Jaguar XE SV Project 8 Tracktest

25.08.2018 | Christian Sauer | Testrides

Zusammen mit der ebenso schnellen wie charmanten Rennfahrerin Célia Martin, die auch als Race-Taxi- und Testfahrerin für Jaguar arbeitet, gingen wir exklusiv mit der streng limitierten Sportlimousine ans Limit.

Eigentlich fehlen nur noch Helm und Rennanzug – dann könnte man mit dem Jaguar XE SV Project 8 vermeintlich direkt Rennen fahren. Man(n)? Nein, heute haben wir mit Célia Martin weibliche Unterstützung, die nicht „nur“ mit ihrer Ausstrahlung und ihrem Charme bezaubert, sondern auch mit ihrer Professionalität und ihrem Talent als Renn- sowie Jaguar-Testfahrerin begeistert. Also weg mit überflüssigen Klischees und Macho-Phrasen à la „Frauenauto“ oder „nur für echte Männer“. Die aus Bordeaux stammende Französin lernt fleißig Deutsch und bringt uns heute den auf 300 Exemplare limitierten XE SV Project 8 näher.

Der Nachfolger des F-Type Project 7, der Célia genauso wie uns von Drivers Club Germany beeindruckte, setzt nicht nur für Jaguar, sondern auch für das gesamte Segment der Sportlimousinen neue Maßstäbe. Sein V8-Kompressor holt aus fünf Liter Hubraum satte 600 PS und 700 Nm – mehr als jede Raubkatze mit Straßenzulassung zuvor. Damit nicht genug, stellte der 322 km/h schnelle XE SV Project 8 mit 7.21,23 Minuten einen neuen Rundenrekord für viertürige Limousinen mit Straßenzulassung auf der Nürburgring-Nordschleife auf.

Die legendäre Strecke ist inzwischen zu Célias Zuhause geworden: Um näher dran zu sein, ist sie vor einem Jahr dafür extra in die Eifel gezogen und dreht dort auch mit dem Mountainbike regelmäßig ihre Runden. Nach mehreren französischen Rennserien zuvor, standen und stehen VLN-Starts mit dem 24-Stunden-Klassiker als Ziel für sie an. Daneben ist sie für Jaguar am beziehungsweise auf dem Nürburgring tätig, zum einen für das dortige Testcenter und ab ihren 27. Geburtstag im Oktober als Pilotin des offiziellen Race Taxis, einem mit Rennschalensitzen und Überrollkäfig modifiziertem XJR575. Somit fühlt sich Célia im Project 8 mindestens genauso wohl, schließlich schützt er dank des optionalen Track Pack samt Kohlefaser-Rennschalensitzen mit Vierpunktgurten vorn und einem Semi-Überrollkäfig anstelle der Rücksitzbank hinten ähnlich gut. Zudem verringert es das Gewicht um mehr als zwölf Kilogramm und erhöht die Torsionssteifigkeit um 27 Prozent.

Zu erkennen gibt sich das Track Pack übrigens auch von außen am glänzend schwarz lackierten Dach, zwei länglichen Deko-Streifen, seitlichen Jaguar-Silhouetten und gebrandeten Titan-Radmuttern. Doch jetzt heißt es erst einmal volle Konzentration aufs Wesentliche, denn Célia lässt uns direkt hinter das Sport-Lenkrad mit Project-8-Emblem. Es ist gegen Aufpreis sogar elektrisch verstellbar und wie die serienmäßigen elektrischen Performance-Sitze mit griffigem Alcantara bezogen. „Ohne Track Pack ist der Project 8 voll alltagstauglich. Du kannst bequem mit drei Freunden zur Rennstrecke fahren und dann richtig schnell sein“, sagt Célia dazu und ergänzt mit einem Lächeln „Ich mag die Schalensitze aber mehr.“ Das verwundert nicht, denn wer einmal manuell den richtigen Abstand zu den Pedalen gefunden hat, wird die feste Rücklehne und dünne Polsterung gerne in Kauf nehmen, um mit optimalen Seitenhalt belohnt zu werden.

Statt dem ansonsten für Jaguar typischen Drehschalter, lässt sich die blitzschnelle Achtstufen-Automatik entweder per konventionellem Wählhebel oder Alu-Schaltwippen bedienen. Ansonsten entspricht das Project-8-Cockpit größtenteils den schwächeren XE-Versionen. Der rote Not-Aus-Schalter in der Mittelkonsole erinnert uns allerdings daran, in einem von drei Prototypen zu sitzen, die derzeit noch weltweit im Einsatz sind. Hoffentlich brauchen wir ihn nicht, denn direkt nach unserem Testtag auf dem Flugplatz in Mendig und dem anschließenden AvD Oldtimer Grand Prix auf dem Nürburgring geht es für den heißbegehrten Jaguar zu einem Termin nach Übersee.

