Jaguar XJ Portfolio – High Society’s Brexit

25.09.2016 | Christian Sauer | Testrides

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Die Neuauflage der großen Limousine will mit ihrem individuellen Stil anspruchsvolle Kunden für sich gewinnen. Dabei kämpft sie nicht nur gegen die Konkurrenz aus Deutschland. Wie sich der XJ des Modelljahres 2016 dabei schlägt, klärt unser Testdrive.

Seit inzwischen sieben Jahren bietet Jaguar die große Limousine in ihrer jetzigen Form an. Daran hat auch das letzte Facelift – respektive die Neuauflage – nichts geändert. Noch immer und vielleicht sogar stärker denn je scheint der XJ die individuelle(re) Alternative zu Audi A8, BMW 7er und Mercedes S-Klasse. Zu den per se sportlichen Mitbewerbern zählt neben dem Porsche Panamera ebenfalls der Maserati Quattroporte. Letztgenannter fristet allerdings trotz seines italienischen Designs und der 100-jährigen Historie seiner Marke hierzulande selbst innerhalb des überschaubaren Segments der Oberklasse- und Luxuslimousinen ein Exotendasein.

Ähnlich steht es um den XJ, der bis auf sehr wenige Ausnahmen auch nicht als Chauffeurs- oder Dienstwagen wie die deutschen Limousinen eingesetzt wird. Es sind vor allem Privatiers, die einen luxuriösen Wagen mit britischem „Stil“ suchen, denen ein Bentley Flying Spur oder gar ein Rolls-Royce Ghost aber doch zu groß oder teuer ist. Wer dennoch lieber gefahren werden möchte, trifft mit dem XJ LWB / XJL samt 12,5 cm verlängertem Radstand sicherlich eine gute Wahl, denn der „normale“ XJ bietet trotz seiner stattlichen Länge von 5,13 m gerade im Fond kein extrem üppiges Platzangebot – weder bei der Bein-, noch bei der Kopffreiheit. Schuld daran ist die ab der B-Säule stark abfallende Dachlinie..

 

Das ebenso elegante wie gedruckte und gestreckte Design von Meister Ian Cullum in Form der zum Sprung ansetzenden Raubkatze wird sicherlich denjenigen besonders gut gefallen, die selbst hinterm Steuern sitzen wollen und sich eigentlich ein klassisches Coupé mit Jaguar-Logos wünsch(t)en. Doch auch wenn der F-TYPE ein genialer Sportwagen ist, klafft nach dem Ende der XK-Ära in diesem Segment eine Lücke. Passende Motoren hätte Jaguar mit den zwei Kompressor-Benzinern auf jeden Fall schon im Programm: Beim XJR mit acht Zylindern wird aus 5,0 Liter Hubraum 550 PS und 680 Nm Drehmoment ab 2.500 Touren geschöpft. Immerhin 450 Nm ab 3.500 und 340 PS bei ebenfalls 6.500 Touren sind es im 3,0-Liter-V6.

Doch typisch für Deutschland fällt die Wahl der meisten Kunden doch auf den Diesel mit gleicher Größe, der nunmehr auf 300 PS und 700 Nm ab 2.000 Touren erstarkt ist. Bei unserem Test machte er sich nur im kalten Zustand akustisch bemerkbar, um sich dann vornehm zurückzuhalten. Neben seinem gleichmäßigen Schub aus dem Drehzahlkeller heraus, die den XJ mit einem Leergewicht von rund 1,8 Tonnen in 6,2 Sekunden auf Tempo 100 und weiter bis zur abgeriegelten Höchstgeschwindigkeit bei 250 km/h beschleunigt, zählen der noch geringere Verbrauch und die enorme Reichweite zu seinen Stärken. Bei offiziell 5,7 Liter im Durchschnitt muss der 77-Liter-Tank erst nach über 1.000 Kilometern nachgefüllt werden.

