Chevrolet Corvette Carbon 65 Edition

10.06.2018 | Christian Sauer | Highlights, Testrides

Bevor die nächste Generation erstmals mit Mittelmotor noch dynamischer werden soll, testen wir die C7 als limitiertes Carbon-65-Sondermodell mit dickem Sauger unter der langen Motorhaube.

Es ist die Fortsetzung des schier endlos scheinenden Duells von US-Boliden gegen den automobilen Rest der Welt, insbesondere gegen die Sportwagenelite aus Deutschland, Italien und Großbritannien. Nein wir machen an dieser Stelle keinen Exkurs in die weltpolitische Großwetterlage, die aktuell ja leider von einem Mann und dessen „America First“-Doktrin dominiert wird. Nein, bei uns spielen wie immer echte Charaktertypen die Hauptrollen. Doch selbst innerhalb der USA fällt es Chevrolet mit der seit 2014 gebauten siebten Corvette-Generation schwer, ihren traditionellen Anspruch auf die Nummer Eins gegen den nicht minder geschichtsträchtigen Erzrivalen Ford GT zu verteidigen. Ob als Renn- oder Straßenversionen scheint die „Vette“ selbst als 765 PS starke ZR1 samt V8-Kompressor unter der langen Motorhaube steht sie oft im Schatten ihres US-Konkurrenten, obwohl der aus lediglich sechs Zylindern und 3,5 Liter Hubraum per Biturbo-Aufladung „nur“ 656 PS rausholt. Ob das Mittelmotor-Konzept ihn unterm Strich tatsächlich schneller macht, werden im Vergleich erst die Rundenzeiten auf der Nordschleife zeigen. Soviel steht aber schon fest – in Sachen spektakuläre Optik liegt der Ford GT in vielen Augen derzeit vorn.

Dabei geizt die Corvette C7 auch nicht mit ihren Reizen. Vor allem als ZR1 und als 659 PS starke Z06 mit dem optionalem Z07 Performance Paket trägt sie vorn, an den Schwellern und am Heck aerodynamisch gebackenes Carbon zur Schau. Dagegen fällt die „normale“ Corvette Stingray in Sachen Optik, Leistung und Dynamik bei aller natürlichen Faszination deutlich ab. Diese Lücke soll seit nunmehr zwei Jahren bekanntlich die Corvette Grand Sport füllen. Sie setzt wie die Einstiegsvariante ebenfalls unverändert auf den 6,2-Liter-V8 ohne Kompressor, aber bedient sich der Karosserie und der Technik darunter von der Z06. Um die Verwirrung komplett zu machen, bringt Chevrolet von der Grand Sport immer wieder neue Sondermodelle mit teils sehr speziellen Farbkombinationen. Es bleibt selbstverständlich stets eine Frage des persönlichen Geschmacks, aber uns gefällt die Carbon 65 Edition anlässlich des 65. Geburtstages der Corvette in „Ceramic Matrix Gray“ besonders gut. Wenn es bei der Lackfarbe schon keine Wahl gibt, können zumindest die blauen Aufkleber und Schriftzüge entfernt werden. Doch wer will das wirklich?

Sie gehören nun mal zum auf weltweit 650 limitierten Sondermodell, das es hierzulande analog zur Z06 Carbon 65 Edition nicht als Cabrio gibt, genauso wie die blauen Brembo-Bremssättel und für viele Käufer wohl auch das optionale Z07 Performance Paket. Für 15.500 Euro extra gibt es dann nämlich Kohlefaser nicht nur ringherum, sondern auch 39,4 cm breite Carbon-Keramik-Bremsscheiben vorn und Michelin Pilot Sport Cup 2 – hinten im Format 335/25ZR20. Während die weichen Schlappen mit extrem wenig Profil auf trockenem Asphalt und bei entsprechender Temperatur wahnwitzig viel Traktion aufbauen, ist jedoch schon bei den ersten Regentropfen höchste Vorsicht geboten. Wer damit tatsächlich in einen Schauer kommt, sollte wirklich schön langsam machen oder die Corvette lieber sicher parken. Zurück auf der Sonnenseite des Lebens wieselt die Grand Sport trotz ihrer 4,51 m Länge und 1.602 kg Leergewicht recht flink durch Kurven. Allerdings kann sie subjektiv nicht an die Handlichkeit der Europa-Referenzen mit Heck- oder Mittelmotor aufschließen. Nichtsdestotrotz hat sich die Plantation der Fahrwerkskomponenten von der Corvette Z06 mit 3,3 cm und 4,3 cm verbreiterter Spur, speziellen Stabilisatoren sowie Federn gelohnt. Die adaptiven Magnetic Ride Control Dämpfer meistern wie auch die Lenkung den schwierigen Spagat zwischen hart und direkt im Track- oder Sport-Modus bis hin zu relativ komfortabel und leichtgängig in Tour, Eco und Weather (Regen).