Daher wissen wir es sehr zu schätzen, überhaupt die Möglichkeit zum Fahren bekommen zu haben und so eine tolle Pilotin an die Seite gestellt zu bekommen. Die Zeit ist knapp und deshalb schlägt Célia sofort den Track Modus vor. Bei den heißen Temperaturen sind die Michelin Pilot Sport Cup 2-Reifen der Größen 265/35 an der Vorder- und 305/30 an der Hinterachse, die seit der Entwicklung des Project 8 gesetzt waren, schnell auf Temperatur. Hinter den geschmiedeten 20-Zoll-Felgen lauern Kohlefaser-Keramik-Bremsen (CCB) mit 40 cm Durchmesser vorn auf ihren Einsatz und Radlager aus Siliziumnitrid-Keramik gibt es laut Jaguar ansonsten nur in der Formel 1.

Dank des hecklastigen Allradantriebs mit aktivem Sperrdifferential hinten und Torque Vectoring scheinen Traktionsprobleme ein Fremdwort für den Jaguar XE SV Project 8 zu sein. Seinen Rundenrekord stellte er vor einem Jahr sogar in der herbstlichen Eifel auf. Untermalt vom satten V8-Sound aus dem Titan-Auspuff mit aktiver Klappensteuerung sprintet die Raubkatze in 3,7 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Soweit so gut, aber so atemberaubend das allein für sich ist, haben wir solche Beschleunigungen natürlich schon in anderen Wagen erlebt.

Noch beeindruckender finden wir, wie direkt und präzise die Limousine einlenkt. Allein der Gedanke und das damit verbundene, unterbewusste Antippen der Lenkung scheinen schon zu reichen. Weitaus schwieriger gestaltet sich die Orientierung auf dem Pylonen-Kurs, den Célia zuvor gesetzt hatte. Nicht, dass sie damit keine Erfahrung hätte, aber allein für die Orientierung auf dem Flugplatz bräuchte es wohl einige Runden. Da hilft weder das Navi, noch das Head-up-Display. Umso mehr freuen wir uns über den Hinweis zum Bremspunkt, denn am Ende der langen Geraden sind wir schon bei Tempo 250!

Rennprofis wie Célia bremsen hier wahrscheinlich noch später und vehementer. Der Project 8 würde es locker wegstecken und selbst nach mehreren Runden am Stück nicht an Kraft oder Präzision oder einbüßen. In der folgenden Kurve kann das perfekt abgestimmte Zusammenspiel von Aerodynamik und Fahrwerk das enorme Potential des Supersportwagens in der Hülle einer Limousine beweisen. Bis auf das Dach und die vorderen Türen wurde kein Teil vom Serien-XE übernommen. Der flache Unterboden, Frontstoßfänger mit vergrößerten Kühllufteinlässen, Motorhaube mit Entlüftungsschlitzen, verstellbarer Frontsplitter, Heckdiffusor, Heckstoßfänger und nicht zuletzt der mächtige, manuell einstellbare Heckspoiler sind allesamt aus leichter Kohlefaser gefertigt.

Mit 1.733 kg wird aus dem Project 8 selbst mit Track Pack per se zwar kein Leichtgewicht, aber in Anbetracht seiner Alltagstauglichkeit und Komfortfeatures geht das mehr als in Ordnung. Noch einmal kurz zurück zur Aerodynamik: Sind der Frontsplitter und Heckflügel nicht auf Höchstgeschwindigkeit sondern auf Kurvenhetz getrimmt, werden bei Tempo 300 spektakuläre 122 kg Abtrieb erzeugt. Außerdem reduzieren die Karosserie-Aussparungen hinter den Rädern wirkungsvoll Verwirbelungen. Zusätzlich lässt sich das Bilstein-Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern manuell in der Höhe verstellen.

Viel zu schnell nährt sich leider unsere Runde mit dem rund 182.000 teurem XE SV Project 8 dem Ende. Doch ein, wenn nicht sogar das (noch größere) Highlight steht uns ja noch bevor. Wir wechseln ausnahmsweise einmal gerne auf die Beifahrerseite, denn Célia übernimmt jetzt das Steuer. Auf ihre charmante Frage, wie schnell sie denn fahren solle, passt natürlich nur eine Antwort: „So schnell wie möglich!“ Das lässt sie sich nicht zweimal sagen und gibt Vollgas. Mit Fingerspitzen(gefühl) dirigiert sie den V8-Boliden um die Kurven. Die auf dem 10,2-Zoll-Touchscreen des Infotainmentsystems angezeigten Fliehkräfte überschreiten längst die Erdanziehungskraft und drücken uns in die Schalensitze.

Jetzt lernen wir ihren Seitenhalt noch mehr als vorher zu schätzen. Gleiches gilt für die 4-Punkt-Gurte beim Anbremsen, vor dem uns Célia freundlicherweise warnt. Wenn es nach uns gehen würde, hätte unsere Fahrt im aktuell extremsten Jaguar mit Straßenzulassung kein Ende. Doch das Ziel ist zumindest für heute erreicht und für uns bleibt zu konstatieren, dass es schon einen Profirennfahrer wie Célia oder viel Talent und Zeit zum Herantasten braucht, um das enorme Potential des Project 8 möglichst voll nutzen zu können. Chapeau! & Well done!