Ford Mustang Mach-E

07.09.2022 | Christian Sauer | Testrides

Mit legendärem Namen schickt Ford sein vollelektrisches Crossover/SUV ins Rennen um die Gunst der Käufer. Hat es diesen gebraucht und verdient?.

Ein Ford Mustang muss einen „dicken“ V8 haben! Oder? Dem würden sicherlich viele zustimmen und selbst im Zeiten des Downsizings, scheint der Achtzylinder nichts an seiner Faszination und Attraktivität verloren zu haben. Davon zeugt, dass die Versuche mit dem Reihenvierzylinder im 2.3 EcoBoost und dem 3.7 V6 jeweils im Mustang Coupé beziehungsweise Cabrio letztendlich gescheitet sind. Im Zweitürer lebt der hierzulande maximal 460 PS leistende Fünf-Liter-V8 weiter – erstmal ohne Elektrifizierung – zumindest bis die neue, siebte Generation auf den Markt kommt.

Doch nun zu unserem heutigen Testwagen, der auch den legendären Namen und zahlreiche Logos mit dem Wildpferd zur Schau trägt. Selbst ohne (arm)dicke Endrohre ist die optische Verwandtschaft der Heckpartien der so unterschiedlichen Mustangs mit den typischen LED-Leuchten am prägnantesten. Aus unserer Sicht clever gelöst haben die Ford-Designer den offensichtlichen Zwiespalt zwischen angesagt, stark abfallender Dachlinie und Platzangebot hinten – dazu später mehr. Schauen wir uns erstmal die 4,71 m lange Flanke mit fast drei Meter Radstand an, die von mindestens 18 und maximal 20 Zoll großen Rädern, in unserem Fall von 19-Zöllern geprägt ist. Auf den zweiten Blick fallen vermeintliche Seitenspoiler an den Vordertüren auf, die vor allem aber als Türgriffe dienen. Diese öffnen nämlich elektrisch per Schlüssel(fernbedienung), in Verbindung mit dem Smartphone samt FordPass App oder auf Wunsch auch per Code-Eingabe direkt an den Sensortasten. Die seitlichen Reflektoren wurden von den Modellen für Nordamerika übernommen, die wie unser Exemplar in Mexiko gebaut werden.

Vorn soll die gewölbte „Motorhaube“ die Sportlichkeit des Mustang Mach-E unterstreichen, genauso wie die recht schmalen und schnittigen LED-Scheinwerfer. Und tatsächlich, mit etwas Vorstellungskraft sind einige Anleihen an den bisherigen Mustang Sportwagen erkennbar. Mit 408 Liter Kofferraumvolumen schluckt(e) bereits das zweitürige Coupé ordentlich Gepäck. Der Mach-E übertrifft es wenig überraschend nochmal. Inklusive dem vorderen 81-l-Kofferraum, in den mehr als das Ladekabel passt, lassen sich 502 bis 1.520 Liter Gepäck verstauen. Zusätzlich ist eine abnehmbare Anhängerkupplung für bis zu 1.000 kg Last ab Werk bestellbar. Noch überraschter waren wir, dass die mächtige Heckklappe unseres Testwagens von Hand und nicht elektrisch bedienbar war. Doch dieses Manko hat Ford bei allen Serienausstattungen des Mustang Mache-E inzwischen abgestellt.

Wie schon erwähnt, schränkt die an sich stark abfallende Dachform durch optische Tricks mit Aussparungen im Dach die Kopffreiheit hinten nicht so sehr ein wie zuerst befürchtet. Das feste Panoramadach ist eines der wenigen Extras und analog zum Technologie-Paket inklusive B&O Sound-System je nach Version sogar serienmäßig. Standardmäßig sind 6-fach elektrisch verstellbare Vordersitze, die uns etwas hoch und zu weich erschienen. Wer mehr Seitenhalt möchte, muss die Topversion Mustang Mach-E GT bestellen. So oder so springen im Cockpit zahlreiche Mustang-Symbole und die entsprechenden Animationen auf dem separaten Farbdisplay hinter dem Multifunktionslenkrad und vor allem auf dem zentralen 15,5-Zoll großem Hochformat-Touchscreen auf. Das erinnert sehr an Tesla und steuert auch die Klimaanlage. Bei den vielen Einstellmöglichkeiten empfiehlt sich ein genaueres Studium im Stand vor der Fahrt. Lobenswert finden wir den haptischen Drehregler für die Lautstärke auf dem Display.

Besser als andere Hersteller hat Ford den Materialmix mit relativ wenig Hartplastik, dafür aber mit (Kunst)Leder und gröberen Stoff den Türen sowie mit Carbon(dekor) gelöst. Dank den von vornherein tief im Fahrzeugboden konzipierten Batteriepaketen mit 75,7 kWh oder 98,7 kWh (Extended Range) bleibt zwischen den Vordersitzen genügend Platz für große Ablagen. Etwas holprig präsentiert sich das Standard-Fahrwerk ohne adaptive Dämpfer mit seiner straffen Abstimmung. Mehr Fahrkomfort verspricht das MagneRide-Fahrwerk, das ebenso wie der „Temperamentvoll Plus“-Modus dem Mustang Mache-E GT vorbehalten ist. Mit zwei Motoren – also Allrad – leistet dieser insgesamt 358 kW (487 PS) und sprintet in 4,4 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und weiter bis 200 km/h. Die anderen Versionen werden bei 180 abgeriegelt und brauchen für den Standardsprint rund sechs Sekunden. Die schwächste Variante ist der Mach-E Standard Range mit Heckantrieb, 198 kW (269 PS) und bis zu 440 km Reichweite. Als Extended Range mit 216 kW (294 PS) starkem Heckantrieb sollen bis zu 600 km ohne Ladestopp möglich sein.

Wir fuhren den Extended Range mit Allrad, 258 kW (351 PS) und versprochenen 550 km Reichweite. Nach einigen schnelleren Etappen vorab, zeigte unser Testwagen bei 100 % Ladung „nur“ 400 km an. Bekanntlich hängt die tatsächliche Reichweite von vielen Faktoren wie den Stromverbrauchern und natürlich dem eigenen Fahrverhalten ab. Im „zahmen“ Modus wirkt die Lenkung relativ indirekt und weich. Der „temperamentvoll-Modus“ ändert dies spürbar und Kurven nimmt der Mustang Mach-E dann deutlich direkter. Querdynamisch kommen bei mehr als 2,1 Tonnen Leergewicht allerdings die Continental PremiumContakt 6 Reifen recht bald an ihre Grenzen. In diesem Sport-Modus setzt der Stromer statt auf „Segeln“ auf starke Rekuperation. Unabhängig vom gewählten Modus lässt sich die One-Pedal-Funktion über den Touchscreen aktivieren. Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass Ford mit dem Mach-E ein richtig gutes, alltags- und familientaugliches Elektroauto mit ausgeprägt sportlichem Charakter auf die Räder gestellt hat. Ob es zusätzlich den Namen „Mustang“ brauchte, bleibt fraglich. Der Mach-E soll die Ford-Legende fortschreiben und in ein paar Jahren, wenn auch die zweitürigen Mustangs elektrifiziert sein werden, stellt sich die Frage wohl nicht mehr. Aktuell startet der Mustang Mach-E bei 62.900 Euro mit Standard Range, Heckantrieb und 198 kW (269 PS). Als Ausstattungslinie „Premium“ kostet er mindestens 69.200 Euro und die Topversion „GT“ liegt bei 86.200 Euro.