden Fertigung.

Auf zwei Ebenen präsentieren sich fast schon unverschämt zurückhaltend einige der außergewöhnlichsten Exemplare der Firmengeschichte. Einzelstücke der jüngeren Vergangenheit wie das viertürige Estoque Concept oder der tatsächlich einige Zeit im Einsatz gewesene Polizei-Gallardo stehen hier Seit‘ an Seit‘ mit historischen Klassikern à la 400 GT oder Jalpa. Fast in Vergessenheit geraten, beweist ein monströser LM002-Geländewagen, dass Lamborghini schon vor über 20 Jahren einen hochbeinigen Allradler im Portfolio hatte. Neben den unverkäuflichen Schätzen auf vier Rädern, werden auch einzelne Motoren präsentiert, ohne sie unnahbar wie Kunstwerke in Szene zu setzen. Andere Exponate erinnern an die Zeiten, als Lamborghini Triebwerke für Formel-1-Rennwagen und Rennboote fertigte. Der Platz im Museum reicht gar nicht aus, um die komplette Sammlung ausstellen zu können. Regelmäßig sind einige Oldtimer auch auf Tournee um die ganze Welt.

 

Doch wenn es viele Stiere auch in die Ferne verschlug, ihre „Geburtsstätte“ ist hier und liegt nur wenige Meter entfernt vom Museum entfernt. Die Werksbesichtigung, die nach Anmeldung jedem Besucher offen steht, beginnt mit der Geschichte von Ferrucio Lamborghini und einer inzwischen zur Legende gewordenen Anekdote. Der charismatische Unternehmer, der es mit dem Bau von Traktoren zu Wohlstand gebracht hatte, war mit seinem Ferrari so unzufrieden, dass er sich bei Enzo Ferrari persönlich über dessen Probleme beschwerte. Heutzutage würde man wohl sagen, dass dieser ihn „abblitzen“ ließ und Überlieferungen zufolge sogar gesagt haben soll, dass Ferrucio Lamborghini nur Traktoren fahren könne. Der ließ dies wiederum nicht auf sich sitzen und entschloss sich, selbst bessere Sportwagen zu bauen. Als Markenzeichen wählte Ferrucio Lamborghini – selbst im Sternzeichen des Stiers geboren – den Murciélago, den legendären Stier, der am 5. Oktober 1879 einen Stierkampf mit 24 Lanzenstößen überlebte und daraufhin begnadigt wurde. 1963 erschien dann der 350 GTV als erster Lamborghini für die Straße und nicht für den Acker. Den Durchbruch brachte zwei Jahre später der Miura. Er gilt heute als einer der gefragtesten Lamborghini-Oldtimer und als Urahn der späteren Zwölfzylindermodelle Countach, Diablo und Murciélago.

Auch wenn es Lamborghinis Sportwagen nie an Aufmerksamkeit fehlte, stand es um die Finanzen des Unternehmens selten gut. Daran konnte auch der Verkauf des Traktoren-Geschäfts sowie der Sportwagen-Sparte 1972 nichts ändern. Während sich Ferruccio Lamborghini bis zu seinen Tod 1993 im Alter von 77 Jahren auf die Produktion erstklassiger Weine konzentrierte, die weiterhin unter seinem Namen verkauft werden, wechselte das Sportwagen-Werk mehrmals den Besitzer. Chancen wie 1976 der Auftrag von BMW, den Supersportwagen M1 zu entwickeln, blieben ungenutzt und gipfelten ein Jahr später in der Insolvenz. Von 1987 bis 1994 gehörte Lamborghini dann zu Chrysler und weitere vier Jahre zum indonesischen Unternehmen MegaTech. Die asiatischen Investoren versuchten auch Synergien mit ihrem amerikanischen Sportwagen-Projekt Vector zu schaffen, scheiterten damit aber.