Der Tiger aus Seoul – Kia Sportage im Test.

16.06.2013 | Dominik Bischoff | Testrides

Drivers Club

Autos aus Südkorea haben aufgeholt und zwar so gewaltig, dass einigen etablierten europäischen Herstellern Angst und Bange wird. Warum, wurde uns während des ausführlichen Tests mit dem neuen Kia Sportage klar.

Schon auf den ersten Blick wird deutlich, hier werden Autos gezielt für den europäischen Markt entwickelt. Und das fängt ganz augenscheinlich mit dem Design an. Der neue Sportage ist kaum wiederzuerkennen, vergleicht man ihn mit seinem Vorgänger – und das ist absolut positiv. War der Sportage vergangener Tage noch durch das biedere, massenmarkttaugliche Design für den asiatischen Markt bestimmt, spricht die neueste Auflage eine ganz andere Designsprache. Die sportlich straffen Linien gefallen und sind im Vergleich zur Konkurrenz im SUV-Segment durchaus erfrischend. Direkte Konkurrenten, wie beispielsweise der VW Tiguan wirken sogar recht bieder neben dem Jungspund aus Fernost. Das liegt nicht zuletzt an der neugestalteten, extrem charakteristischen Frontpartie mit hohem Wiedererkennungswert. Tiger Nose nennt Kia das neue Gesicht selbstbewusst – Tigernase. Alle Zeichen stehen also auf Angriff, denn in der koreanischen Kultur ist der Tiger als Symbol äußerst positiv besetzt. Insgesamt wirkt die Linie des Sportage auf uns aber nicht ganz so sportlich, wie von den Designern angedacht. Vor allem die hohe und vergleichsweise senkrechte C-Säule schluckt einiges der sportlichen Linienführung – macht im Gegenzug den Kofferraum aber gerade noch praktikabel. Dazu später mehr.

Im Innenraum setzt sich der sehr gute erste Eindruck leider nicht konsequent fort. Hier wirkt die Linienführung noch etwas altbacken und kann unserem Empfinden nach dem Äußeren nicht ganz folgen. Auch die verwendeten Materialien vermitteln nicht auf Anhieb den hochwertigsten Eindruck – aber was wäre ein vernünftiger Test, ließen wir uns von ersten Eindrücken in die Irre führen. Denn tatsächlich überzeugt der Sportage im Innenraum doch mit vernünftiger Qualität und Praktikabilität. Hat man sich mit dem Design und der Anordnung der diversen Bedienelemente erst einmal angefreundet – leider ist nicht alles intuitiv – liegt der Sportage richtig gut in der Hand und punktet mit guter Bedienbarkeit der wichtigsten Elemente, wie Radio, Klimaanlage und Navi – das ist im Alltagstest übrigens Top und bietet zudem ein großes Display, auch für die Rückfahrkamera! Einzig das etwas überfrachtete Multifunktionslenkrad trübt den insgesamt ordentlichen Eindruck ein wenig. Nichts auszusetzen gibt es hingegen an den Sitzen, die sind ordentlich verarbeitet, sind auch auf Langstrecken bequem und bieten dabei trotzdem vernünftigen Seitenhalt.

Der Platz in der ersten Reihe ist auf jeden Fall ausreichend – im Fond dürfte es zwar gern etwas mehr sein. Den Vergleich mit den vielzitierten Konkurrenten braucht der Sportage indes auch in dieser Kategorie nicht zu scheuen. „Es dürfte gern auch etwas mehr sein“ – das Stichwort, das uns zurück zum Thema Kofferraum führt. Der ist für seine Klasse sicher in der Norm – gerade durch die hohe  und steile C-Säule wahrscheinlich sogar praktischer als manch coupéhafter SUV – aber trotzdem leider verhältnismäßig ungünstig geschnitten. Geringe Breite und ein doppelter Boden, unter dem sich allen Ernstes ein vollwertiges 19 Zoll Alu-Rad verbirgt, machen den Kofferraum beispielsweise für Familien nur eingeschränkt nutzbar. So mussten wir für unseren Test-Drive tatsächlich das Ersatzrad und den Zwischenboden im heimischen Keller zurücklassen, um normales Gepäck samt Kinderwagen überhaupt  verstauen zu können. Für einen Wagen dieser Größenordnung ist dies doch eher ernüchternd.

 

Weniger Probleme mit der Zuladung hatte hingegen der Motor, was sicherlich auch daran liegt, dass wir mit der Topmotorisierung unterwegs waren – dem Zwei-Liter-Diesel mit 182 PS. Der arbeitet ordentlich und ziemlich unauffällig. Entspanntes Autobahn-Gleiten geht genauso wie die sportlichere Gangart im leichten Gelände. Übertreiben sollte man beides aber nicht – ein SUV ist eben weder richtiger Geländewagen, noch vollwertige Limousine. Und da der Sportage doch verhältnismäßig hoch ist, zeigt er gerade bei höheren Geschwindigkeiten eine leichte Tendenz zum Aufschaukeln. Im leichten Gelände überzeugt dafür der zuschaltbare Allradantrieb: Grundsätzlich ist der Sportage nämlich ein Fronttriebler und damit ein typischer Vertreter mit der derzeit meistverbreiteten SUV-Technik. Die Basis ist ein herkömmlicher Vorderradantrieb. Dazu hat Magna-Steyr eigens Allradkomponenten entwickelt. Es handelt sich um eine so genannte Hang-On-Lösung wie bei fast allen SUV´s mit quer eingebautem Frontmotor. Eine Reiblamellenkupplung sorgt für die Kraftzuteilung an die Hinterräder, wenn die Vorderräder durchdrehen. Schlaue Elektronik gewährleistet dies nahezu verzögerungsfrei.

Bei beiden Gangarten ist der Kia aber kein Verbrauchswunder, möglicherweise ist der Diesel mit dem Wagen doch etwas überfordert – positiv dabei jedoch, der Kia hat eine Start-Stopp-Automatik an Bord, um allzu überbordendem Durst Einhalt zu gebieten. Wie sich der Verbrauch bei den kleineren Motorvarianten bemerkbar macht, können wir hier leider nicht beurteilen.

Ansonsten hat der neue Sportage allerlei nette Extras zu bieten, von denen eines im Alltag  nicht nur am praktischsten ist, sondern auch noch am meisten Spaß macht. Bei allen Premiumherstellern mittlerweile Standard, gewährt der Sportage seinem Fahrer nun auch Einlass ohne das der Schlüssel gezückt werden muss. Und die Zündung per Start-Kopf versprüht einen Hauch von Sportwagen-Luxus. Das alles zu Preisen ab 19.950 Euro. Unsere Topmotorsierung mit guter Ausstattung kostet natürlich etwas mehr und steht für knapp 30.000 Euro beim Händler. Dafür bekommt man aber jede Menge Auto und etwas, wobei europäische Hersteller noch immer hinterher hinken: Ganze sieben Jahre Garantie bieten die Koreaner. Das zeigt vollste Überzeugung fürs Produkt und seine Qualität. Die Käufer honorieren das immer häufiger – zu Recht, wie wir finden. Wenn jetzt noch der Innenraum etwas aufgehübscht wird, haben wir nichts mehr zu meckern. Und wie man aus der Entwicklungsabteilung in Rüsselsheim hört, wird die nächste Generation Motoren noch einmal deutlich effizienter und sparsamer.