Während der aerodynamische Feinschliff, die breite(re) Spur und der 2,71 m lange Radstand die Corvette Grand Sport bei hohen Geschwindigkeiten – der steile Heckspoiler reduziert den Topspeed übrigens um zehn auf 280 km/h – wie ein Brett auf der Autobahn kleben lässt, gibt es ein Manko. Wo die Amis doch ansonsten nicht mit elektronischen Gimmicks wie dem Motorstart per Fernbedienung sparen, fehlt weiterhin eine Liftfunktion an der Vorderachse. Um den Carbon-Frontspoiler nicht zu verkratzen oder gar abzureißen, sollten Ausflüge in Parkhäuser und Tiefgaragen gut geplant sein. So vielseitig die Corvette auch ist, sind enge Innenstädte naturgemäß nicht ihr primäres Revier. Dort versucht zwar der Eco-Modus mit Zylinderabschaltung von acht auf vier den Verbrauch zu reduzieren, aber bei offiziell fast zwanzig Liter wird aus dem Sportwagen klassischer Art kein besonders echtes „Green Car“. Lobenswert ist hingegen, dass 95er Super für den 70-Liter-Tank ausreicht und sich der Durst außer Orts tatsächlich auf unter zehn Liter reduzieren lässt. Mit mindestens 13 sollte man jedoch kalkulieren, erst recht, wer dem 6,2 Liter großem Achtzylinder richtig die Sporen gibt.

Dann katapultiert der bewährte Small Block die Grand Sport mit Launch-Control und warmen Semislicks in 3,9 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Im Gegensatz zu modernen Turbos liegen die 630 Nm erst ab 4.600 Umdrehungen an und die 466-Sauger-PS folgen am Ende des Drehzahlbandes bei 6.000 Touren. Heute ist das schon ein seltenes Vergnügen geworden und wird zukünftig wohl komplett aussterben. Die vier armdicken Endrohre der aktiven Auspuffanlage untermalen den gut kontrollierbaren „Rodeoritt“ mit kraftvollem V8-Sound. Richtig tiefes Grollen und Backfire bietet allerdings nur der Track-Modus. Einzeln konfigurierbar sind die diversen Komponenten leider nicht. Keinen Grund zur Kritik bietet hingegen die 8-Stufen-Automatik samt Schaltpaddel, die wir der alternativen 7-Gang-Handschaltung wegen der teils lang übersetzten Gänge vorziehen. Neben dem analogen Tacho liefern 8 Zoll große digitale Instrumente in je nach Fahrmodus zahlreiche Infos. Gleiches gilt für das Head-up-Display im direkten Blickfeld. Digital mit umfangreicherer Konnektivität modernisiert, präsentiert sich das MyLink Infotainment-System inklusive dem 10-Lautsprecher-System von Bose und 8-Zoll-Display, das elektrisch herunter gefahren einen „Safe“ frei gibt. Während Kameras nach hinten und nach vorn beim Rangieren helfen sowie per optionalem Performance Data Recorder die eigene Fahrt samt Fahrdaten auf SD-Karte aufzeichnen können, fehlen an Bord wichtige Assistenzprogramme beispielsweise zum Abstand- oder Spurhalten.

In welchem der 650 Exemplare der Carbon 65 Edition wir sitzen, zeigt eine Plakette auf der breiten Mittelkonsole. Bedauerlicherweise sparen die Chevrolet-Manager genau an dieser Stelle immer noch ein paar Dollar für hochwertigen Kunststoff – schade, denn ansonsten punktet das recht übersichtliche Cockpit mit ansprechender Verarbeitung und Materialqualität. Weitläufig trifft Alcantara mit blauen Nähten auf schwarzes Carbon unter anderem am handlichen Lenkrad und den hervorragenden Competition-Sportsitze. Diese sind mit Nappaleder bezogen, großzügig geschnitten, elektrisch verstellbar, beheizbar und belüftet. Sie bieten bei sehr gutem Seitenhalt zugleich aber auch viel Komfort für lange Etappen. Dafür prädestiniert zeigt sich ebenfalls das 287 Liter große Gepäckabteil unter der Heckscheibe. Dort lassen sich sogar große Koffer oder Getränkekiste locker verstauen. Selbst wenn das leichte Targa-Dachteil aus Carbon, das sich mit wenigen Handgriffen sogar von einer Person allein abnehmen oder einsetzen lässt, im Heck fest fixiert wurde, bleibt noch überraschend viel Platz für Trolleys & Co. Wir finden es erstaunlich und schade, dass nahezu alle anderen Hersteller außer Chevrolet bei der Corvette auf diese traditionsreiche Dachvariante zu Gunsten (elektrischer) Cabrioverdecke verzichten.

Wer auch so viel Frischluft und Fahrspaß wie wir in unserem Testwagen erleben will, muss sich beeilen, um eins der wenigen limitierten Sammlermodelle in Deutschland zu bekommen. Wer sucht, findet dennoch einige Exemplare, die sogar vollausgestattet den Listenpreis von 134.850 Euro deutlich unterbieten. Damit gehört die Corvette Grand Sport Carbon 65 Edition unter den Sportwagen zu den besten „Schnäppchen“, die man(n) sich derzeit eigentlich nicht entgehen lassen sollte. Der neue Ford GT wird für die meisten PS-Junkies sowieso ein Traum bleiben, ob oder wann eine neue Viper kommt fraglich und vergleichbare Europäer deutlich teurer. Also warum nutzen wir nicht die Chance und holen uns die letzte Corvette mit Frontmotor?

Chevrolet Corvette Stingray Cabrio Fahrbericht