Audi SQ7 TDI – Sparen auf höchstem Niveau

16.12.2016 | Christian Sauer | Testrides

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Den Titel des aktuell stärksten Diesel-SUV weltweit teilt sich der Ingolstädter inzwischen zwar mit seinem Konzernbruder Bentley Bentayga, das hat seiner Faszination aber keinen Abbruch getan. Wir fuhren den innovativen Technologieträger als Siebensitzer und wurden mehrfach überrascht.

Seit dem Debüt der ersten Q7-Generation im Jahr 2005 hat sich vieles verändert. Während der V12 TDI mit sechs Liter Hubraum, 500 PS sowie 1.000 Nm weniger als vier Jahre recht erfolglos angeboten wurde und der 5,0-Liter-V10-Diesel mit 313 – 351 PS / 750 – 850 Nm aus dem VW Touareg nie zum Einsatz kam, mussten sich die anderen Aggregate dem allgegenwertigen Downsizing stellen. Noch vor Einführung der zweiten Generation Anfang 2015 flogen die V8-Benziner aus dem Programm. Stattdessen gibt es als Ottomotoren „nur“ noch 2,0- und 3,0-Liter-Vierzylinder mit bis zu 333 PS / 440 Nm. Auf der Diesel-Seite sind es drei Sechszylinder-Modelle samt drei Liter Hubraum. Als deren stärkste Variante leistet der Q7 e-tron als Plug-in-Hybrid dank der elektrischen Unterstützung insgesamt 373 PS und 700 Nm.

Gekrönt wird die große Audi-SUV-Baureihe von unserem heutigen Testwagen, dem SQ7 TDI – das erste „S“-Modell des Q7 überhaupt. Er folgt dem Konzept des SQ5 vor dessen Modellwechsel, der (zumindest hierzulande) ebenfalls als Diesel die sportliche Speerspitze bildete. Ob Audi und der VW-Konzern in Zeiten des Diesel-Skandals damit weiterhin auf das „richtige Pferd“ setzen, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass der intern EA 898 genannte Achtzylinder mit 4,0 Liter Hubraum als Nachfolger des bisherigen 4,2-Liter-V8 als einziger PKW-Achtzylinder-Diesel überlebt hat.

 

Dank 435 PS und vor allem 1.000 Nm Drehmoment stellt das in Ingolstadt entwickelte Triebwerk auch für Benziner eine echte Konkurrenz dar. Sukzessive folgt der Einsatz in anderen Konzern-Modellen: Im technisch auf den Q7 basierenden Bentayga wird er zum ersten Diesel von Bentley überhaupt, den Porsche Panamera macht er zur derzeit schnellsten Diesel-Limousine und wahrscheinlich befeuert der Selbstzünder demnächst auch die neuen Audi A8, A7 und vielleicht auch den A6. Selbst der nächste Bentley Continental und Lamborghinis SUV-Premiere Urus scheinen nicht tabu – warum auch?

Weil er ein Diesel ist! Okay, diesem „Totschlagsargument“ hat der SQ7 naturgemäß nichts entgegen zu setzten. Doch lässt man(n) es erst einmal hinter sich, scheint er mit seinem maximalen Schub bereits ab 1.000 Umdrehungen direkt am Gasfuß des Fahrers zu hängen und das in Verbindung mit 7,2 Liter Normverbrauch. Der fällt selbstverständlich höher aus, je öfter die volle Kraft abgerufen wird. Doch selbst dann fällt der Zuschlag im Vergleich zu Benzinern nicht so hoch aus – für die letzten 2.500 km zeigte der Bordcomputer 11,1 Liter an. In Relation zu den außergewöhnlichen (Fahr)Leistungen geht der Durchschnittswert in Ordnung, immerhin beschleunigt der 2,3-Tonnen-Koloss wie ein Sportwagen in 4,8 Sekunden auf Tempo und wäre die Höchstgeschwindigkeit nicht bei 250 km/h abgeriegelt, könnte er noch schneller.

 

Möglich macht es neben der Biturboaufladung der erstmals im Automobilbau eingesetzte elektrisch angetriebener Verdichter. Er zieht seine Energie aus dem zumindest bei Audi Premiere feiernden 48-Volt-Teilbordnetz. Dessen Lithium-Ionen-Batterie samt 13 Kilowatt Peakleistung wurde unter dem Gepäckraumboden installiert und per DC/DC-Wandler an das restliche Bordnetz mit weiterhin 12 Volt angeschlossen. Solche technischen Finessen interessieren vielleicht nicht jeden, aber sie sind eben die Grundlage für das besondere Fahrerlebnis im SQ7. Deshalb nochmal kurz zurück zum Verdichterrad. Innerhalb von einer viertel Sekunde beschleunigt es von null auf 70.000 Umdrehungen pro Minuten und unterstützt so den ersten der beiden Turbolader beim frühen Druckaufbau. In der Praxis heißt das: adé Turboloch und auf Nimmerwiedersehen!

Also warum kein Diesel? Der Sound! Zugegeben, der klingt – beziehungsweise – klang bauartbedingt selten sportlich, sondern höchstens sehr gut gedämmt. Was den Ingenieuren und Sound-Designern beim SQ7 gelungen ist, verdient somit ein extra Lob. Zu erkennen gibt sich der Diesel nämlich höchstens noch im Stand, von außen und nur aus nächster Nähe. Innen ist von ihm so gut wie gar nichts zu vernehmen, es sei denn, der Dynamik-Modus wird aktiviert oder der Individual-Modus entsprechend programmiert. Dann blubbert und wummert der Vierzylinder (fast) wie ein dicker V8-Benziner. Respekt, das hätte ich so nicht erwartet und übertrifft meine kühnsten Träume.

