Jaguar F-Pace SVR & Jaguar XE (2020)

03.07.2019 | Christian Sauer | Testrides

Wir testen das neue SUV-Topmodell mit 550 PS starkem V8-Kompressor an und stellen die aktualisierte Einstiegslimousine des neuen Modelljahrgangs vor.

Oft, sehr oft musste die namensgebende Raubkatze schon für Anspielungen und Vergleiche herhalten. Sei es beim Design oder der Dynamik – auch wir konnten nicht widerstehen und bemühten Parallelen zwischen den athletischen Raubkatzen auf vier Pfoten und den auf vier Rädern à la XK, XJ, XF, XE und F-Type. Von der schieren Größe her, hinkt der Vergleich natürlich mit 4,71 m Länge und 2,17 m Breite bei 1,67 m Höhe. Doch trotz der Maße gelang es den Designern um Ian Callum meisterhaft, das größte Jaguar SUV neben dem E-Pace markentypisch elegant, „knackig“ und sportlich wirken zu lassen. Und nun, gut vier Jahre nach der Weltpremiere des F-Pace, soll das neue Topmodell es nochmal toppen.

Dafür verpassten ihm die Experten vom Jaguar Land Rover Geschäftsbereich SVO (Special Vehicle Operations) – vergleichbar mit Audi Sport GmbH (ehem. quattro GmbH), BMW M GmbH, Mercedes-AMG und Porsche Exclusive Manufaktur – einen neuen Sportanzug. Jaguar selbst bezeichnet ihn als „dezent“. Die Anforderungen waren typisch für ein High-Performance-Car klar: Optimierung der Aerodynamik sowie der Be- und Entlüftung. Dafür trägt der F-Pace SVR (echte) Luftschlitze in der speziell entwickelten Motorhaube, über die nach außen drängende Heißluft schnell abgeleitet wird. Zugleich dient auch sie als optischer Hinweis für das gestiegene Leistungspotenzial des Topmodells. Auffällig sind zudem größere Lufteinlässe in der Fahrzeugfront und Öffnungen in den vorderen Radlaufverkleidungen. Letztere transportieren die in den Radkästen unter hohem Druck gestaute Luft nach außen und beugen so wirkungsvoll Auftrieb auf der Vorderachse vor. Neben zusätzlicher Kühlung konnten die SVO-Aerodynamiker so auch die Richtungsstabilität bei hohem Tempo optimieren.

Die Kotflügelverbreiterungen und die weiter ausgestellten Schweller im unteren Bereich der Karosserie dienen ebenfalls diesem Zweck. Zugleich unterstützen sie jenes geduckte und muskulöse Erscheinungsbild, das jedes SVR-Modell von Jaguar auszeichnet. Am Heck fällt neben einem geänderten Dachspoiler ein neuer Stoßfänger zur Integration der vier Auspuffrohre ins Auge. Im Stoßfänger sind seitlich kleine Windleitprofile integriert, im Fachjargon Strakes genannt. Sie garantieren eine verwirbelungsfreie Umströmung des Hecks und verbessern so die aerodynamische Gesamtperformance. Groß und noch größer präsentieren sich auch die Räder – serienmäßig 21 Zoll messende Schmiederäder – optional sogar 22 Zöller, jeweils mit 295er Pirelli hinten. Für eine atemberaubende Verzögerung wurde die 4-Kolben-Sportbremse mit 39,5 cm großen (Stahl)Scheiben ringsum installiert.

