Cadillac Escalade Platinum – America first

24.05.2017 | Christian Sauer | Testrides

Auf in den wilden Westen mit dem luxuriösesten SUV „Born in the USA“. Der V8-Koloss soll mit der Top-Ausstattung Platinum ein All Inclusive Erlebnis bieten – doch wie macht sich der XXL-Ami in Good Old Germany?


Ist er das Relikt einer vergangenen Zeit oder gerade jetzt passend zu Donald Trump’s Motto „Let make America great again!“ das Comeback einer mächtigen Supermacht? Zumindest reichen seine Wurzeln bis ins Jahr 1999 zurück und von Generation zu Generation wurde er immer größer. Sogar zum Luxus-Pickup verwandelte General Motors das US-Flaggschiff. Mit dem Machtwechsel 2014 verschwand diese Variante zwar wieder aus dem Programm, aber dafür wird die vierte Generation nun auch hierzulande als noch längere ESV-Edition angekommen, deren zusätzlichen 50,8 cm vor allem der dritten Sitzreihe und dem Kofferraum zu Gute kommen.

Doch schon neben unserer „kurzen Variante“ mit 5,17 m Länge sehen selbst Midsize-Pickups aus Asien oder Europa „klein“ aus. Bei 2,06 m Breite und 1,89 m Höhe gerät jeder Ausflug in hiesige Innenstädte zum Abenteuer. Also lieber auf in den „Wilden Westen“ und wer sich den langen Transatlantikflug sparen will, kann auch in den Harz kommen. Im Herzen Deutschlands liegt nämlich Pullman City, die „Lebende Westernstadt“ mit Indianern, Cowboys, Kutschen, Pferden, Langhornrindern und Bisons.


Mächtig und selbstbewusst streckt der Cadillac Escalade seinen „Kopf“ in den Wind. In der Sonne strahlen der Galvano Chrom-Kühlergrill und die senkrechten Voll-LED-Scheinwerfer tags wie nachts, die mit den für Cadillac typischen Dach-hohen LED-Lichtbändern am eckigen Heck ihr Derivat finden. Dazwischen liegen über fünf Meter Auto mit 22 Zoll großen Rädern, die trotz ihrer beeindruckenden Dimensionen fast „zu klein“ wirken sowie elektrisch ausfahrende Trittbretter zum bequemeren Ein- und Aussteigen.

Hinter der riesigen elektrischen Heckklappe mit separat öffnender Heckscheibe fällt im bis zu 2.668 Liter großem Kofferraum (kurze Version) zuerst die leider hohe Ladekante auf. Der Grund dafür sind die serienmäßigen Zusatzsitze in der dritten Reihe. Während bei der langen ESV-Version mit 35,5 cm mehr Radstand genug Platz für Erwachsene bleiben soll, wird es in unserem Testwagen überraschender Weise doch recht eng. Dafür sind sie elektrisch umklappbar, ebenso wie die beiden Einzelsitze in der zweiten Reihe, wo von Platznot keine Spur ist.

Die bequemen Sessel mit Armlehnen und Sitzheizung sind vielleicht sogar die besten Plätze an Bord, denn mehr seitlicher Freiraum dazwischen geht kaum und dazu gibt es zwei eigene DVD-/Blu-Ray-Player samt 7-Zoll-Displays in den Kopfstützen. Zusätzlich unterhält hinten ein ausklappbares 9-Zoll-Display, das an das Infotainmentsystem gekoppelt ist. Leider gibt es keinen TV-Tuner, aber dafür zahlreiche Anschluss- und Lademöglichkeiten inklusive 230V-Steckdose.

In Europa wird der Escalade ausschließlich in den Ausstattungslinien Premium und wie bei unserem Testwagen noch luxuriöser als Platinum angeboten. Und tatsächlich versprechen die Bezeichnungen nicht zu viel, denn im Vergleich zu anderen aktuellen oder früheren US-Cars präsentiert sich der Cadillac qualitativ hochwertig(er), wenn auch immer noch nicht ganz auf dem Referenzniveau europäischer Luxus-SUVs. Echtes Holz, von Hand gefertigte Ziernähte und das mit feinem Leder bezogenes Armaturenbrett sind Details, die anspruchsvollen Kunden auch hierzulande gefallen.

Ein Kühlfach zwischen den Sitzen, groß genug für ein Sixpack sucht man(n) bei europäischen Wagen nahezu vergebens. Die breiten 18-fach elektrisch einstellbaren Sitze vorn mit Beheizung, Belüftung (einstufig) und verschiedenen Massageprogrammen sind zum Glück nicht zu weich. Leider sind die Sitzflächen in der Länge nicht einstellbar und die Kopfstützen nicht körpergerecht, sondern zu weit weg. Dafür lassen sich zusätzlich zum beheizbarem Lenkrad auch die Entfernung der Pedale zu den Füssen elektrisch verstellen.

Da die Orientierung selbst mit den riesigen Außenspielen und dem vergleichsweise zierlichen Innenspiegel nicht leicht fällt, helfen die 360-Grad-Kameras und der Einparkassistent. Das an sich gute und moderne 8-Zoll-Touchscreen-Infotainment kennen wir bereits aus anderen Modellen des GM-Konzerns und finden es immer wieder ärgerlich, weil sich das Navi während der Fahrt „zur Sicherheit“ nur per Sprache bedienen lässt. Das bassstarke Bose-Surround-Soundsystem mit 16 Lautsprechern kann dank der Bose-Active Noise Cancellation zur aktiven Geräuschreduzierung und aufwendiger(er) Dämmung mit laminiertem Akustikglas sowie richtig auftrumpfen.