 

Die Übertragung des gleichmäßigen und schier endlos wirkenden Schubs auf alle vier Räder übernimmt eine 8-Stufen-Automatik, deren „Schubhebel“ auch aus dem Cockpit eines Flugzeuges stammen könnte. Im Rahmen des optionalen Fahrwerkspakets advanced gesellen sich dazu ein selbstsperrendes Mittendifferenzial sowie ein Sportdifferenzial an der Hinterachse. Außerdem kombiniert Audi dabei erstmals die höhenverstellbare Luftfederung mit Allradlenkung und aktiver elektromechanischer Wankstabilisierung. Letztgenannte bekommt ihre Energie wie der elektrisch angetriebene Verdichter aus dem neuen 48-Volt-Teilbordnetz und soll die Seitenneigung sowie die Rollbewegungen in Kurven deutlich reduzieren. Das ist in der Praxis natürlich kaum überprüfbar, aber tatsächlich wirkt das Handling trotz oder vielmehr dank 20-Zoll-Winterräder ohne den Fahrkomfort zu vernachlässigen sehr sportlich.

 

Zu dessen Gunsten und der Sicherheit sind mehr als 20 Assistenzsysteme im Angebot, die beim Manövrieren in der Stadt ebenso wie bei langen Touren helfen sollen. Beispielsweise kann der Stauassistent als Vorstufe zum pilotierten Fahren im zähfließenden Verkehr auf gut ausgebauten Straßen bis 65 km/h die Lenkarbeit übernehmen. Das Paket Technology selection beinhaltet zudem den Nachtsichtassistenten, das farbige Head-up Display und das nicht nur wegen seiner schieren Größe mit 12,3 Zoll immer wieder beeindruckende Audi virtual cockpit als komplett digitalisierte Instrumente. Ob sämtliche Funktionen wirklich Sinn machen und tatsächlich genutzt werden, muss jeder Interessent selbst entscheiden. Gleiches gilt für das grandiose Bang & Olufsen 3D-Soundsystem samt 23 Lautsprechern und 1.920 Watt Gesamtleistung.

Obwohl einige Komponenten davon auch im Kofferraumboden installiert sind, lässt es sich mit den zwei bestellbaren Zusatzsitzen im Fond kombinieren. Diese entfalten sich oder verschwinden elektrisch und laden nicht nur kleine(re) Passagiere zu kurzen bis mittellangen Mitfahrten ein. Dahinter bleiben immerhin noch 235 Liter Volumen für Gepäck – im Normalbetrieb sind es 805 Liter und mit umgelegter Rücksitzbank fast 2.000 Liter. Nicht nur als Siebensitzer profitiert der SQ7 also von seiner stattlichen Länge mit knapp über fünf Metern, exakt drei Meter Randstand und rund zwei Meter Breite. Die Platzverhältnisse sind mehr als großzügig, die Qualität der Materialien und deren Verarbeitung erstklassig. Allerdings vermissten wir an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Liebe zum Details. Gerade beim Blick auf die Ausstattungsliste unseres Testwagens mit einem Gesamtpreis von 144.795 Euro ist der Wunsch nach subjektiv fühlbaren Luxus zusätzlich zum grundsätzlichen Hightech-Charakter doch nachvollziehbar, oder?

Uns stellte sich außerdem die Frage, was denn im Grundpreis von immerhin 89.900 Euro überhaupt serienmäßig ist, wenn für über 50.000 Euro Sonderausstattungen dazu kommen? Okay, das Infotainmentsystem samt ausfahrendem 8,3-Zoll-Display, Touchpad, Google-Funktionen und eigner App kostet fast 3.000 Euro. Dazu kommen das Soundsystem für über 6.000 Euro sowie die bereits erwähnten und weiteren Pakete. Als teuerste Sonderausstattung stechen die Keramikbremsen für glatt 8.500 Euro ins Auge und lassen wieder die Sinnfrage aufkommen. Wer sein Q7-Topmodell nicht mit einer dezenten Lackierung tarnen, sondern wie unseren Testwagen besonders dynamisch in Sepangblau Perleffekt glänzen lassen will, muss 3.100 Euro ausgeben. Soweit so gut, aber dass sich Audi zum Beispiel die Ambientebeleuchtung, abblendende Außenspiegel, die vordere Komfortmittelarmlehne oder das beheizbare Sportlenkrad extra bezahlen lässt, finden wir trotz und zugleich wegen der überschaubaren Aufpreise von jeweils einigen hundert Euro sehr kleinlich.

Fraglos stellt der Audi SQ7 TDI ein technisches Meisterwerk dar, aber gleichzeitig wirkt er – wie viele seiner Markenbrüder – technokratisch unterkühlt. Wer auf die innovativen Features nicht verzichten will, aber gleichzeitig mehr „Charakter“ möchte, trifft mit dem Bentley Bentayga wohlmöglich eine bessere Wahl. Technisch fast identisch, bietet er ab Werk bekanntlich nicht nur mehr Exklusivität, sondern als Diesel ab 175.335 Euro nun auch über 30.000 Preisvorteil zum zuerst präsentierten und weiterhin gebauten W12-Benziner. Auch in diesem Fall beweist sich wieder, dass „Sparen auf höchstem Niveau“ möglich „manchmal weniger mehr ist!“