Vom Aussterben bedroht: Ferrari 458 Speciale

19.10.2014 | Christian Sauer | Testrides

Ferrari 458 Speciale Drivers Club Germany
Drivers Club Germany Chefredakteur Christian Sauer erlebte ganz spezielle, italienische Momente mit dem wohl letzten Ferrari-Achtzylinder ohne Turbolader.

Zugegeben, wir haben schon teurere, stärkere und schnellere Sportwagen getestet, aber kaum einer war so konsequent der Fahrdynamik gewidmet, wie der Ferrari 458 Speciale. Er krönt mit 605 PS die V8-Modellpalette der Italiener und ist mit hoher Wahrscheinlichkeit zugleich der letzte Saugmotor unterhalb der Zwölfzylinder-Modelle. Wie zuvor dem Ferrari California dieses Jahr, wird dem 458 als Italia (Coupé) und Spider mit Klappdach wohl demnächst auch der Beiname „T“ für Turbo verpasst. Grundsätzlich haben wir nichts gegen Zwangsbeatmung und moderne Turbo-Triebwerke, bieten sie doch Leistung schon aus niedrigen Drehzahlen heraus und eine bessere Effizienz. Doch ihren ganz speziellen Reiz und die Faszination werden hochdrehende Sauger wohl nie verlieren.

 

Das erleben wir bereits am Start: Die zweistufige Prozedur ist bei allen aktuellen Modellen aus Maranello identisch: Den roten, etwas billig wirkenden Schlüssel einstecken und drehen. Nachdem alle Systeme hochgefahren und auf den Displays die Begrüßungs-Grafiken erloschen sind, den roten Startknopf am Carbon-Leder-Lenkrad mit der Armada von Bedienelementen drücken. Und schon brüllt der 4,5-Liter-Achtzylinder mit der phänomenalen Leistung von 135 PS pro Liter direkt hinter uns los. Anders als bei der offenen Variante des 458, der nun ebenfalls als Speciale A (aperto = offen) angeboten wird, präsentiert sich der sehenswerte V8 von außen wie auch vom Cockpit aus sichtbar durch die besonders leichten Lexan-Polycarbonate-Scheiben.

 

Der allgegenwärtigen Diät des Speciale mit dem Fabelwert von 1.290 kg als Ergebnis fielen ebenfalls große Teile der Geräuschdämmung zum „Opfer“. Doch das nehmen wir gerne in Kauf und würden ebenfalls auf das Soundsystem verzichten, dass vernünftigerweise nur auf Wunsch und gegen Aufpreis eingebaut wird. Genau das Richtige also für Sebastian Vettel, der sich ja lautstark über die (zu) leisen Turbomotoren in der Formel 1 echauffierte und sich nun bei seinem neuen Arbeitgeber schnell den Speciale als Dienstwagen sichern sollte. Schon im Stand, beim bloßen Antippen des Gaspedals begeistert der Ferrari mit einer Sinfonie, die nahezu alle Tonlagen eines Rennwagens beherrscht.

 

Doch nicht nur der Sound erinnert an Motorsport: Einmal an den langen Schaltpaddel gezogen, liegt der erste Gang an. Wer das kleine „Manettino“-Drehrad am Lenkrad auf Race stellt, bekommt eine Grafik geliefert, die den jeweiligen Zustand des Antriebes, der Bremsen und Reifen anzeigt. Sind die auf Betriebstemperatur gebracht, steht auch der Launch-Control nichts mehr im Wege. Ihr gebührt ebenso wie dem Rückwärtsgang und dem Automatik-Modus ein Ehrenplatz auf dem filigranen Carbon-Element, das eine klassische Mittelkonsole ersetzt – noch mehr Bedienelemente am Volant wollte Ferrari wohl seinen zivilen Piloten dann doch nicht zumuten. Wie es sich für einen Rennfahrer gehört, linker Fuß aufs Bremspedal und rechts Vollgas. Bremse lösen und den Blick weit nach vorn – die 305er Michelin Pilot Sport Cup 2 Semislicks auf 20 Zoll großen Schmiede-Felgen an der Hinterachse ringen nur kurz um Fassung und krallen sich in den Asphalt.

 

 Dann schießt der 458 Speciale in wahnwitzigen 3,0 Sekunden auf 100 km/h und wer der flink schaltenden Automatik nicht vertraut, sollte den Schaltpunkt bei spätestens 9.000 Umdrehungen nicht verpassen. Die Shifting-Lights im Lenkrad helfen fast so gut, wie es ein Head-up-Display tun würde, aber mit etwas Gewöhnung braucht man die Anzeigen gar nicht mehr. Wenn sich die einmalige Klangkulisse wild kreischend ihrem Höhepunkt nährt und die Vibrationen das Popometer erreichen, wird es spätestens Zeit zum Hochschalten. Brachial wird dann der nächste der insgesamt sieben Gänge des Doppelkupplungsgetriebes reingeknallt. Auch in die entgegengesetzte Richtung geht es dank neuer Abstimmung noch schneller als im 458 Italia und selbstverständlich mit automatischem Zwischengas.