Aston Martin DBS Superleggera

29.07.2020 | Christian Sauer | Testrides

Wir von Drivers Club Germany fahren den aktuell stärksten Aston Martin. Als 2+2 Cabrio oder in unserem Fahrbericht als Coupé bietet er jedoch mehr als „nur“ Höchstleistung. Bitte einsteigen und anschnallen!

In den letzten Wochen und Monaten ist es nicht ruhig um den britischen Traditionshersteller geworden. Zwischen Corona- und Finanzkrise, neuen Investoren und dem bisherigen AMG-Boss Tobias Moers als Nachfolger von Andy Palmer auf dem Chefposten sowie Spekulationen um Sebastian Vettel als möglichen Fahrer von Aston Martin in der nächsten Formel-1-Saison standen die Straßenmodelle allerdings eher im Hintergrund. Analog wirtschaftlichen Erfolg der anderen Luxus-Hersteller mit ihren SUVs liegen natürlich auch bei den Engländern die Hoffnungen auf dem DBX. Doch von ihm abgesehen, lassen die neuen Mittelmotor-Flundern Valkyrie und Valhalla weiter auf sich warten. Zeit genug für uns, die aktuellen Modelle mit lang gestreckter Motorhaube vor dem Cockpit unter die Lupe zu nehmen.

Während sich der von Mercedes-AMG adaptierte vier Liter „kleine“ V8-Biturbo (intern M177 genannt) mit 510 PS und 700 Nm nach seiner Premiere im Vantage nun auch im DB11 immer größerer Beliebtheit erfreut, faszinieren die 5,2-l-Zwölfzylinder mit doppelter Turboaufladung weiterhin am meisten. Neuestes Objekt der Begierde für Sammler ist dementsprechend der auf 88 Exemplare limitierte V12 Speedster samt 700 PS und 752 Nm. Wahrscheinlich bedingt durch die fehlende Windschutzscheibe haben die Engländer nicht nur seine Höchstgeschwindigkeit auf 300 km/h, sondern auch die Leistung begrenzt. Schließlich bringt es der Nachfolger des 17 Jahre lang gebauten 6,0-l-V12-Saugers, der selbst zuletzt noch im Vanquish S auf V6-Motoren von Ford als früheren Besitzer von Aston Martin basierte, mit dem internen Kürzel AE 31 im derzeitigen Topmodell DBS Superleggera auf noch stolzere 725 PS und 900 Nm.

Damit toppt Aston Martin zwar (noch) nicht die 760 PS des zwischen 2009 und 2012 lediglich 77-mal gebauten One-77 mit seinem auf 7,3 Liter Hubraum aufgebohrten V12-Saugmotor, aber dafür dessen 750 Nm ab 5.750 Umdrehungen. In unserem DBS Superleggera liegt das maximale Drehmoment dank Bi-Turboaufladung bereits ab 1.800 an und schiebt das leer immerhin 1.845 kg schwere Coupé mächtig an. Zumindest im Sport- und Sport-Plus-Modus vom ebenso kraftvollen Klang aus dem Klappenauspuff untermalt, katapultiert der Zwölfzylinder auf Wunsch bis zu vier Personen in 3,4 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100.

Die 200er Marke fällt nach knapp zehn Sekunden und laut Werksangabe endet der Vortrieb erst bei 340 km/h. Bei unseren maximal erreichten 323 fühlt sich der DBS Superleggera auf der Autobahn sehr stabil an, was sicherlich an seinem ausgefeilten, aber ohne ausfahrbare Spoiler optisch eher unauffälligem, Aerodynamikpaket mit bis zu 180 kg Abtrieb liegt.

Davon profitiert das 4,71 m lange Coupé bei 1,97 m Breite und 1,28 m Höhe ebenso wie von der ausgewogenen Gewichtsverteilung im Verhältnis 51:49 dank Transaxle-Bauweise mit der 8-Stufen-Automatik von ZF und dem mechanischen Sperrdifferenzial an der Hinterachse samt 305er Pirelli P Zero Pneus. Hinter den 21-Zoll-Rädern wartet eine Carbon-Keramik-Bremsanlage, vorn mit 410er- und hinten mit 360er-Scheiben. Diese technischen Zutaten zeugen von seinen sportlichen Ambitionen und der erstaunlichen Dynamik, die der DBS Superleggera trotz seiner Größe und seines Gewichts bietet.

