Aston Martin Vantage

24.04.2019 | Christian Sauer | Testrides

Wie fährt sich das englische „Einstiegsmodell“ mit Technik von Mercedes-AMG? Das klärt unser Bericht genauso wie die Frage nach seinem besonderen Reiz.

Eine wilde Verfolgungsjagd durch Rom, spektakuläre Drifts und ein nicht minder spektakuläres, wenn auch trauriges Ende im Fluss Tiber – so verlief 2014 die Karriere des Aston Martin DB10 als Dienstwagen von James Bond 007 in „Spectre“. Viele Fans hatten gehofft, dass das sportlich knackige Coupé mit langer Motorhaube und kompakten Abmessungen danach als Serienmodell folgt. Doch sie und wir wurden leider enttäuscht – es blieb bei zehn Film- und PR-Autos ohne Straßenzulassung.

Fans der Kultmarke aus dem englischen Gaydon konnten sich letztes Jahr dennoch freuen. Die Neuauflage des Aston Martin V8 Vantage nimmt das Design des DB10 auf und wirkt deutlich moderner als der insgesamt 14 Jahre optisch kaum veränderte Vorgänger. Ebenfalls grenzt er sich optisch von der inzwischen stillvoll gereifte Rapide als Limousine, aber auch vom großen Gran Turismo DB11 ab, den es derzeit als einziges Modell von Aston Martin alternativ als Cabrio gibt.

Mag sein, dass der neue Vantage weniger elegant und für einen Aston Martin sogar nicht elegant genug aussieht, aber auf jeden Fall zieht er die Blicke auf sich – auch oder sogar wegen der für den britischen Luxushersteller eher ungewöhnlichen Lackierung „China Grau“ unseres Testwagens. Insgesamt stehen 30 Standard- und 11 Sonderfarben von Aston Martin’s Individualisierungsabteilung „Q“ zur Wahl. Zwar fehlt ein Nachtsichtgerät, das nicht nur James Bond gefallen hätte, aber die schmalen LED-Scheinwerfer verrichten gute Arbeit. Sie verleihen dem Vantage einen modernen Look – auf der anderen Seite vergleichen einige Kritiker ihn deswegen mit japanischen Designs.

Neu interpretiert und tief(er) über den Asphalt zeigt sich der für Aston Martin typische Kühlergrill. Er lässt sich wie nahezu alles beim Vantage personalisieren – ob mit farbiger Einfassung oder mit Carbon. Aus dem „schwarzem Gold“ sind optional auch die Aston Martin Logos sowie Belüftungsöffnungen für die lange Motorhaube und die Flanken bestellbar. Mit 4,46 x 1,95 m Grundfläche fällt der neue Vantage etwas länger und breiter aus als sein Vorgänger. Zwar gibt es ab Werk „nur“ 20-Zoll große Räder aber dafür neun unterschiedliche Designs. Dazu kommt die gleiche Anzahl von Farben für die Bremssättel sowie optionale Carbon-Keramik-Scheiben.

Folgen wir der fließenden und zugleich straffen Seitenlinie zum knackigen Heck, das ebenfalls „clean“ und schnörkellos gestaltet wurde. Das LED-Leuchtband strahlt auf Wunsch in Rauchglas. Der Vantage kommt mit einer Abrisskante und ohne (ausfahrbarem) Spoiler aus. Das ermöglicht die aufwendige Aerodynamik samt Diffusor. Unter der Heckklappe und -scheibe passen rund 300 Liter Gepäck, genug für zwei Golfbags, Wochenendgepäck oder mehrere Getränkekisten. Wie es sich für einen Aston Martin „gehört“, findet sich gegen Aufpreis ein schicker Regenschirm und dicker Teppich sogar im Kofferraum.

Das edle Ambiente setzt sich erst recht im Cockpit fort, wo handwerklich schön verarbeitetes Leder die Hände schmeichelt und einen feinen Duft verströmt. Und wo kein Leder mit Kontrastnähten, breitet sich Alcantara aus. Für letzteres sowie für den Teppich stehen 13 Farben zur Wahl. Auf Wunsch gibt es hochflorige Fußmatten, farbige Zierelemente oder Carbon sowie das Logo von Aston Martin oder vom Vantage selbst – geprägt oder gestickt – auf beiden Sitzen. Unser Testwagen ist mit elektrischen Sportsitze Plus samt Heizung und Belüftung konfiguriert, die bequem sind und guten Seitenhalt bieten. Für noch mehr Komfort gibt es 16-fach verstellbare Sitze.

Das Platzangebot fällt für einen (1,27 m flachen) Sportwagen sehr gut aus. Ablagen könnten jedoch gerne größer und mehr sein. Stattdessen wird die breite Mittelkonsole von zahlreichen Bedienelementen dominiert. Sie deuten auf das deutsche „Schwestermodell“ des Vantage hin. Dank der 2013 initiierten Partnerschaft mit der Daimler AG sind die technischen Leihgaben unübersehbar. Zum Beispiel kennen wir das Infotainmentsystem mit der teils umständlichen Bedienung per Comand-Controller aus diversen Modellen von Mercedes-Benz und -AMG. Keine Frage, es ist ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem Vorgänger und die Daimler-Komponenten sind nicht schlecht, aber inzwischen auch schon nicht mehr State-of-the-Art. Den feinen Unterschied beweist Aston Martin dann wieder im Detail, denn der Rahmen des 8-Zoll-Displays ist mit Leder bezogen.

