Das Original: Jeep Wrangler 75th Anniversary Edition

20.03.2017 | Christian Sauer | Testrides

In unserem Test kann das Wrangler-Jubiläumsmodell zeigen, dass DER Jeep auch nach 75 Jahren nichts von seiner Faszination verloren hat – vor allem offroad!

Letztes Jahr fiel uns und vielen Fans weltweit der Abschied vom Land Rover Defender nicht leicht. Besorgt um andere Allradlegenden musste man(n) sich fragen, wie lange Mercedes-Benz G-Klasse, Toyota Landcruiser und Lada Niva immer schärferen Sicherheits- und Umweltauflagen trotzen oder ob auch diese Offroad-Legenden vom Aussterben bedroht sind? Nein, zum Glück werden sie ja auf absehbare Zeit weiter gebaut und sogar verjüngt. Da macht auch der Jeep keine Ausnahme. Seit inzwischen 75 Jahren prägte der amerikanische Urvater der Geländewagen nicht nur mit seinem Namen das gesamte Autosegment. 1940 als leichtes Aufklärungsfahrzeug für das U.S. Militär geboren, trat der Willys MA bereits ein Jahr später seine weltweite Siegesserie an. Nach Ende des ersten Weltkrieges erfreute er sich als Arbeitstier in der Landwirtschaft und als Freizeitmobil im harten Gelände schnell großer Beliebtheit. Bekanntlich blieb der Ur-Jeep nicht alleine und bekam über die Jahrzehnte mehrere Brüder wie den Cherokee und Grand Cherokee. Das Original ist und bleibt aber der Wrangler.

Es hätte wahrscheinlich auch einen Aufschrei der Entrüstung gegeben, wenn sein charakteristischer und ursprünglicher Look im Jahr 2007 unter der Doktrin von Fiat Chrysler wesentlich verändert worden wäre. Und so bleibt sich seit inzwischen zehn Jahren auch die aktuelle Generation mit dem internen Kürzel JK bis heute treu. Neben der quadratisch-praktischen Form mit dem Luftwiderstand einer Schrankwand gehören mit Ausnahme Ende der 1980er und bis Mitte der 1990er Jahre natürlich die runden Scheinwerfer zum Jeep Wrangler dazu. Wahrscheinlich werden sie zukünftig auch einmal mit Xenon- oder LED-Technik erstrahlen, aber noch beugen sie sich dieser Entwicklung nicht. Traditionell setzt der Kühlergrill in ihrer Mitte auf sieben vertikale Öffnungen. Beim von uns getesteten Sondermodell 75th Anniversary, das zur Feier des großen Jubiläums letztes Jahr erschein, sind die Umrandungen ebenso Bronzefarben hervorgehoben wie die Editions-Plaketten und 18-Zoll-Räder.

Die exklusive Sonderlackierung Sarge Green verleiht dem weiterhin als Drei- oder Fünftürer (Unlimited) erhältlichen Wrangler einen martialisch militärischen Charakter. Alternativ gibt es ihn auch in Schwarz oder Weiß. Ansonsten gegen Aufpreis, besitzt die 75th Anniversary Special Edition serienmäßig das mehrteilige Hardtop, das sich mit Hilfe des beigelegten Bordwerkzeugs mit etwas Übung binnen weniger Minuten komplett oder teilweise (de)montieren lässt. Alternativ spannt sich das relativ dünne Softtop, das wir bereits vor vier Jahren in der Hardcore-Offroad-Variante Wrangler Rubicon testeten, über den Überrollkäfig.

Bei den noch kühlen Temperaturen während unseren Testfahrten, blieb das Hardtop mit guter aber noch verbesserungswürdiger Isolierung geschlossen. Um dann an den 142 Liter kleinen Kofferraum zu be- oder entladen, schwingt zuerst die Hecktür samt Reserverad nach rechts. Dann kann die Heckscheibe des Hardtops hochgeklappt werden. Um das Ladevolumen auf 430 Liter zu vergrößern, kann die Rücksitzbank zusammen- und dann komplett hochgeklappt werden. Wer mehr Platz für Gepäck (498 – 935 Liter) oder auf den Rücksitzen möchte, sollte eher den fünftürigen und mit 4,75 rund einen halben Meter längeren Unlimited wählen. In unserem 4,22-m-Dreitürer ist die Beinfreiheit hinten doch recht bescheiden.

Keine Platzprobleme gibt es in der ersten Reihe, wo beheizbare Ledersitze mit einem Einsatz aus Mesh-Stoffgewebe, mit zweifarbigen Kontrastnähten und geprägten 75th Anniversary Logos warten. Wer die Hürde des Auf- beziehungsweise Einstiegs durch die sehr leichten, demontierbaren Türen erst einmal geschafft hat, wird mit der hohen Sitzposition belohnt. Auf das Sondermodell weisen wie außen Bronzefarbene Akzente an den Umrandungen der Lüftungsdüsen, den Haltegriffen an Türen und Armaturenbrett hin – natürlich darf auch dort eine Plakette nicht fehlen. Die Qualität geht okay, insbesondere wenn man an dem Ami nicht die extrem hohen deutschen Ansprüche als Anspruch anlegt. Ab Werk sind Klimaanlage, elektrische Fensterheber und 6,5-Zoll-Touchscreen-Infotainmentsystem samt Alpine-Soundsystem an Bord. Für Sicherheit sorgen Front- und Seitenairbags.


