Bugatti Chiron knackt 300 mph-Grenze

02.09.2019 | Christian Sauer | News

Erstmals fährt ein seriennahes Auto schneller als 300 mph – also über 480 km/h.

Weltrekord für Bugatti: Ein Vorserienfahrzeug eines Bugatti Chiron Derivats durchbricht als erster Hypersportwagen die magische 300-Meilen-pro-Stunde-Grenze (482,80 km/h). Gleichzeitig stellt Bugatti mit 304,773 mph (490,484 km/h) einen neuen TÜV-zertifizierten Geschwindigkeitsrekord auf.

„Bugatti hat einmal mehr gezeigt, wozu wir in der Lage sind. Mit diesem neuen Rekord des Chiron betreten wir erneut absolutes Neuland. Nie zuvor hat ein Serienhersteller diese hohe Geschwindigkeit erreicht“, sagt Stephan Winkelmann, Präsident von Bugatti. „Unser Ziel war es die magischen 300 Meilen pro Stunde zu erreichen, als erster Hersteller überhaupt. Das haben wir nun geschafft und macht uns, die gesamte Mannschaft, und mich, unheimlich stolz.“ Gleichzeitig war es für Bugatti die letzte Rekordfahrt. „Wir haben mehrfach gezeigt, dass wir die schnellsten Autos der Welt bauen. Künftig legen wir unseren Focus auf andere Bereiche“, sagt Winkelmann.

Der Rekord-Fahrer

Le-Mans-Gewinner und Bugatti-Testfahrer Andy Wallace erreichte die Spitzengeschwindigkeit von exakt 490,484 km/h (304,773 mph) am 2. August 2019 auf der Test- und Prüfstrecke in Ehra-Lessien in Niedersachsen. „Eine Wahnsinnsgeschwindigkeit. Eigentlich unvorstellbar, dass ein Auto das schafft. Aber der Chiron war gut vorbereitet, ich habe mich sehr sicher gefühlt, selbst in diesen hohen Geschwindigkeitsbereichen“, sagt Andy Wallace. Er tastete sich ab 300 km/h in 50-km/h-Schritten an den Topspeed heran, um zu sehen, ob alle Bedingungen stimmen und der Chiron optimal beim Auf- und Abtrieb ausbalanciert ist. „Schon beim ersten Versuch habe ich gespürt, dass das klappt. Der Chiron lief perfekt und die Strecke sowie die Wetterbedingungen waren ideal. Das ganze Team hat einen fantastischen Job gemacht“, sagt Wallace überglücklich.

Nach einer Runde, um den Chiron zu konditionieren, beschleunigte Andy Wallace aus der Nordkurve heraus auf 200 km/h, um auf der dann 8,8 Kilometer langen Geraden auf Höchstgeschwindigkeit zu gelangen. Bei einem vorher genau definierten Bremspunkt verzögerte er den Chiron wieder auf 200 km/h, um durch die Südkurve zu fahren. Dafür hatte er zwei Kilometer Platz. „Ab dem Start habe ich Vollgas gegeben, ungefähr 70 Sekunden lang. Wichtig war, dass ich ab 200 km/h aus der Kurve raus bin, um auf der Geraden die Höchstgeschwindigkeit zu erreichen. Das verlangt höchste Konzentration“, sagt der neue Rekordhalter. In einer Sekunde legte er 136 Meter zurück. Es ist nicht das erste Mal, dass Andy Wallace einen Geschwindigkeitsrekord aufstellt: 1998 fuhr der Brite im McLaren F1 mit 391 km/h (243 mph) auf gleicher Strecke schon einen Rekord ein.

Der Weltrekord-Chiron

Für den Weltrekord bereitete ein Team von Ingenieuren aus verschiedenen Fachbereichen unter der Leitung des Bugatti-Entwicklungschefs Stefan Ellrott ein Vorserienfahrzeug eines Bugatti Chiron Derivats vor. Neben aerodynamischen Verbesserungen legten die Spezialisten großen Wert auf Sicherheit. Andy Wallace wurde von Sechs-Punkt-Gurten festgehalten, eine zusätzliche Sicherheitszelle schützte ihn außerdem

Dabei unterstützte das Bugatti-Team der italienische Rennspezialist Dallara aus Italien sowie der Reifenhersteller Michelin. „Ihr Fachwissen floss direkt in das Projekt ein. Ohne unsere Partner wäre der Rekord nicht möglich gewesen“, sagt Willmann. Der langjährige Reifenpartner Michelin sorgte für den nötigen Grip und die Stabilität. Die schon beim Chiron verwendeten Michelin-Hochgeschwindigkeitsreifen wurden nochmals verstärkt um den 5300 G Stand zu halten und trotzdem die Straßenzulassung zu behalten. Denn in einer Minute drehen sich die Reifen bis zu 4.100 Mal. Bei aufwändigen Prüfstandtests in den USA wurden die Reifen bis zu einer Geschwindigkeit von bis zu 511 km/h getestet. Hohe Qualitätskontrollen auch nach der Produktion: Jeder Reifen wurde geröntgt, um kleinste Unregelmäßigkeiten auszuschließen. Erst direkt vor der Rekordfahrt bekam dieser Supersportler die optimierten Michelin Pilot Sport Cup 2 Reifen montiert.