Der Fahrer schaut auf 12,3 Zoll große Digital-Instrumente das farbige Head-up-Display mit konfigurierbaren Inhalten. Im Gegensatz dazu wirkt die typisch amerikanische Lenkradschaltung der 6-Gang-Automatik nicht fortschrittlich, sondern anders als beispielsweise bei der S-Klasse von Mercedes-Benz sehr grob und unhandlich. Zudem muss das weich schaltende Getriebe ohne Paddel am Lenkrad oder eine andere Möglichkeit des manuellen Eingriffs auskommen. Und auch auf Kickdown-Befehle reagiert der Escalade unwillig, aber eigentlich braucht der mächtige V8 auch keine hohen Drehzahlen. Meistens wird entspannt und ruhig bei knapp über 1.500 Touren gecruist.

Doch wenn es darauf ankommt, werden aus üppigen 6,2 Liter Hubraum stolze 610 Nm Drehmoment bei 4.100 geschöpft und wer doch noch höher dreht, erreicht bei 5.600 dann die maximale Leistung von 426 PS. Es sind also eher die Kraftreserven, die seinen besonderen Charakter und Reiz ausmachen. Selbst eine Anhängerlast von bis zu 3,1 Tonnen sind für ihn kein Problem. Wer das Gas doch mal stärker durchtritt, wird zum einen mit voluminösen V8-Blubbern und Bollern und zum anderen mit einer Beschleunigung aus dem Stand auf 100 km/h in 6,7 Sekunden belohnt. Offiziell wird das (leer) wiegende 2,75-Tonnen-Geschoss elektrisch bei Tempo 180 abgeriegelt – bei unserem Testwagen stoppte der Tacho erst bei 187 km/h. Aber so schnell will man auch eigentlich gar nicht mit ihm rasen.

Dann leert sich der 98-Liter-Tank nämlich zusehends und auch die automatische Zylinderabschaltung hilft nicht mehr, die bei nicht vollem Kraftabruf den offiziellen Durchschnittsverbrauch auf 13,1 Liter drückt. Obwohl der aktuelle Escalade schon rund zehn Prozent genügsamer als der Vorgänger sein soll, bleibt er mit offiziell 302 g CO2 pro Kilometer derzeit einer der umweltfeindlichsten PKWs überhaupt. Schade finden wir an dieser Stelle, dass ihn Cadillac weder als (Plug-in-)Hybrid, noch als sportliche V-Version analog den ATS- und CTS-Braureihen anbietet.

Allerdings würde es eine im wahrsten Sinn des Wortes „riesige“ Herausforderung darstellen, passend zur noch höheren Leistung das Fahrwerk auf Dynamik zu trimmen. Geradeaus ist aktuell kein Problem, aber wenn Kurven in Sicht kommen, stelle sich bei uns unwillkürlich ein unwohles Gefühl ein. Die Seitenneigung nimmt merklich zu und wie ein Schiff segelt der Straßenkreuzer durch die Kurve. Hier kann er eben weder sein Gewicht noch seine Größe verleugnen. Dabei besitzt er sogar einen Sport-Modus, bei dem das Fahrwerk mit adaptiven Magnetic-Ride-Dämpfern spürbar straffer und die Lenkung zumindest fester, wenn auch nicht wesentlich direkter wird. Ansonsten fährt er sich komfortabel. Um jedoch mit Luxus-Luftfahrwerken à la Audi Q7, Bentley Bentayga, Mercedes-Benz GLS oder Range Rover mithalten zu können, reicht die Sensibilität im Tour-Modus nicht aus.

Auch in Sachen Assistenz- und Sicherheitssystemen spielt der Cadillac vorn, aber nicht ganz vorn mit. Es gibt zwar einen adaptiven Tempomat und einen Spurhalteassistenten, aber beispielsweise keine Verkehrszeichenerkennung. In Europa wird der Escalade ausschließlich mit Allradantrieb verkauft, der automatisch oder manuell aktiviert werden kann. Damit werden Ausflüge in die Prärie, aber bedingt durch seine Abmessungen nicht ins schwere Gelände möglich. Wichtiger in seinem Segment sind allerdings Möglichkeiten zur Individualisierung. Außer den verschiedenen Lacktönen wie unserem Perlmutt-Weiß für 1.500 Euro extra gibt es bei der vollausgestatteten Platinum-Ausstattung für 114.000 Euro lediglich die Wahl zwischen brauner oder schwarzer Lederausstattung. Wenn auch zum teils deutlich höheren Preis bieten die Konkurrenten mehr Möglichkeiten und hinzu kommen zukünftig ja auch noch der BMW X7 und der neue Lincoln Navigator.

Dabei wächst die Konkurrenz selbst im eigenen Haus: Cadillac fährt derzeit eine Modelloffensive mit dem kompakte(re)n SUV XT5 und der Luxuslimousine CT6, die auch mit Blick auf Europa konzipiert wurden. Die amerikanische Traditionsmarke lebt und wird hoffentlich noch lange weiter den „American Way of Driving“ über den großen Teich exportieren.