Ciao Alfa Romeo Stelvio

13.04.2017 | Christian Sauer | Testrides

Bei unserer Premiere-Tour mit dem ersten SUV von Alfa Romeo in die Tiroler Alpen verabschieden wir den Winter. Für die nächsten Monate also ein letztes Mal mit Allrad auf und im Schnee.


„Ciao“ bedeutet im Italienischen bekanntlich ja nicht nur „tschüss“ sondern auch „hallo“. Zur standesgemäßen Begrüßung des SUV-Neulings lud uns Alfa Romeo zwar nicht zum Passo dello Stelvio – also dem Stilfser Joch nach Südtirol – sondern stattdessen auf eine Tour von Innsbruck nach Hochgurl im Ötztal ein. Am Flughafen der Tiroler Landeshauptstadt angekommen, wartet auf uns eine ganze Stelvio-Flotte mit dem 210 PS starken 2,2-Liter-Diesel oder mit dem 280 PS noch stärkeren 2,0-Liter-Benziner, jeweils Turbo-Vierzylinder. Der 180-PS-Diesel sowie der 200-PS-Benziner und die Topvariante Quadrifoglio (Alfa nennt ihn nicht mehr Quadrifoglio Verde / QV) mit seinem 510 PS leistenden 2,9-Liter-V6 folgen später. Wahrscheinlich werden sich die meisten Käufer eh für den Selbstzünder und eine gedeckte Lackfarbe entscheiden. Da bei uns von Drivers Club Germany der Fahrspaß an erster Stelle steht, ist unsere erste Wahl dennoch der Benziner in der Alfa-typischen Sonderlackierung Rosso Competizione.

Die erste – im wahrsten Sinn des Wortes – große Überraschung erleben wir bereits beim Einladen des Gepäcks: Hinter der elektrischen Heckklasse fasst das Midsize Premium SUV stolze 525 Liter. Bei umgeklappten Rücksitzen sind es sogar 1.600 und somit mehr als beispielweise der Porsche Macan schluckt. Das deutsche Vorzeige-Modell stand bei der Entwicklung des Stevios wohl Pate. Dafür spendierten ihm seine Designer bei 4,68 Meter Gesamtlänge mit 2,81 Meter den längsten Radstand im Segment, den längsten Überhang hinten und den kürzesten vorn sowie 2,16 Meter Breite bei 1,67 Meter Höhe. Anstatt für eine Kombi-Version der technisch eng verwandten Giulia, die sich anders als in Deutschland in vielen Märkten kaum verkauft hätte, entschied sich Alfa zu Gunsten des vielversprechenden SUVs. Zusammen mit der Giulia als Limousine soll er die sportliche Traditionsmarke von Fiat Chrysler wiederbeleben und gleichzeitig ein neues, auch wirtschaftlich vielversprechendes Kapitel öffnen.

Selbst einige Monate nach seiner Weltpremiere wirkt der hochbeinige Alfa Romeo immer noch ungewohnt. Dank des emotionalen italienischen Designs, bis zu 20 Zoll großen Rädern und im Vergleich zur Giulia breiterer Spur gelang das optische Wagnis aus unserer Sicht jedoch. Der Stelvio ist klar als Alfa erkennbar und vielleicht eins der schönsten SUVs überhaupt. Fest steht, dass ihm seine aerodynamische Form besonders einen ausgezeichneten cW-Wert (0,30) bescherte. Dabei wuchs die Bodenfreiheit gegenüber der Giulia um 6,5 auf 20 cm, was dem Stelvio bei Ausritten ins Gelände oder zumindest im Winterurlaub helfen soll. Hilfe bei der insgesamt suboptimalen Übersicht verspricht die Rückfahrkamera ebenso wie die 19 cm höhere Sitzposition.

