Entschleunigung – Bentley Mulsanne im Fahrbericht

18.01.2013 | Christian Sauer | Testrides

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Schon der Name weckt Erwartungen: Benannt nach der Mulsanne-Geraden in Le Mans, wo Bentley in den 1920er-Jahren fünf Mal das 24-Stunden-Rennen gewann, soll das gleichnamige Bentley-Topmodell ultimativen Luxus und Komfort mit Sportlichkeit verbinden. Für Drivers Club Germany Chefredakteur Christian Sauer stellt sich die Frage: Selbst Fahren oder lieber Fahren lassen?

Erstmal direkt hinters Steuer des 5,57 m langen, 1,92 m breiten und 1,52 m hohen Schiffs,  das über vier Fahrdynamik-Einstellungen verfügt. Luftfederung und Lenkung lassen sich auch separat konfigurieren, aber wir entscheiden uns zum Start gleich für Sport. Passend dazu hält die 8-Stufen-Automatik ein gesondertes Fahrprogramm und sogar Schaltpaddel parat. Wie eine Luxusyacht/Motoryacht braucht der Mulsanne beim Beschleunigen aus dem Stand zwar einen kurzen Moment, um die Trägheit zu überwinden, bevor sich sein Rumpf samt Flying-B-Kühlerfigur für fast 3.000 Euro extra dann aber noch ein Stück höher gen Himmel streckt. Ohne spürbare Traktionsverluste an der Hinterachse katapultiert der Achtzylinder mit zwei Turboladern die mehr als 2,5 Tonnen Leergewicht druckvoll in knapp fünf Sekunden auf 100 km/h. Entscheidend dafür ist weniger die Leistung von 512 PS bei 4.200 Touren, sondern das enorme Drehmoment von 1.020 Nm bereits ab 1.750 Touren. Das ist rekordverdächtig und kommt nicht irgendwoher, sondern aus dem bei Bentley traditionell 6,75 Liter großen Hubraum. Der garantiert stets überlegende Kraftreserven und muss sich auf keinen Fall verstecken. Das tut er zwar optisch unter der langen Motorhaube, aber nicht akustisch. Anders als bei Rolls-Royce, wo es nicht zum Konzept des „magic carpet ride“ passt, darf und soll sich der V8 bei sportlicher Gangart bemerkbar machen. Uns gefällt sein kerniger Sound unter Volllast, ebenso wie das Fahrverhalten.

Einen leichtfüßigen Kurvenkünstler, der dynamisch neue Maßstäbe setzt, hatten wir ohnehin nicht erwartet, doch es ist fast schon als Wunder anzuerkennen, wie direkt sich die riesige Luxuslimousine steuern lässt. Mit dem hohen Gewicht zu kämpfen haben  allerdings die optionalen 21-Zoll-Räder unseres Testwagens vor allem in engen Kurven und auch beim Bremsen macht es sich bemerkbar. Die mächtigen Stopper sind dem aber ebenso gewachsen wie der Höchstgeschwindigkeit von fast 300 km/h. Wir beschränken unseren Vortrieb auf knapp 260, wovon weder der Mann hinterm Volant, noch die Gäste im Fond viel spüren. Es gibt kaum ein anderes Auto auf dieser Welt und in unserer Zeit, in dem es sich so entspannt dahin gleiten lässt wie im Mulsanne. Die sanft schaltende Automatik trägt ihren Teil dazu bei, ebenso wie die souveräne Straßenlage. Seine weiche Seite zeigt der Brite, dessen bullige Front mit dem riesigen Grill entsprechend Überholprestige sichert, im Komfortmodus. Dann gleitet er regelrecht majestätisch über alle Unwegsamkeiten hinweg wie Queen Elisabeth II in ihrer Bentley Sonderanfertigung. Im Mulsanne müssten die Damen auf dem Weg zum Pferderennen nach Ascot zwar ihre meist ausladenden Hutkreationen abnehmen, aber das Platzangebot ist dennoch herrschaftlich und über jeden Zweifel erhaben.