Audi RS4 Avant

03.03.2022 | Christian Sauer | Testrides

Vom Aussterben bedroht? Ob noch zeitgemäß oder nicht – wir haben Spaß mit dem 450 PS starken quattro-Sportkombi und verraten warum.

Die Anfrage kam schon etwas überraschend von Audi: Möchtet ihr einen RS4 Avant als Testwagen? Normalerweise bieten die Hersteller uns bei Drivers Club Germany ihre neuesten Modelle oder Facelifts mit mehr oder weniger Modifizierungen an. Letztgenanntes liegt beim sportlichsten Ableger der A4-Baureihe schon etwas zurück und brachte Ende 2019 neben dem damals neuen MMI Touch Infotainment vor allem optische Verfeinerungen des Exterieurs. So fällt der Singeframe- mit einer dreidimensionalen Wabenstruktur Grill breiter und flacher aus als zuvor. Eingerahmt wird er durch die Frontschürze mit seitlichen Lufteinlässen, vertikalen Flaps und aggressiver gestalteten LED-Scheinwerfern – bei unserem Testwagen mit der optionalen Matrix-Technik. Damit sieht die vierte Generation des RS4 mit dem internen Kürzel „B9“ von vorn noch beeindruckender aus und soll das oft beschworene „Überholprestige“ auf der Autobahn garantieren.

Der sportliche Look setzt sich mit den bis zu 20 Zoll großen Rädern fort, die überhaupt erst durch Kotflügelverbreiterungen untergebracht werden konnten. Jeweils drei Zentimeter breiter ist der RS4 gegenüber einem „normalen“ A4 Avant. Keramik-Bremsscheiben gibt es ebenso gegen Aufpreis wie diverse Optikpakete zur Individualisierung oder die besonders klangstarke RS-Abgasanlage mit Klappensteuerung. Doch selbst ohne dieses Extra klingt der V6-Biturbo samt 2,6 Liter Hubraum zumindest im entsprechenden Setup sehr „präsent“ aus den beiden dicken Auspuffrohren. 450 PS und 600 Nm Drehmoment sind natürlich auch eine Ansage, wobei Fans immer noch dem Hochdrehzahl-V8 der zweiten und dritten Generation hinterher trauern, der zuletzt ebenfalls auf 450 PS kam. Nun gut, seit 2017 gibt es nun wie im RS5 und im Porsche Panamera den zwangsbeatmeten Sechszylinder EA839 mit höherem Drehmoment und niedrigerem Verbrauch.

Offiziell 9,7 bis 10,3 Liter Super Plus auf 100 Kilometer im kombinierten Verbrauch sind natürlich nicht wenig und insbesondere auf zügig absolvierten Autobahnetappen leert sich der 58-Liter-Tank rasch. Doch man(n) darf nicht vergessen, dass der Fünfsitzer samt 495 Liter Kofferraumvolumen und 1.820 kg Leergewicht auch richtig dynamisch kann. Bevor wir dazu kommen, noch ein Blick in den Innenraum. Der unterscheidet sich von den schwächeren A4-Modellen vor allem durch die bequemen Sportsitze mit integrierten Kopfstützen, elektrischer Einstellung und Massagefunktion. Zur Wahl stehen diverse Alcantara- oder Lederausstattungen inklusive Wabensteppung, auf Wunsch sogar farblich mit der Lackierung abgestimmt, worauf bei unserem „Sonomagrün“ Metallic verzichtet wurde. Zusätzlich lässt sich der RS4 Avant wie außen ebenfalls innen mit den verschiedenen Dekorelementen zum Beispiel aus Carbon individuell gestalten und seinen Preis von 83.000 Euro auf über 100.000 Euro steigern.

„RS“-Logos finden sich am Lenkrad mit den vergrößerten Schaltwippen ebenso wie am Wahlhebel der 8-Stufen-Automatik oder den RS-spezifischen Anzeigen des Virtual Cockpits. Neben den digitalen Instrumenten zieht der 10,1-Zoll-Touchscreen die Blicke und Fingerabdrücke auf sich. Insgesamt merkt man dem Cockpit an, dass die Baureihe schon ein paar Jahre alt ist. Die Bedienung mit haptischen Drehreglern gelingt dafür ohne große Eingewöhnung und die Qualität der verwendeten Materialen sowie deren Verarbeitung ist auf hohem Niveau. Das Platzangebot ist typisch A4 Avant großzügig für zwei Erwachsene mit Reisegepäck oder ausreichend für eine kleine(re) Familie. Lange Fahrten werden dank den Assistenzsystemen und dem relativ gutem Federungskomfort im entsprechenden Modus nicht zur Tortur. Doch wenn der Papa oder die Mama mal allein unterwegs sind und alles auf „sportlich“ gestellt haben, zeigt der RS4 Avant seine dynamische Seite.

Permanenter quattro-Allradantrieb mit radselektiver Momentensteuerung sorgt serienmäßig für Sicherheit und Traktion. Gegen Aufpreis wird erst bei 280 statt 250 km/h abgeriegelt und spätestens mit bestellten Sonderausstattungen wie adaptives RS-Sportfahrwerk, Sportdifferential und Dynamiklenkung fühlt sich der 4,78-m-Kombi selbst auf Winterreifen sehr handlich an. Die Standardbremsen überzeugen mit Kraft und einem berechenbaren Druckpunkt. Der V6-Biturbo bietet aus dem Stand einen nahezu ansatzlosen Schub, der zumindest auf Landstraßen (sowie den meisten Autobahnfahrten) gar nicht mehr aufhören will. Alles wirkt sehr harmonisch und eben auf Knopfdruck so sportlich, dass selbst reinrassige Zweisitzer das Nachsehen haben.

Es wäre wirklich schade, wenn die traditionsreiche Gattung der Sportkombis global ausgerichteten Vertriebsstrategien mit Fokus auf SUVs und Crossover-Modellen zum Opfer fallen würde. Wenn Mercedes-Benz plant, zukünftig generell keine Kombis mehr bauen zu wollen, wird der C63 AMG wohl wegfallen. Auf der anderen Seite bringt BMW erstmals den M3 mit Kombiheck. Mal schauen, wie sich Audi in den nächsten Jahren positionieren wird. Ob nun vom Aussterben bedroht oder nicht, der RS4 Avant ist und bleibt auf jeden Fall ein faszinierendes Multitalent.

PS: Wer noch mehr zum Audi RS Avant erfahren will, kann hier gern bei Jan von The Car Crash reinschauen.