Abarth 124 Spider – Fiats Vorzeigesportler

02.08.2017 | Christian Sauer | Testrides

Wie viel Spaß macht der sportliche Bruder des Fiat 124 mit Genen des Mazda MX-5? Unser Fahrbericht bringt die Antwort.

Volltreffer – oft können wir uns die Lackfarbe unserer Testwagen nicht aussuchen, sondern höchstens wünschen. Doch diesmal hätte es aus unser Sicht gar nicht besser laufen können – Kritiker mögen die mattschwarzen Karosserieteile und roten Details als übertrieben abtun – aber wir finden sie perfekt zum reinrassig sportlichen Charakter und zur Tradition des ersten Abarth 124 aus den 1960er Jahren passen. Wer das nicht mag und eher auf den klassischen Look steht, kann ihn entweder einfarbig bestellen oder findet mit dem Fiat 124 die dezentere Alternative und mit dem Mazda MX-5 die japanische Basis beider. Anders als bei Mazda, wo das verwandte Trio gebaut wird und es den Roadster als RF optional mit elektrischem Hardtop gibt, schwören die Italiener auf das knappe Stoffverdeck mit gläserner Heckscheibe. Es lässt sich simpel und schnell per Hand öffnen oder schließen – sogar während der Fahrt – und passt hervorragend zu den traditionellen Proportionen mit langer Motorhaube und knackig kurzem Heck.

Mit 4,05 und 1,74 Metern fallen beide insgesamt etwas länger sowie breiter als der MX-5 aus, ohne dadurch übermäßig groß zu werden. Egal ob in rot oder schwarz lackiert versprechen beim Abarth 124 Spider die Spoiler, Schweller und Schürze schon mal optisch Dynamik. Hinter den 17-Zoll-Felgen mit 205er Pirelli Corsa warten vorn 4-Kolben-Festsattel-Bremsen von Brembo mit innenbelüfteten 28-cm-Scheiben auf ihren Einsatz. Sie stoppen den leer lediglich 1.060 kg wiegenden Roadster vehement und ausdauernd. Natürlich sind auch Airbags und ESP an Bord, aber bei dieser Spaßmaschine scheinen andere Features wichtiger: Da wäre zum einen die optimale Gewichtsverteilung von 50:50 zwischen Vorder- und Hinterachse. An letztgenannter sorgt ein mechanisches Sperrdifferential für Traktion. Während der Hecktriebler bei Regen mit Vorsicht zu genießen ist, wird er auf trockenem Asphalt dank der deaktivierbaren Traktionskontrolle der „richtigen“ Handbremse zum gut beherrschbarem Drifter.

Das im Vergleich zum Fiat 124 tiefergelegte Sportfahrwerk samt Bilstein-Dämpfer, Mehrlenker-Hinterachse und Doppelquerlenker-Vorderachse sorgt für „analogen“ Fahrspaß. Adaptive Dämpfer oder Torque Vectoring sucht man(n) vergebens – zum Glück werden Traditionalisten sagen – in Kurven arbeitet das Fahrwerk richtig „schön mechanisch“. Allein der Drive Mode Selector sorgt mit seinem Sportmodus per Knopfdruck für Spielspaß. Er beeinflusst neben dem ESP und der Motorsteuerung auch die Lenkung, die somit messerscharf und super direkt auf Richtungswechsel reagiert. Dadurch lässt sich der Abarth spielerisch bewegen. Angenehm finden wir, dass bei aller Sportlichkeit genügend Restkomfort übrig geblieben ist.

Auf Wunsch gibt es den Abarth 124 auch mit einer 6-Stufen-Automatik samt Schaltwippen. Unser Testwagen ist hingegen mit der serienmäßigen Handschaltung bestückt. Knackig und mit ultrakurzen Wegen lassen sich die sechs Gänge per „Joystick“ dirigieren. Sofern es überhaupt noch die Wahl gibt, empfehlen wir oft ja die automatisierte Variante, aber nicht dieses Mal – es passt einfach perfekt und macht den Spider mit 6,8 Sekunden für den Sprint auf Tempo 100 und 232 km/h in der Spitze auch etwas schneller (6,9 Sekunden und 229 km/h). Mögen die reinen Fahrleistungen ebenso wie die 170 PS und 250 Nm Drehmoment auf den ersten Blick nicht überragend wirken, ist es vielmehr die Leistungsentfaltung des 1,4 Liter kleinen Vierzylinder-Turbo-Motörchen und das Leistungsgewicht von 6,2 kg/PS, die beeindrucken.

