Das Maß der Dinge: Bugatti Veyron 16.4 Super Sport

28.09.2013 | Christian Sauer | Testrides

Bugatti Veyron Super Sport Drivers Club Germany

Während der Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord für offene Seriensportwagen aufstellte und der Streit um den Titel des schnellsten Serienauto der Welt zwischen dem Bugatti Veyron 16.4 Super Sport und dem amerikanischen Underdog Hennessey Venom GT weiter geht, besuchte Drivers Club Germany Chefredakteur den Stammsitz von Bugatti im eslässischen Molsheim und erlebte eine surreale Grenzerfahrung mit 1.200 PS !!!

Im französischen Molsheim, nahe des Straßburger Flughafens am Rande des 10.000 Einwohnerortes baute der Namensgründer Ettore Bugatti schon seit Anfang des vorherigen Jahrhunderts seine legendären und inzwischen nahezu unbezahlbaren Automobilen. Gleich neben den Fabrikgebäuden residierte er mit seiner Familie im Château Saint Jean. Heutzutage präsentiert es sich ebenso aufwendig rekonstruiert wie die ehemaligen Stallungen und die anderen historischen Gebäude auf dem privaten Parkgelände. Nach dem glücklosen Versuch, Anfang der 1990er Jahre mit dem 560 PS starken EB 110 die Geschichte von Bugatti fortzuschreiben, nahm sich der VW-Konzern der der Namensrechte an. Der geniale wie technik-begeistere Konzernlenker Ferdinand Piëch erkannte das Potential der einstigen Traditionsmarke. Das Firmengelände neben dem Schloss wurde um mehrere Hektar vergrößert und nach nur einem Jahr Bauzeit um das „Atelier“ im modernen halbrunden Design erweitert.

Geradezu surreal wirkt die Szenerie, denn nur wenige Meter von friedlich und ungestört im Park grasenden Rehen entfernt, öffnet sich für uns das Tor zum Allerheiligsten. Im Inneren des Ateliers herrscht zwar ebenfalls Ruhe und Gelassenheit, aber auf eine gänzlich andere Art. Von weniger als 100 Mitarbeitern wird hier in Handarbeit der Veyron gefertigt. Seit 2005 verließen insgesamt erst knapp 300 Exemplare dieses Gebäude und wurden in Molsheim an die Eigentümer übergeben, die oft per Helikopter anreisen. Selbst der lange Weg über den Atlantik oder aus Fernost ist einigen von ihnen für einen kurzen Besuch nicht zu weit, um bei der Hochzeit von Motor und Chassis dabei zu sein oder an der Seite von Pierre-Henri Raphanel bei der finalen Testfahrt dabei zu sein. Er, der den Veyron besser als jeder andere Mensch kennt und den Weltrekord aufgestellt hatte, ist inzwischen selbst berühmt geworden und fungiert zudem als Markenbotschafter für Bugatti.

 

Ob das der Grund ist, warum er so vom Veyron schwärmt? Sicher nicht, denn die Begeisterung überträgt sich schnell auf uns. Die Sorgfalt und der Aufwand, der betrieben wird, sind einmalig in der Automobil-Welt. In einer nahezu klinisch reinen Umgebung findet im Atelier die Montage der einzelnen Komponenten statt, die wie das mächtige Triebwerk teils vor- oder fertigmontiert angeliefert werden. Sämtliche Bauteile unterliegen den höchsten Qualitätsansprüchen. Selbst bei den Schrauben hört der Perfektionismus nicht auf: Aus Titan gefertigt, sind sie nicht nur extrem leicht und stabil, sondern auch teuer – über 50 Euro ist eine davon wert. Unabhängig vom Zustand werden sie nur einmalig verwendet und nach dem Entfernen aussortiert. Derartige Sicherheitsmaßnahmen finden sich ansonsten nur in der Luft- und Raumfahrt wieder. Sie sind auch ein Grund, warum das Zusammenfügen aller Bauteile eines Veyron bis zu fünf Wochen in Anspruch nehmen kann. Selbst wenn nur ein winziges Detail nicht zu 100 Prozent die Vorgaben erfüllt, nehmen sich die Experten zusätzlich Zeit dafür und zwar so viel, wie nötig ist.

So tauschten sie beispielsweise an dem Grand Sport vom Genfer Salon die komplette Fahrzeugtür für einen fünfstelligen Betrag aus, da einige Messebesucher dem Wagen zu nah gekommen waren und winzig kleine Kratzer hinterlassen hatten. Raphanel und seine Kollegen sind zu Recht stolz auf die einzigartigen Details wie dem wohl exklusivsten Regenschirm der Welt, der überwiegend aus Karbon gefertigt, als Regenschutz für den Grand Sport bei unvorhergesehenen Schauern dient. Anders als es bei der enormen Leistung zu erwarten sein könnte, schreckt dessen Innenraum nicht mit der spartanischen Atmosphäre eines Rennwagens ab, sondern bietet das luxuriöse und komfortable Ambiente eines klassischen GTs. Das nimmt uns ein wenig die Ehrfurcht, als der lang ersehnte Moment der Testfahrt gekommen ist.