Auf dem Prüfstand testeten die Bugatti-Ingenieure außerdem vorab bei verschiedenen Manövern die Leistung des Motors sowie das Zusammenspiel von Motor, Getriebe und Fahrwerk. Kleinste Veränderungen bewirken in diesem Geschwindigkeitsbereich große Effekte. „Nach allen Berechnungen und Tests waren wir uns sicher, dass es mit dem Rekord klappen muss. Die Technik hatten wir frühzeitig unter Kontrolle. Aber ein Weltrekordversuch auf offener Strecke kann ein paar Überraschungen bereithalten. Wir hatten heute Glück und alles hat gepasst“, sagt Entwicklungschef Stefan Ellrott überglücklich.

Die Rekordstrecke

Die Hochgeschwindigkeitsstrecke Ehra-Lessien in Niedersachsen liegt 50 Meter über Normalnull, fast auf Meeresspiegel-Niveau. Im Gegensatz zu höhergelegenen Hochgeschwindigkeitsstrecken wie in Nevada sorgt das allerdings für Nachteile. Durch die höhere Luftdichte muss das Fahrzeug mehr Kraft aufbringen, fährt bei hohen Geschwindigkeiten von über 400 km/h wie gegen eine Wand. „Luftdruck, Luftdichte und Temperatur sind bei Hochgeschwindigkeitsfahrten sehr wichtig und machen je nach Höhenlage bis zu 25 km/h aus“, sagt Stefan Ellrott. Dennoch entschied sich das Team für die Versuchsstrecke in Ehra-Lessien.

„Ein Weltrekordversuch mit so einer extremen Geschwindigkeit von über 400 km/h bringt ein gewisses Risiko mit sich. Alles muss stimmen, das Auto, das Wetter und die Strecke. Ehra-Lessien bietet die größtmögliche Sicherheit, deshalb haben wir uns für diese Strecke entschieden“, sagt Stefan Ellrott. Es ist der einzige Ort weltweit, an dem die Sicherheitsstandards bei Hochgeschwindigkeitsversuchen so hoch liegen. Die insgesamt 21 Kilometer lange dreispurige Schnellfahrbahn wird von Leitplanken umsäumt, am Nord- und Südende stehen Rettungskräfte bereit. Die Fahrbahn wurde vor dem Fahrversuch mit speziellen Matten gereinigt, um Steine oder Split aufzunehmen. „Die Sicherheit des Fahrers steht bei uns an erster Stelle. Wir haben im Vorfeld alles unternommen, um das Risiko zu minimieren“, sagt Ellrott.

Die Rekordfahrt zeichnete eine verplombte GPS-Box auf, das Zertifikat stellte die SGS-TÜV Saar aus. Damit steht seit August 2019 fest: Bugatti ist als erster Hersteller mit 304,773 mph schneller als 300 mph gefahren.

Es ist nicht der erste Weltrekord von Bugatti auf dieser Strecke mit einem Chiron. 2017 fuhr der ehemalige Formel-1-Fahrer Juan Pablo Montoya auf der Teststrecke in einem Chiron von 0 auf 400 auf 0 km/h mit 41,96 Sekunden die bis dahin kürzeste Fahrt. Mit dem Veyron 16.4 stellte Bugatti 2005 und 2010 Geschwindigkeitsrekorde für Serienfahrzeuge auf, 2013 mit dem Veyron Grand Sport Vitesse als schnellstem Roadster.

„Jetzt hat Bugatti als erster die Grenze von 300 Meilen pro Stunde überschritten. Eine unglaubliche Leistung, die zeigt wozu die Frauen und Männer von Bugatti fähig sind. Dies war jedoch das letzte Mal für uns. Als erster, der die 300 Meilen pro Stunde übertrifft, hat Bugatti seinen Namen in die Geschichtsbücher geschrieben – das bleibt für immer“, sagt Stephan Winkelmann.

Entgegen der landläufigen Meinung definieren sich Hypersportwagen nicht nur durch ihre erstklassige Leistung. „Wir haben mit dem Weltrekord erneut gezeigt, dass Bugatti immer noch die schnellsten Autos der Welt baut, wahre Supersportler. Aber unsere Fahrzeuge können noch mehr. Sie bieten absolute Exklusivität, Luxus, unerreichte Schönheit und hohe automobile Kunstfertigkeit. Der Bugatti ist der einzige Hypersportwagen, der all diese Eigenschaften in einem Fahrzeug vereint. Darauf werden wir uns in Zukunft noch stärker konzentrieren, auf weitere spannende Projekte“, sagt Stephan Winkelmann. Dafür steht Bugatti seit 110 Jahren.