 

Die Kraftübertragung auf die Hinterräder – nur beim V6-Benziner ist optional auch Allrad erhältlich – übernimmt eine sanft schaltende 8-Stufen-Automatik von ZF mit weiterhin herausfahrendem Drehschalter als Eyecatcher. Es versteht sich schon fast von selbst, dass auch per Schaltpaddel von Hand eingegriffen werden kann und es ebenfalls einen Sportmodus gibt. Brachiale Kraftexplosionen sind vom Diesel jedoch so oder so nicht zu erwarten. Dafür arbeitet die elektromechanische Servolenkung deutlich direkter als zuvor. Und auch das Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern wirkt dynamischer abgestimmt. Allerdings gleitet die Limousine damit nicht so geschmeidig wie mit Samtpfötchen über Unebenheiten – ein Luftfahrwerk wäre wohl vielseitiger (gewesen).

Doch das trübt den überaus guten Eindruck des XJ als Fahrerauto wenn überhaupt nur wenig. Anders als seine deutschen Mitbewerber wirkt der Engländer auch nicht mit Assistenzsystemen überladen, wenn auch die wichtigsten Helfer wie der Tempomat mit Abstandshalter an Bord sind. Dieser Eindruck bestätigt sich ebenfalls im Cockpit samt digitalen Instrumenten, mit denen sich der XJ allerdings nicht (mehr) von seiner Konkurrenz abheben kann. Gleiches gilt für das neue Infotainment-System mit 8- oder 12,3-Zoll-Touchscreen, das wie im XF und XE auch eine Online-Vernetzung samt Apps und eine 360-Grad-Kamera bietet. Die Bedienung gelingt einfacher, aber im Detail nicht perfekt. Beim Sound setzt Jaguar statt auf  Bowers & Wilkins inzwischen auf Meridian, dessen High-End-Audio-System mit 26 Lautsprechern 1.300 Watt leistet.

Schauen wir uns weiter im auf Wunsch von oben durch das zweiteilige Glasdach lichtdurchfluteten Innenraum um: Bereits die von uns getestete, nach Autobiography zweit-luxuriöseste Ausstattung Portfolio bietet ein Fest für alle Sinne. Bei so viel hochwertigem Holz und Leder wähnt man sich schon fast in einem Bentley oder einen Maserati. Es sieht nicht nur extrem gut aus, es riecht und fühlt sich auch so an. Dazu bieten die komfortablen, elektrisch verstellbaren Sitze verschiedene Massageprogramme und selbst in der zweiten Reihe eine Belüftung. In Verbindung mit dem langen Radstand gibt es dort zudem eine elektrische Verstellung sowie klappbare Tischchen und ein Entertainment-System mit Displays in den Kopfstützen der Vordersitze.

Wer es lieber sportlicher mag und nicht die Power des XJR „braucht“, findet mit der Ausstattung R-Sport vielleicht eine Alternative. Es beinhaltet neben Sportsitzen und -lenkrad spezielle 20-Zoll-Felgen sowie einem schwarzen statt  ansonsten verchromten Maschengittergrill inmitten der LED-Scheinwerfer. Der dreiteilige Front-Splitter, seitliche Lüftungsschlitze, markantere Türschwellern und eine dezente Heckspoilerlippe sollen zumindest optisch XJR-Feeling versprühen. Das sportliche Topmodell führt die Preisliste nämlich mit selbstbewussten 142.400 Euro an. Die günstigste Möglichkeit, ins XJ-Vergnügen zu kommen, ist der Diesel ab 81.000 Euro. In der R-Sport- oder Portfolio-Ausstallung unseres Testwagens zusammen mit einigen Sonderausstattungen wird  jedoch schnell die 100-k-Grenze gebrochen. Doch damit befindet sich der große Jaguar in guter Gesellschaft in der Ober- und Luxus-Klasse. Und dass Individualität seinen Preis hat, den Kunden auch bereit sind zu zahlen, beweist der Maserati Quattroporte. Vorteil auf Seiten der Britten ist das zumindest noch größere Händlernetz. Allerdings bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen sich durch dem Brexit ergeben. Die automobile Unabhängigkeitserklärung hat Jaguar trotz oder gerade wegen der indischen Übernahme durch Tata ja schon vor Jahren vollzogen.