Ford Mustang GT

02.11.2020 | Christian Sauer | Testrides

Man(n) nehme einen fast 500 PS starken V8-Sauger und schickt über 500 Nm per Handschaltung an die Hinterräder – noch Fragen? Ja!

Nein, uns geht es heute nicht um den Mustang Mach-E, dem brandneuen Elektro-SUV. Er sieht zwar dynamisch aus und fährt sich wohl auch so, weshalb er sich wahrscheinlich in der Preisklasse auch gut verkaufen und vielleicht sogar eine ganze Fahrzeugkategorie nachhaltig prägen wird, darüber hinaus hat der Mach-E aber nicht viel mit unserem Testwagen gemein. Mit dem letzten Facelift hat das viersitzige Mustang Cabrio und zugleich das zweitürige „Fastback“-Coupé zwar auch das modernere SYNC-3-Infotainmentsystem samt 1.000-Watt-Soundsystem mit 12 Lautsprechern von Bang & Olufsen, komplett digitale Instrumente und neue Fahrhilfen wie Abstands-Tempomat bekommen, doch noch mehr begeistern die klassischen Tugenden und traditionellen Zutaten des Sportlers. Dabei steht für uns bei Drivers Club Germany an erster Stelle immer noch der Motor!

Natürlich bietet schon Ford‘s 2,3-Liter-Vierzylinder mit Twin-Scroll-Turbolader, 290 PS und 450 Nm Drehmoment mehr als ausreichend Kraft. Mit offiziell knapp neun Litern Verbrauch ist er zwar rund zwei Liter sparsamer als der Achtzylinder und auch 80 Kilo leichter, aber mal ehrlich, wer liebäugelt im Mustang bei gerade einmal 6.336 Euro Aufpreis laut Liste nicht doch mit dem 5,3 Liter großem V8-Sauger im GT. Schon beim Anlassen strotz der verfeinerte „Dauerbrenner“ vor Kraft und blubbert selbstbewusst aus den vier dicken Endrohren – zumindest, wenn er nicht mit Rücksicht auf die Nachbarn per Knopfdruck auf „leise“ gestutzt wurde. Zumindest außer Orts reizt es schon sehr, stattdessen auf „Race“ zu schalten und den vollen V8-Sound genießen. Dabei schiebt er mächtig an, dreht feinfühlig hoch und wuchtet bei 4.600 Touren seine 529 Nm auf die Kurbelwelle.

Wer weiter am Gas bleibt, erlebt bei 7.000 dann alle 450 Wildpferde galoppieren. Bei allen Vorteilen, die moderne Turbomotoren bieten, ist das immer noch und ein immer selteneres Vergnügen – noch dazu mit Handschaltung! So knackig sich die sechs Gänge mit kurzen Schaltwegen reinhauen lassen und die Kupplung dabei überraschend gut dosierbar bleibt, verzichten wir ausnahmsweise gerne auf den Komfort der Automatik, selbst wenn ihre zehn Stufen den Verbrauch minimal verbessern und für 0,3 Sekunden schnellere Sprints auf Tempo 100 sorgen. Flink per Hand und Fuß schaltet, können wir uns immerhin über 4,9 im GT-Fastback und 5,1 im GT-Cabrio freuen. Dabei hilft die Launch Control zusammen mit dem Line-Lock System. Wie bei Drag Races bremst die Elektronik nur die Vorderräder, während hinten für die richtige Temperatur und viel Qualm gesorgt wird – selbstverständlich „nur“ auf der Rennstrecke.

