Automobiler Country-Club: Bilster Berg Drive Resort

09.06.2013 | Christian Sauer | News

Bilster Berg Drive Resort Drivers Club Germany

Drivers Club Germany Chefredakteur Christian Sauer sprach mit Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff über seine Vision einer neuen (Renn)Strecke mitten in Deutschland, die nun Realität wurde und drehte bereits die ersten Runden.

Der Bilster Berg ist ein an sich eher unspektakulärer Hügel nahe des Kurortes Bad Driburg, zwischen Paderborn und Kassel gelegen. Auf Landkarten suchte man bislang vergeblich danach, denn im Kalten Krieg wurde hier ein Munitionslager errichtet und bis in die 90er Jahre von der NATO genutzt. Seitdem ruhte das 84 Hektar große, ehemalige Sperrgebiet im Dornröschenschlaf. Doch Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff und seine Geschäftspartner hauchten dem Bilster Berg neues Leben ein. Wo sich bis vor kurzem noch Fuchs und Hase gute Nacht sagten, entstand eine der modernsten Rundstrecken Europas.

Doch der Weg dorthin war lang und schwierig: Im April 2005 unternahm Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff und eine Radtour auf den Bilster Berg und erkannte das Potenzial des Geländes. Die Planungs- und Genehmigungsphase dauerte über sechs Jahre und mehrere Einsprüche von Anwohnern benachbarter Gemeinden sowie Umweltschutzorganisationen drohten, das ehrgeizige Projekt zum Scheitern zu bringen. Dabei war Nachhaltigkeit von Beginn an ein entscheidender Aspekt des gesamten Projektes. Man legte Ausgleichsfläche an und nutzte möglichst viel der bereits vorhandenen Infrastruktur. Komplett neu gebaut mussten nur wenige Streckenteile wie die „Mausefalle“. Bei einem früheren Besuch rutschten wir dort noch mit dem Allradler des Grafen fast senkrecht durch die frische Waldschneise die Tiefe. Einen Offroad-Parcour wird es auch weiterhin geben, aber die eigentliche Attraktion ist die 4,2 km lange Asphaltstrecke nebenan. Mit 44 Kuppen und Wannen, 19 Kurven, 26 Prozent Gefälle und 21 Prozent Steigung weist der Rundkurs pro Kilometer sogar mehr Höhenunterschied auf als die legendäre Nordschleife des Nürburgrings. Bei Bedarf kann die gesamte Strecke auf dem Bilster Berg auch in zwei Teilstrecken aufgeteilt und gemietet werden.

 

Fast ein Kilometer Vollgas verspricht die lange Gerade, auf der über 200 km/h Topspeed erreicht werden können. Dann hat man als Fahrer allerdings kaum noch Zeit, bei schönem Wetter den weiten Blick über den Teutoburger Wald zu genießen. Vielmehr muss man sich dann schon auf die nächste Kurve konzentrieren, um den Bremspunkt nicht zu verpassen. Sonst geht es direkt ins Kiesbett, das wie auf jeder Rennstrecke Sicherheit garantiert. Offizielle Rennen sollen auf dem Bilster Berg allerdings nicht stattfinden, deshalb spricht das Experten-Team um den Grafen auch von einer Test- und Präsentationsstrecke. Ohne Rücksicht auf Zuschauertribünen oder Werbeflächen nehmen zu müssen, konnte der renommierte Streckenarchitekt Hermann Tilke, aus dessen Feder viele Formel-1-Kurse stammen, seiner Kreativität freien Lauf lassen. „Die geilsten 4,2 Kilometer der Welt“ so bezeichnet er selbst die Strecke und ergänzt uns gegenüber: „Jeder, der hier dran beteiligt war, kann sehr stolz sein.“ Auch Rallyelegende und Porsche-Testfahrer Walter Röhrl, der als Berater für das Projekt tätig war, schwärmte schon während der Bauzeit: „Ein Traum! Diese Strecke kann es mit der Nordschleife aufnehmen.“

Doch anders als die Traditionsstrecke in der Eifel oder weitere große Rennstrecken soll das Bilster Berg Drive Resort mit Gesamtkosten von 34 Mio. Euro bereits im ersten Betriebsjahr einen spürbaren Gewinn abwerfen: „Natürlich schlägt uns allen der Puls höher, wenn wir den Sound einen hochdrehenden 12-Zylinders hören, doch verfolgen wir auch wirtschaftliche Interessen“, stellt der motorsportbegeisterte Graf ganz Businessman fest, schließlich hat der Diplom-Kaufmann an Eliteuniversitäten im Ausland studiert und bereits vor der Übernahme der familieneigenen Unternehmensgruppe Karriere in der Wirtschaft gemacht. Auch der Bilster Berg könnte (s)ein Erfolg werden, schließlich übertrifft die Nachfrage nach Teststrecken deutlich das jetzige Angebot in Deutschland. Ähnliche Projekte im Ausland, wie die Rundstrecke auf dem adligem Anwesen in Goodwood, dem Circuit Paul Ricard / Le Castellet in Südfrankreich oder das spanische Ascari Race Resort zeigen das enorme Potential. Dort sind regelmäßig namhaften Automobilhersteller zu Gast, um Journalisten, sowie Kunden und Verkäufern neue Modelle vorzustellen. Bereits vor dem eigentlichen Baubeginn war der Bilster Berg gefragt: Volkswagen mietete über vier Wochen das gesamte Gelände, um den Amarok Pick-Up dort zu präsentieren. Die Verantwortlichen aus Wolfsburg waren von der Location sehr angetan und versprachen wieder zu kommen. Und auch in diesem Jahr zog es Jaguar schon vor der offiziellen Eröffnung mit dem neuen F-Type auf die noch jungfräuliche Strecke.