Fahrbericht: Lancia Thema 3.6 V6 im Test

07.08.2013 | Christian Sauer | Testrides

Lancia Thema 3.6 V6 Executive Drivers Club Germany

Drivers Club Germany Chefredakteur Christian Sauer testete den Lancia Thema – die italienische Version des Chrysler 300 – und zeigte sich von dessen Qualitäten positiv überrascht. Hier sein Fahrbericht.

Lange Zeit schien es, als ob das Ende für eine der traditionsreichsten Automobilmarken Italiens besiegelt sei. Nachdem die sportlichen Erfolge von Stratos, Delta Integrale & Co. in die Geschichtsbücher eingegangen waren, positionierte der Fiat-Konzern Lancia recht halbherzig im Premium-Segment. In Folge dessen blieb auch der Erfolg aus. Während sich zumindest daheim noch die Regierungsmitglieder und die Unternehmens-Bosse im Lancia Thesis chauffieren ließen, wurde das Portfolio hierzulande stark eingedampft. Erst der Familienzuwachs durch den Zusammenschluss mit Chrysler brachte neue Hoffnung in Form des Chrysler 300. Doch wie wollten die Italiener aus der brachial daher kommenden US-Limousine einen stilechten Lancia zaubern?

Eine fast unlösbare Aufgabe, so schien es. Hilfreich war es allerdings, dass 2011 – nach über sechs Jahren Bauzeit – eine Nachfolgeregelung für den Ami gefunden werden musste. Das nun europäischer wirkende Design der zweiten Generation des Chrysler 300 konnte der Lancia größtenteils unverändert übernehmen. Nach der Metamorphose geblieben sind die XXL-Dimensionen mit 5,06 m Länge und 1,90 m Breite, sowie das kantige Design. Die hohe Schulterlinie und die relativ schmalen Fenster lassen den Thema bullig wirken. Alles andere als schmalfüßig steht er in der Executive Ausstattung auf 245/45 breiten und 20 Zoll großen Rädern, die chrom-glänzend an die amerikanischen Wurzeln erinnern. Während unseres Tests ernten wir nicht nur deshalb viel Aufmerksamkeit – der Lancia ist ein echter Hingucker – wenn auch viele zweimal hinschauen müssen, um ihn als solchen zu identifizieren.

Vor allem im Interieur schaffte es Lancia, dem Thema trotz seiner amerikanischen Gene italienisches Flair einzuhauchen. Hinter den massiven Türen erwartet uns ein ansprechend gestaltetes Cockpit mit erfreulich wenigen Knöpfen und Schaltern. Viele Funktionen werden über den 8,4 Zoll großen Touchscreen gesteuert, der so auch in Fiat-Modellen wie dem bereits von uns getesteten Freemont als weiteren Ami-Ableger zum Einsatz kommt. Farbe ins Spiel bringen die blau illuminierten Rundinstrumente, die auch in ihrem Design an die Blütezeit der Straßenkreuzer im letzten Jahrhundert erinnern. Uns gefiel dieses sehenswerte Detail ebenso wie die beige-braune Innenausstattung mit Holz und edlem Leder von „Poltrona Frau“, womit im Topmodell sogar das Armaturenbrett bezogen ist. Leider bietet Lancia als Alternative nur schwarzes Nappaleder und darüber hinaus gar keine Möglichkeiten zur Individualisierung an.

Bei genauerem Hinschauen und Ertasten fällt außerdem auf, dass die verarbeiteten Kunststoffe zum Teil nicht so hochwertig wie bei der etablierten, deutschen Konkurrenz à la Audi A6, BMW 5er und Mercedes E-Klasse ausfallen. Im Premium-Segment eigentlich auch schon längt aus den Fußräumen verband, setzt der Lancia Thema entsprechend seiner amerikanischen Herkunft noch auf eine Feststellbremse anstatt auf eine elektrische Handbremse. Das zusätzliche Pedal wirkt wie ein Fremdkörper innerhalb der Armada von elektrischen Helferchen im Cockpit, womit sich selbst das Gas- und Bremspedal der eigenen Körpergröße anpassen lassen. Vorn wie hinten sitzt man bequem und hat viel Platz. Während sich die beiden großzügig dimensionierten Sessel in der ersten Reihe elektrisch einstellen, beheizen und belüften, bleibt es auf der breiten Couch dahinter bei der wohligen Wärme für kältere Tage. Als eine der wenigen kostenpflichtigen Optionen wird ein Panorama-Schiebedach angeboten, das neben Frischluft vorn auch hinten Licht hineinlässt. Abgedunkelte Scheiben gibt es dort ebenso serienmäßig wie ein Sonnenschutzrollo für die Heckscheibe.