Ob Fiats (Motor)Sport-Marke später auch den 300 PS starken 1,8-Liter-Vierzylinder der Rallye-Variante mit Straßenzulassung nachschiebt, ist fraglich. Fest steht, dass Abarth 124 Roadster bereits jetzt den mit 140 PS / 240 Nm schwächeren Fiat 124 Spider mit per se gleichem Turbo-Motor in den Schatten stellt. Mazda bleibt zumindest vorerst dem Sauger treu und bietet den MX-5 entweder mit 1,5 Liter Hubraum und 131 PS / 150 Nm oder 2,0 Liter und 160 PS / 200 Nm an. Doch zurück zu unserem Testwagen, der dank seines Sportauspuffs mit aktiven Klappen röhrend und rotzig frech aus vier Auspuffrohren tönt. Da haben die Italiener wirklich gezaubert und eine betörende Sinfonie samt Crezendo komponiert.

Apropos Sound – da wären zum einen die Windgeräusche zu nennen, die durch das relativ dünne Stoffverdeck im geschlossenen Zustand ab rund 150 km/h unangenehm laut werden. Zum anderen sind es die Bose-Lautsprecher, die gegen Aufpreis in die Kopfstützen der schmal geschnittenen Sportsitze mit Sitzheizung integriert werden. Obwohl der Sitz auf der Fahrerseite – anders als beim Sozius – in der Höhe verstellbar ist, wird bei 1,85 Meter Körpergröße die Frisur unter dem Stoffverdeck durcheinander gebracht. Auf der Beifahrerseite nervt dies durch die fehlende Höhenverstellung noch mehr. Zudem nehmen die Knie dauerhaft Kontakt mit dem Armaturenbrett auf. Immerhin ist es ebenso wie andere Details mit Alcantara veredelt. Davon und vom roten oder schwarzem Leder der Sitze hätte wir im Innenraum gerne mehr. Stattdessen finden wir leider relativ viel schnödes Plastik, die in den Sonnenblenden aus richtig billigem Kunststoff ihren negativen Höhepunkt finden. Doch kommt es bei einer Spaßmaschine wie dem Abarth 124 Spider wirklich darauf an?

Bedingt ja, schließlich schmälert es den positiven Gesamteindruck. Und wie sieht es mit der Alltagstauglichkeit aus? Der 45-Liter-Tank ermöglicht bei einem offiziellen Durchschnittsverbrauch von 6,4 Litern rund 700 km Reichweite. In den 140-Liter-Kofferraum passen zwei kleine Koffer oder Getränkekisten. Ablagen sind im Cockpit rar und lediglich in der Bordwand zwischen den Sitzen zu finden. Das optionale 7-Zoll-Infotainmentsystem würde sich aus unserer Sicht besser per Touch anstelle des Drehschalters in Mittelkonsole bedienen. Allerdings kommt man beim Schalten oder Ablegen des Arms unwillkürlich darauf. Noch ein letztes Manko – es ist schwierig bis unmöglich die optimale Sitzposition zu finden, da sich das kleine Multifunktionslenkrad nur in der Höhe verstellen, aber nicht herausziehen lässt. Dann lieber wieder den Blick auf die traditionellen Rundinstrumente mit rotem Drehzahlmesser in der Mitte und kleinem Tacho rechts daneben werfen.

So viel Emotionen und Fahrspaß für 40.000 Euro respektive 42.000 Euro für die Automatik-Version sucht man bei anderen Herstellern vergebens. Zudem ist der Abarth 124 Spider dann bis auf wenige Ausnahmen voll ausgestattet, wodurch sich auch die Preisdifferenzen zum Fiat 124 Spider und Mazda MX-5 relativieren. Wenn die Materialien durchgängig noch hochwertiger wären, gäbe es an der für viele Interessenten bezahlbaren Spaßmaschine nahezu keine Kritikpunkte mehr. Und wenn es dann noch den 300 PS starken 124 Rallye als Serienmodell mit festem Dach zu kaufen gäbe, hätte Abarth beziehungsweise Fiat nach langer Abstinenz auch wieder einen richtigen Sportwagen. Doch schon so führt der leichte Roadster die jahrzehntelange Motorsport-Tradition Carlo Abarth fort und ist für die Sportmarke eine tolle Ergänzung zu den verschiedenen Abarth-Varianten des Fiat 500 – bellissimo!