Aber es sind eher Gimmicks wie die Gummifußmatten mit angedeutetem Reifenprofil von Jeep’s Zubehörmarke Mopar, die den Unterschied ausmachen. Andere kleine nette Details wie die Silhouette des klassischen Jeeps-Kühlergrills am Innenspiegel, der „kleine Jeep“ am Rahmen der fast senkrecht stehenden Windschutzscheibe und die skurrilen Motorhaubenverschlüsse bietet der Wrangler auch abseits des Sondermodells – die Power-Dome Motorhaube mit zwei funktionalen Luftöffnungen wiederum nicht. Darunter wird entweder ein V6-Benziner mit 3,6 Liter Hubraum und 284 PS oder wie in unserem Fall ein Vierzylinder-Diesel mit immerhin 2,8 Liter und 200 PS verbaut. Neben dem geringeren Verbrauch – offiziell 9,0 Liter im Durchschnitt vs. 11,0 – liegt der zweite Vorteil des Selbstzünders wie zu erwarten beim Drehmoment. Bereits ab 1.600 Touren wuchtet er 460 Nm auf die 5-Stufen-Automatik. Der Benziner kommt „nur“ auf 347 bei 4.300, ist im Sprint mit 8,1 Sekunden auf Tempo 100 (10,7 Diesel) und mit 180 km/h Höchstgeschwindigkeit vs. 172 km/h aber im Vorteil.

Doch wer schon mal einen Jeep gefahren hat, weiß, dass dies eigentlich theoretische Werte sind. Hohe Geschwindigkeiten sind von Natur aus nicht sein Ding und nicht nur wegen den Windgeräuschen, sondern auch wegen der Windanfälligkeit fühlten wir uns bei mehr als 130 nicht wirklich wohl. Abgesehen davon, dass der knapp zwei Tonnen wiegende Wrangler von Natur aus als Hecktriebler trotz ESP mit mehr Vorsicht als ein Auto mit Frontantrieb bewegt werden will, sorgt der kurze Radstand nicht gerade für Stabilität auf der Straße. Die relativ gefühllose und leichtgängige Lenkung scheint ebenfalls eher für Offroad abgestimmt zu sein, denn ohne spürbare Rückstellkraft muss onroad ständig aufgepasst und korrigiert werden. Doch abgesehen vom suboptimalen Geradeauslauf und trotz der weichen Federung liegt er in Kurven gar nicht so schlecht. Und in der City, wo der Wrangler als echter Offroader zweckentfremdet eigentlich ja gar nicht hingehört, fühlt man(n und Frau) sich dank seiner Handlichkeit und seinen kompakten Maßen sogar überraschend wohl.

Sein eigentliches Metier wird aber wohl für immer unbefestigter Untergrund bis hin zu schwerem Gelände sein. Dort lässt er „Weichei-SUVs“ keine Chance. Sein Diesel holt die Kraft schön von unten heraus und muss nicht erst auf hohe Drehzahlen warten. Der zuschaltbare Allradantrieb mit 2,7:1 Geländeuntersetzung mit separatem Hebel mag vielleicht antiquiert wirken, bleibt für Offroad-Fans jedoch weiterhin erste Wahl. Wer gerne an seine Grenzen geht, wird sich wahrscheinlich sowieso die ab Werk noch extremere Rubicon-Variante oder für eine nachträglichere Höherlegung entscheiden, aber mit 25,9 cm Bodenfreit und 76 cm Wattiefe kommt auch unser Sondermodell 75th fast überall durch. Allein die weit nach vorn herausragende Stoßstange, die hiesigen TÜV-Anforderungen geschuldet ist und sich als Sitzgelegenheit beispielsweise zum Picknick eignet, reduziert den vorderen Böschungswinkel auf immer noch herausragende 38,4 Grad.

Der Jeep Wranger hat auch nach 75 Jahren ausgeprägte Stärken, aber ebenso Schwächen. Ob man den nicht gerade günstigen Preis von 49.475 Euro für das Sondermodell mit drei Türen und egal ob mit Diesel oder Benziner. Die vergleichbar ausgestatteten Serienversionen kosten kaum weniger und selbst ohne Limitierung … ein richtig cooler Typ mit Ecken und Kanten, aber ebenso mit einer liebenswerten Seite. Wer dennoch einen universeller einsetzbaren Jeep möchte, bekommt auch die anderen Familienmitglieder vom kleinen Renegade über den Cherokee bis hin zum Grand Cherokee als 75th Anniversary.