Überraschend handlich carvt er auch durch engere Kurven, wobei die Traktion zumindest im Trockenen den theoretischen Wunsch nach Allrad vergessen lässt. Passend zur beeindruckenden Leistung, aber auch zum ausgeglichenen Charakter des Gran Turismo, bieten die adaptiven Dämpfer ein breites Spektrum von sportlich bis komfortabel für die weitere Strecken. Aston Martins aktuelles Topmodell ist kein asketischer, reinrassiger Sportwagen komplett ohne Alltagstauglichkeit – er kann mehr!

Davon überzeugt der DBS Superleggera spätestens, wenn sich seine Türen öffnen und dabei leicht nach oben schwingen. Dahinter erwartet uns ein luxuriöser Mikrokosmus aus feinem Leder und Alcantara, wohin wir schauen und fassen. Als ob wir ihn selbst konfiguriert und nahezu jedes Detail von Aston Martins „Abteilung Q“ individualisiert hätten, kleidet sich „unser“ DBS außen wie innen im vornehmen Dunkelblau. Leider fallen dadurch die wenigen, billigen Plastikbauteile zum Beispiel in der Mittelkonsole umso mehr auf.

Dank des Techniktransfers von Mercedes-Benz beziehungsweise von AMG bietet das Infotainment einen halbwegs modernen Stand. Das Bang & Olufsen Soundsystem mit 13 Lautsprechern und 1.000 Watt buhlt mit dem Klappenauspuff um die Gunst der Ohren.  Während auf ein Head-up-Display verzichtet wird, sind die digitalen Instrumente gut ablesbar – zumindest für die beneidenswerte Person hinter den langen Schaltpaddel und dem eckigen Lenkrad. An letzteres können wir uns trotz wiederholten Versuchen in diversen Modellen aus Gaydon immer noch nicht so recht gewöhnen.

Richtig cool finden wir stattdessen den per Knopfdruck auf- und zufahrenden Deckel des Ablagefachs zwischen den bequemen, elektrisch einstellbaren und klimatisierbaren Vordersitzen. Nein, es gibt keine Schleudersitze à la James Bond, stattdessen aber Rücksitze an Bord. Typischerweise eher als Ablage für Jacken oder Taschen genutzt, sitzen dort Kinder oder Personen bis rund 1,65 m Größe recht komfortabel – wenn da nicht das Ein- und Aussteigen wäre. Allerdings bietet ein Porsche 911 Turbo in der zweiten Reihe noch weniger Platz, der Bentley Continental und die bald eingestellte S-Klasse mit zwei Türen nur etwas mehr als der Aston Martin.

Elegant(er) gelöst wird die „Verdrehungs-Orgie“ naturgemäß in den Cabrio-Versionen bei geöffnetem Stoffverdeck. Als Volante soll der DBS Superleggera trotz emotionalem Open-Air-Erlebnis dem Coupé fahrdynamisch in nicht viel nachstehen. Zudem ist er eins der nur noch ganz wenigen Zwölfzylinder-Cabrios, mit dem Bentley und dem Rolls-Royce Dawn dazu eins der letzten mit vier Sitzen und davon mit 725 PS ab Werk derzeit auf der Pole Position.

Und auch als Coupé sticht er im Auto-Quartett die meisten Rivalen aus. Abgesehen von limitierten Sondermodellen wie dem „On Her Majesty’s Secret Service“ in Anlehnung an James Bond 007s Einsatz beim 1969er Film „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ mit dem damaligen DBS, gleicht nahezu kein Aston Martin einem zweiten. Mit den schier unendlichen Möglichkeiten zur Individualisierung lässt sich im Online-Konfigurator stundenlang experimentieren und der Grundpreis von knapp unter 300.000 Euro für das Coupé beziehungsweise darüber für das Cabrio nochmal deutlich steigern.

Wer möglichst schnell einen Superleggera sein Eigen nennen und Wartezeiten vermeiden will, findet bei den Aston-Martin-Händlern hierzulande inzwischen aber ein relativ großes Angebot von jungen Gebrauchten zu deutlich günstigeren Kursen. Preislich nochmal tiefer liegen die V12-Variante des eng verwandten DB11 mit 608 oder 639 PS. Verzichtet muss dann allerdings auf den gigantischen Kühlerschlund werden, der dem DBS Superleggera als aktuelles Topmodell von Aston Martin nicht nur sein besonderes (Überhol-)Prestige sichert, sondern auch einen Teil seines faszinierenden Gesamtpaketes ausmacht.