Praktisch sind hingegen die 360-Grad-Kameras, die zusammen mit den Parksensoren den ebenfalls von Mercedes adoptierten Parkassistenten aus unserer Sicht überflüssig macht. Ansonsten beschränkt sich das Angebot an Assistenzsysteme auf den sinnvollen Totwinkel-Warner. Da stellt sich wie bei vielen Sportwagen die Frage, muss es wirklich mehr sein oder reicht das nicht? Klar, man(n) will ja wahrscheinlich eher „aktiv“ und „selbst“ fahren, aber für einen recht alltags- und reisetauglichen Wagen wäre zumindest ein größeres Angebot an Assistenzsystemen sinnvoll. Dass es kein Head-up-Display im Vantage gibt, können wir verschmerzen. Traditionalisten werden die klassischen Rundinstrumenten von früher vermissen, aber die aus dem DB11 bekannten digitalen Instrumente mit zentralem Drehzahlmesser sind ein guter Ersatz und liefern auf Knopfdruck viele Informationen.

Am bereits typisch für Aston Martin „eckigen“ Lenkrad lassen sich die Fahrwerkshärte und die Sportlichkeit des Antriebes in jeweils drei Stufen einstellen. Die Schaltpaddel sind schön groß und bieten mit ihrem metallischen Touch eine angenehme Haptik. Einen Wählhebel für das vom Mercedes-AMG GT stammende ZF 8-Stufen-Automatikgetriebe sucht man vergebens. Stattdessen gruppieren sich rings um den rot pulsierenden Start-Knopf in der breiten Mittelkonsole große Knöpfe für Vorwärts, Rückwärts, Leerlauf und Parken. Bei entsprechender Nachfrage könnte später vielleicht sogar eine 7-Gang-Handschaltung folgen, womit Aston Martin wieder einmal seinen sympathischen Exoten-Status unterstreichen würde.

Fest steht, dass die offiziell „Touchtronic 3“ genannte Automatik zum sportlich-entspannten Charakter des Vantage passt. Das adaptive Fahrwerk schluckt im GT-Modus selbst derbe Unebenheiten recht geschmeidig, kann im Sport- und vor allem im Track-Modus aber auch richtig hart. Zwar war sein Antrieb und Sound vorher schon „sportlich“, aber die Schärfung per Knopfdruck zaubert Sportfahrern ein noch breiteres Grinsen ins Gesicht. Dann nimmt der kompakte V8-Biturbo vom AMG GT mit 4,0 Liter Hubraum super spontan Gas an. Schon ab 2.000 Touren wuchtet er 685 Nm auf die Hinterräder und dreht bis über 6.000 Touren, wo er die maximale Leistung von 510 PS erreicht. In 3,7 s beschleunigt der Vantage laut Aston Martin auf Tempo 100 und mit bisschen Anlauf bis 314 km/h Topspeed.

Der Sound präsentiert sich dann alles anderes als mit britischem Understatement, nämlich lautstark und mit krachendem Backfire. Um James Bond noch einmal zu bemühen – das ist mehr Pumpgun statt Walther PPK. Zusammen mit den sehr starken Bremsen, der direkten Lenkung, dem relativ geringen Leergewicht von 1.530 kg und der perfekten Gewichtsverteilung von fast 50:50 dank Transaxle-Bauweise mit weit hinten installiertem Frontmotor macht der Vantage viel Spaß auf kurvigen Landstraßen. Der Engländer mit deutschen Komponenten fährt sich sehr dynamisch und handlich. Damit bietet er eine hervorragende Basis für die ebenfalls neuen Rennversionen des Vantage und wahrscheinlich noch stärkeren Varianten mit Straßenzulassung in den nächsten Jahren.

Vielleicht bringt Aston Martin nach dem Rapide E zukünftig ja auch den Vantage als reinen Stromer oder zumindest mit Hybridantrieb. Unser Testwagen genehmigte sich als reiner Verbrenner gerne mehr als die offiziell 10,5 Liter Durchschnittsverbrauch. Da half auch die Start-Stop-Automatik nicht viel. Hilfreich wäre in der City zudem ein Vorderachslift für Parkhäuser oder Tiefgaragen. Vielleicht spendiert Mercedes diese ebenso wie weitere Assistenzsysteme und ein Upgrade des Infotainmentsystems. Wo wir gerade bei der Wunschliste sind: Obwohl die 640 Watt aus zwölf Lautsprechern schon gut klingen, würden sich wahrscheinlich einige Interessenten zumindest des Prestige wegen über ein Soundsystem eines namhaften Herstellers wie Bang & Olufsen freuen.

So oder so ist der Aston Martin Vantage (wieder) ein verführerischer Sportwagen mit Allround-Qualitäten. Für die Konfiguration sollte man sich bei den zahllosen Optionen allerdings genug Zeit nehmen. So viel Individualisierung (in Serie) bieten ansonsten lediglich Bentley und Rolls-Royce. Natürlich lässt sich auch der technisch verwandte Mercedes-AMG GT oder ein Porsche 911 sehr hochwertig mit netten Details und viel Leder konfigurieren, aber trotz oder vielleicht sogar wegen der fehlenden deutschen Perfektion bietet der Engländer ab rund 154.000 Euro Grundpreis ein besonderes Flair und serienmäßig das einzigartige James Bond Feeling.