Mag es zwar bei Traditionalisten vielleicht auf Ablehnung oder Unverständnis stoßen, aber auch der klassische Mustang kommt inzwischen nicht mehr ohne eine Vielzahl an Fahrprogrammen aus. Neben „Drag“ und „Race“ bieten sich „Sport+“, „Normal“, „individuell“ sowie „Regen/Schnee“ an. Dazu lässt sich die grundsätzlich direkte und straffe Lenkung in drei Stufen von komfortabel bis sportlich individuell anpassen. Dass die Instrumente zahlreiche Designs zur Wahl stellen, versteht sich quasi von selbst. Allerdings wundert es schon, dass es kein Head-up-Display und keine komplett elektrisch verstellbaren Sitze gibt. An die Rückenlehne muss Hand angelegt werden, nicht nur um in die zweite Reihe mit akzeptablen Platzangebot zu klettern. (Größere) Erwachsene bevorzugen doch lieber die Vordersitze und haben die Wahl zwischen mehr Seitenhalt in den manuell einstellbaren Recaro-Sportsitzen oder – wie in unserem Testwagen – den komfortableren Seriensitzen, auf Wunsch mit Heizung und Lüftung.

Wie die Plakette auf der Beifahrerseite des wuchtigen Armaturenträgers stolz lobpreist, blickt der Mustang inzwischen auf eine (über) 55-jährige Historie zurück. Typisch bleibt das Cockpit mit markanten Details wie den Luftdüsen und den Kippschaltern in der Mittelkonsole, aber leider zugleich weiterhin mit viel Hartplastik. Immerhin präsentiert sich der Innenraum gegen Aufpreis im Rahmen von Paketen oder des dunkelgrünen Sondermodells BULLITT hochwertiger mit Verkleidungen in Carbon, Alcantara oder Kunstleder mit Ziernähten. Die für einen so potenten Sportwagen – als Cabrio oder Coupé – bemerkenswerte Alltagstauglichkeit unterstreichen neben den ISOFIX-Halterungen für Kindersitze, die 332 Liter bzw. 408 Liter großen Kofferräume. Zusätzlich zu der Rückfahrkamera und den Sensoren am Heck wünschten wir uns bei der langen Motorhaube solche jedoch auch an der Front.

Auch wenn es „nur“ ein Handgriff ist, wirkt die manuelle Ent- und Verriegelung des ansonsten elektrischen Stoffverdecks überholt und nicht mehr zeitgemäß. Dafür bleiben Windgeräusche selbst auf der Autobahn bis über 140 km/h aus. Trotz aller Fahrdynamik zum spaßigen Kurvenräubern mit dünnen Michelin Pilot Sport Reifen (275er hinten) auf 19-Zöllern zeigt sich das optionale MagneRide-Fahrwerk dank adaptiven Dämpfern recht komfortabel. Davon profitiert der Mustang GT auf längeren Touren ebenso wie auf offenen Ausfahrten mit grandioser V8-Klangkulisse. Im Gegenzug nehmen wir es gerne in Kauf, dass es bei Landstraßentempo naturgemäß wie in jedem viersitzigen Cabrio recht zügig wird. Da Ford auf ausfahrbare Windabweiser verzichtet, hilft dagegen lediglich ein Windschott, welches die Rücksitze zu Ablagen degradiert und als Zubehör über die Vertragshändler erhältlich ist.

Ford’s großes Händlernetz, über das der Mustang anders als seine US-Konkurrenten Chevrolet Camaro und Dodge Challenger hierzulande offiziell zu bestellen, zu kaufen und auch zu reparieren bzw. zu warten ist, bleibt sein großer Vorteil. Ob zukünftig noch weitere und stärkere Mustang-Sondermodelle wie der Shelby GT500 so nach Deutschland kommen oder ob doch Importeure die Sehnsucht nach noch mehr Leistung erfüllen müssen, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass der gereifte Mustang GT mit seinem mächtigen Achtzylinder, noch alltagtauglicher und modernerer Ausstattung mehr als ein bloßer Preis-Leistungs-Tipp ab 46.594 Euro ist – für uns ist es DER bezahlbare Traumwagen – eine automobile Legende „born in the USA“.

Und dass der aktuelle Ford Mustang bei jedem US-Car-Treffen eine gute Figur macht, zeigte unserer Abstecher zum American Power Weekend in der Westernstadt Pullman City Harz, wo er auf andere Mustangs, coole Challenger und Camaros traf.