BMW M5 Testdrive

29.07.2018 | Christian Sauer | Highlights, Testrides

Wir testen die neueste Auflage der Sportlimousine mit 600 PS starkem V8-Turbo und erstmals Allradantrieb.

Per Launch Control in 3,4 Sekunden auf Tempo 100, 11,1 Sekunden bis 200, 600 PS und 750 Nn produziert vom lautstarken V8-Biturbo unter einer Carbon-Abdeckung, Carbon-Dach, Carbon-Keramik-Bremsen von Brembo, programmierbare Fahrprogramme am kleinen dicken Lenkrad – das alles klingt nach einem reinrassigen Sportwagen. Aber Allradantrieb, die neuesten Komfort- und Sicherheitsassistenten, viel Platz für vier, 530 Liter Kofferraum – vielleicht doch eher ein Hochleistungs-SUV? Jedoch sprechen die Höchstgeschwindigkeit von 305 km/h und Nordschleifen-Rundenzeit mit 7.38 Minuten auf Ferrari-458-Niveau dagegen und stattdessen für eine Sportlimousine – und was für eine!

Was 1985 mit dem M5 der Baureihe E28S und 286 PS vom 3,5-Liter-Reihensechszylinder des M1 begann, später zwischen 2005 und 2010 mit dem M5 E60/E61 samt 5,0 Liter großem und 507 PS starkem Zehnzylinder-Sauger seinen für viele Fans emotionalen Höhepunkt fand, führte Downsizing und immer bessere Turboausbeute bei der letzten Generation F10 zum 4,4-Liter-V8 samt 600 PS im Sondermodell M5 „30 Jahre“. Also jetzt in der fünften Auflage keine Verbesserung? Von wegen – der Achtzylinder mit Twin-Scroll-Doppelturbo-Aufladung, zylinderbankübergreifenden Abgaskrümmer, Benzin-Direkteinspritzung und vollvariabler Ventilsteuerung („Valvetronic“) steigert sich bei unverändert 4,4 Liter Hubraum jetzt in der „normalen“ Version um 50 auf 750 Nm und im M5 Competition auf 625 PS.

Neben den nackten Fakten und Zahlen begeistert die bullige Kraft, die scheinbar direkt am Gasfuß hängt. Der Antritt ist atemberaubend, genauso wie der über jeden Zweifel erhabene Durchzug und die schier endlosen Kraftreserven. Die optionale Sportauspuffanlage untermalt diese automobile Orgie auf Wunsch per Setup mit starkem, tiefem Sound aus vier Endrohren. Anstelle einer 6-Gang-Handschaltung oder eines 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebes wie beim Vorgänger kommt nun eine noch schneller und geschmeidiger schaltende Achtgang-Wandlerautomatik zum Einsatz. Die eigentliche Revolution stellt jedoch der Allradantrieb dar!

Während die härtesten Rivalen Audi RS6 Performance / RS7 Performance und AMG E63 S 4MATIC+ schon länger alle vier Räder antreiben, galt beim M5 und seinen Münchner Verwandten seit vier Jahrzehnten ausnahmslos Heckantrieb als das ultimative Antwort auf Fragen nach Fahrdynamik und -spaß. Irgendwann lässt sich die stetig wachsende Kraft aber kaum oder nur noch mit extremen Regeleingriff der Elektronik verwalten. Also nun doch Allrad auch beim M5 – jedoch folgt das 5er Topmodell nicht einfach seinen Konkurrenten, sondern will mit dem 2WD-Modus (s)einen Reiz für ambitionierte Piloten behalten bzw. einen neuen bieten.

Abseits von spektakulären Drifts und qualmenden Reifen lässt der intelligente M XDrive samt Sport-Modus und bis zu 100-prozentigem Sperrdifferential die Herzen von „Racern“ höherschlagen. Dank fast unglaublicher Traktion und zauberhaftem Grip der Pirelli P Zero carvt der fast zwei Tonnen schwere M5 durch jede Art von Kurven mit spielerischer Leichtigkeit. Es wirkt, als ob ihn nichts aus der Fassung bringen könnte. Zu immer höherem Speed verleiten die extreme Gutmütigkeit und das hohe Sicherheitsniveau – gerade im Vergleich zu reinrassigen Sportwagen, die das ausschließlich in der Hand sehr erfahrender Piloten und mit höchster Konzentration und/oder Schweißperlen auf der Stirn schaffen.