Damit der F-Pace SVR der brachialen Kraft des von den anderen Jaguar- und Range Rover Topmodellen bekannten 5-Liter-Achtzylinders mit Kompressoraufladung gewachsen ist, unterstützen elektronische Helfer. Dazu zählen das Regelsystem Intelligent Driveline Dynamics (IDD), das aktive Sperrdifferential an der Hinterachse und Torque Vectoring by Braking. Letzgenanntes bremst gezielt und unabhängig voneinander die kurveninneren Räder ab und verleiht dem Fahrzeug dadurch eine sehr hohe Agilität bei maximaler Kontrolle. Neu abgestimmt wurde das Fahrwerk mit insgesamt strafferen adaptiven Dämpfern und höheren Federraten. SVO wählte progressive Federn, die vorn um 30 und hinten um zehn Prozent steifer ausgelegt sind als bei den übrigen F-Pace-Motorisierungen. Modifizierte Querstabilisatoren reduzieren die Rollneigung der Karosserie um nochmals fünf Prozent. Im frei konfigurierbaren Dynamic Modus werden neben dem schnelleren Ansprechen auf Gasbefehlen und zügigeren Gangwechseln der eng übersetzten 8-Stufen-Automatik, auch eine härtere Dämpferkennung und ein erhöhter Lenkwiderstand geboten.

Der blitzschnell reagierende Allradantrieb soll „maximalen Fahrspaß bei höchster Sicherheit unter allen Fahrbahn- und Wetterbedingungen“ garantieren. Das könnte natürlich nur ein ausführlicher Test klären, aber zumindest während unserer kurzen Testfahrt bei heißen Temperaturen und staubtrockenem Asphalt scheinen Traktionsprobleme für das 550 PS starke SUV ein Fremdwort zu sein. Ausschließlich bei Bedarf gehen bis zu 50% der 680 Nm Drehmoment ab 2.500 Touren an die Vorderräder – ansonsten geht bis zu 100% auf die Hinterräder. Zusammen katapultieren sie die knapp zwei Tonnen in 4,3 s auf Tempo 100 und die Beschleunigungsorgie endet auf deutschen Autobahnen erst bei erst bei 283 km/h. Naturgemäß steht Jaguar nicht „nur“ für Dynamik und Geschmeidigkeit, sondern auch für dieses kräftige „Schnorren“. Und tatsächlich macht der F-Pace SVR da keine Ausnahme – zumindest wenn der 6,6 kg leichtere Titan-Klappenauspuff nicht bewusst per Knopfdruck auf lautstarkes „Brüllen“ getrimmt wurde.

Fahrdynamik und Fahrkomfort sollen ebenfalls die exklusiven Performance-Sitze samt 14-facher Verstellung, Heizung sowie Kühlung miteinander verbinden. Über zu wenig Seitenhalt können wir uns auf jeden Fall nicht beklagen, allerdings sollte man(n) für die schlanken Sportsitze tatsächlich nicht zu breit und nicht zu groß sein. Subjektiv saßen wir zudem etwas hoch und auch höher als in anderen High-Performance-SUVs. Sehr edel wirkt das Leder der Armaturentafel sowie der Sitze mit rautenförmigem Muster und geprägten SVR-Logos. Die beheizbaren Rücksitze sind ebenfalls stärker ausgeprägt und bieten viel Platz. Der Kofferraum hat nichts an Praktikabilität eingebüßt – im normalen Zustand fasst er bereits 650 Liter und lässt sich per dreiteiliger Rücksitzbank weiter vergrößern. Über den maximal fünf Köpfen lässt auf Wunsch ein festes Glaspanoramadach oder ein gläsernes Panoramaschiebedach viel Licht in den Innenraum mit schwarzem Innenraum.

Wir wechseln noch einmal zurück auf den Fahrersitz, wo das handliche beheizbare SVR-Lenkrad mit Aluminium-Schaltwippen und der SportShift-Gangwahlhebel warten, der den zwischenzeitig für Jaguar Land Rover typischen Drehregler der Automatik ersetzt. Noch konventionell und nicht mit zusätzlichem Touchscreen präsentiert sich die Klimaanlage. Bekannt und nicht von allen Testern beliebt ist das Infotainmentsystem Touch Pro mit 10-Zoll-Touchscreen, woran Apple CarPlay und Android Auto nicht viel ändert. Die beeindruckenden Fahrleistungen zeigt das 12,3 große TFT-Instrumentendisplay ebenso an, wie das praktische Head-up-Display.