Zum perfekten Gesamtpaket gehören die direkte und präzise Lenkung sowie die brachiale Verzögerung der 8.800 Euro kostenden Spezialbremsen. Im wahrsten Sinn des Wortes „schnell“ fährt man sich in einen Rausch von atemberaubendem Sprint, nicht minder beeindruckenden Bremsen, wahnwitzige Handlichkeit in Kurven und phänomenales Herausbeschleunigen. Dafür lassen sich alle wichtigen Komponenten einzeln in mehreren Stufen konfigurieren bzw. kombinieren und auf die beiden M-Knöpfe am Lenkrad programmieren. Das macht nicht nur auf der Rennstrecke oder Landstraße Sinn, sondern vor allem auf der Autobahn. So lässt sich die volle Motorleistung beispielsweise mit jeweils weniger direkter Lenkung und harter Federung verbinden.

Alles auf Komfort gestellt, lässt sich der M5 trotz den 20-Zöllern mit 285er Pneus wirklich entspannt bewegen. Einzig der Langsamfahrkomfort auf schlechten Straßen lässt noch Wünsche offen. (Fast) Wunschlos glücklich macht uns die Ausstattung bzw. Ausstattungsmöglichkeiten. An Bord unseres Testwagens sind Extras für über 20.000 Euro verbaut. Je nach Investment profitiert der M5 von Technik-Features, die vom 7er übernommen wurden. Zum Beispiel zeigt der farbige Touchscreen-Schlüssel die verbleibende Reichweite, ob alle Fenster und Türen geschlossen sind und die Standheizung lässt sich bedienen. Doch was hebt den stärksten und mit 117.900 Euro Grundpreis teuersten 5er von seinen Verwandten ab?

Die legendären M-Farben blau, rot und weiß sind omnipräsent, sei es in Form von Logos oder gegen Aufpreis sogar auf den Sicherheitsgurten. Im perfekt verarbeiteten Innenraum bieten die M Multifunktionssitze zahlreiche Einstellmöglichkeiten und entsprechend Seitenhalt. Optional lassen sich auch Belüftung und Massagefunktion integrieren. Das wie beschrieben, kleine und dicke M Dreispeichenlenkrad wärmt auf Wunsch die Hände. Es versteht sich fast schon von selbst, das ebenfalls das Head-up-Display einen M-Modus mit speziellen Sportanzeigen bietet. Gleiches gilt für das Infotainment-System, das sich zusätzlich per iDrive Touch Controller auch direkt über den 10,25 Zoll große Touchscreen bedienen lässt.

Außen geizt der M5 ebenfalls nicht mit Insignien seiner Macht, sei denn, Selbstständige oder andere Interessenten mit aufgeprägten Understatement wählen die Typenbezeichnung und M-Logos ab. In diesen Fällen ziehen die goldenen Bremssättel sowie das typische M-Blau „Marina Bay“ die Blicke auf sich. Und wem die Carbon-Motorabdeckung für satte 1.200 Euro noch nicht reicht, bekommt über das Performance-Part-Programm zusätzliches „schwarzes Gold“ für außen und innen. Also wunschlos glücklich? Na ja, Anders als Audi mit dem RS6 oder Mercedes-AMG mit dem E 63 bieten die Bayern den M5 schon seit 2010 nicht mehr als Kombiversion an. Wer noch mehr Praktikabilität sucht, kann beim BMW-Händler doch einen X5 M oder X6 M ordern. Doch mit der internen Konkurrenz nicht genug, wird sicher der nächste M4 seinen größeren Bruder noch näher rücken und mit dem M8 steht bereits das neue Flaggschiff in den Startlöchern. Das Wettrüsten ist also keineswegs beendet!