Verschiedene Farbthemen stehen auch für die Lederausstattung zur Wahl: jeweils mit Schwarz kombiniertes rotes Pimento, helles Light Oyster, braunes Siena Tan oder ein komplett schwarz gehaltenes Ambiente. Als Zierelementen werden Meshed Aluminium und Carbon angeboten. Bei der Außenfarbe haben Interessenten beim F-Pace SVR die Wahl zwischen sieben Tönen: Indus Silver, Ultra Blue, Fuji und Yulong White, Santorini Black, Eiger Grey und Firenze Red. Darüber hinaus bietet SVO weitere Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung. Interessant, weil nicht für alle Sport-SUVs bestellbar ist eine Anhängerkupplung und das passende Assistenzsystem. Der Jaguar F-Pace SVR ist für mindestens 101.000 Euro bestellbar. Beim offiziellen Verbrauch von 11,9 Litern (oder eher mehr) sollte zusätzlich noch genügend Budget zum Tanken übrig bleiben.

Anders als der F-Pace SVR oder der letztes Jahr von uns gefahrene XE SV Project 8 müssen sich die zivilen Versionen des XE auch im Modelljahr 2020 mit den effizienten Ingenium Vierzylinder-Diesel- und Benzinmotoren mit 2,0 Liter Hubraum begnügen. Für Vielfahrer besonders interessant ist der  D180, der sich offiziell nur 4,9 Liter Diesel genehmigt. Sportfahrer widmen sich wohl dennoch lieber dem 300 PS starkem P300 als Topversion. Mit Allradantrieb beschleunigt er in 5,7 Sekunden auf 100 km/h. Alle XE-Modelle sind serienmäßig mit dem bekannten Achtstufen-Automatikgetriebe und ebenfalls mit dem konventionellem Getriebewählhebel statt Drehschalter ausgestattet. Ansonsten bleibt die Hardware unter der schicken Karosserie größtenteils unverändert: Leichtbau-Aluminium-Struktur; Doppelquerlenker-Vorder- und Integral Link-Hinterachse für agiles Handling und Sicherheit.

Für besonders fahraktive Fahrer(innen) bietet Jaguar im XE erstmals ein Dynamic Pack an – bestehend aus konfigurierbarem Dynamic-Modus, adaptivem Fahrwerk, rot lackierten Bremssätteln, im Durchmesser auf 350 mm vergrößerten vorderen Bremsscheiben und Heckspoiler. Zu den abweichenden Details zählen ebenfalls der mit dunklen Wabengittern akzentuierte untere Teil der Heckschürze und die von Flugzeug-Winglets inspirierte Profile an den vorderen seitlichen Kühllufteinlässen. Das R-Dynamic-Paket ist mit sämtlichen Ausstattungslinien und Motorisierungen kombinierbar. Grundsätzlich neu gestylt präsentieren sich Front- und Heckstoßfänger sowie Voll-LED-Leuchteinheiten mit auffälligen LED-Signaturen.

Komplett überarbeitet wurde das Interieur, das nun mit hochwertig(er)en Materialien und weniger Hartplastik punktet. Anders als beim F-Pace SVR ist je nach Ausstattungslinie gegen Aufpreis oder serienmäßig das Touch Pro Duo Infotainment System samt zusätzlichem Touchscreen für die Klimasteuerung an Bord. Vom I-Pace stammt das interaktive 12,3-Zoll-Fahrerdisplay hinter dem neuen Lenkrad. Der digitale ClearSight-Innenrückspiegel feiert Premiere im Segment der kompakten Limousinen, nachdem wir ihn bereits im neuen Range Rover Evoque testen konnten. Im Hintergrund lernen die sogenannten Smart Settings mit Hilfe künstlicher Intelligenz die Vorlieben einzelner Fahrer und nehmen Einstellungen für Sitze, Spiegel, Audio und Klima auf Wunsch automatisch vor. Mit der erweiterten Serienausstattung startet der überarbeitete Jaguar XE bei 43.690 Euro, serienmäßig mit „Jaguar Care“ inklusive 3-Jahre-Herstellergarantie mit kostenlosen Inspektionen. Außerdem lohnt sich ein Blick auf die relativ günstigen Leasingangebote für den XE.