Anstelle der Standard-Komfortsitze empfehlen wir die elektrischen Veloce-Sportsitzen mit deutlich besserem Seitenhalt und manuell ausziehbarer Oberschenkelauflage zu ordern. Bis auf beige gibt es sie ebenfalls mit schwarzem, braunen oder rotem Leder. Passend dazu stehen Dekorleisten aus Aluminium, echtem Eichen- oder Nussbaumholz zur Wahl. Nicht nur deswegen, aber sicherlich auch deswegen wirkt das Cockpit hochwertig. Neben den Luftdüsen und klassischen Rundinstrumente präsentieren sich auch die meisten Bedienelemente kreisrund. Durch den Verzicht auf viele Knöpfe und Schalter kann ein gewisser Minimalismus nicht verleugnet werden.  Dass gerade beim 8,5-Zoll-Display des Top-Infotainmentsystems dadurch die Logik und somit der Komfort teilweise auf der Strecke blieb, ist bedauerlich. Das flache, aber breite Display „versteckt“ sich elegant im Armaturenbrett. Auf Wunsch wird es ebenfalls mit feinem Leder bezogen.


Gerade auf der Fahrt nach und durch den noch verschneiten Urlaubsort Kühtai freuen wir uns über das beheizbare Lenkrad als Ergänzung zur Sitzheizung. Eine Massagefunktion suchen wir in der Aufpreisliste allerdings ebenso vergeblich wie Sitzbelüftung. Dabei werden doch solche Features von der angepeilten, anspruchsvollen Premium-Kundschaft gern extra bestellt. Nun gut, konzentrieren wir uns wieder auf das Wesentliche. Laut Alfa zeigt sich die Orientierung des Stelvio auf den Fahrer – oder die Fahrerin – mit der direktesten Lenkung in seinem Segment. Und tatsächlich folgt der dank Alu-Leichtbau mit unter 1,7 Tonnen Leergewicht leichteste Mid-Size SUV mit nahezu ausgeglichener Gewichtsverteilung verzögerungsfrei jeder Bewegung des relativ handlichen Lenkrads. Weder größerer Kraftaufwand, noch übertriebene Härte muss dabei in Kauf genommen werden. Das aufwendige Fahrwerk mit exklusiver Alfalink-Technologie lässt Rollbewegungen kaum eine Chance.

An sich positiv finden wir die großen, festen Schaltpaddel der schnell schaltenden 8-Stufen-Automatik von ZF. Man(n) vergreift sich jedoch schnell, da sie sich in direkter Nachbarschaft zum Blinker- und Scheibenwischerhebel befinden. Noch seltener würden die optionalen Alu-Paddel benutzt werden (müssen), wenn die serienmäßige Automatik – eine Handschaltung wird mangels geringer Nachfrage gar nicht erst angeboten – einen separaten Sportmodus hätte. So bleibt das Getriebe zwangsläufig an die DNA-Fahrprogramme gekoppelt. Während „A“ für Advanced Efficiency und somit für besondere Sparsamkeit steht, stellt „N“ wie Natural den Standardmodus dar. Besonders spannend finden wir natürlich D(ynamik). Dann werden nicht „nur“ die Zügel der Regelsysteme lockerer gelassen, neben der Lenkung sprechen sogar die üppig dimensionierten Bremsen mit entkoppelte Bremspeda lnoch direkter an. Ohne es nachmessen zu können, verspricht Alfa einen Fabelwert von 37,5 Meter aus 100 km/h.

Bei aller Begeisterung für den Sportmodus finden wir schade, dass es keinen individuell programmierbaren Zusatzmodus gibt. Lob verdient der Q4-Allradantrieb mit bis zu 100 Prozent der Kraft an der Hinterachse. Während viele andere SUVs bei Traktionsverlust diese überhaupt erst zuschalten, ist es beim Stelvio genau umgekehrt –nur bei Bedarf wird bis zu 60 % der Kraft nach vorne übertragen. Und daran mangelt es unserem Testwagen definitiv nicht. Während die 280 PS bei 5.250 Umdrehungen anliegen, werden dank Twinscroll Turbo mit separater Wasserkühlung die 400 Nm bereits ab 2.250 Touren aus den zwei Liter kleinen Brennräumen geholt. Offiziell sind 5,7 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und 230 km/h Höchstgeschwindigkeit angegeben. Bei diesen Leistungsdaten hätte der Sound gerne noch markanter und voluminöser ausfallen können. Wer wie wir mit derart viel Freude am Fahren die Bergstraßen hinauf nach Hochgurgl kurvt, wird zwar nicht mit sieben Liter Super pro 100 Kilometern auskommen, aber Alfa’s SUV lieben lernen.


An der Mautstation zur Timmelsjoch-Hochalpenstraße endet unsere Tour leider früher als gedacht, denn anders als bei den traditionellen Wintertests von Mercedes-Benz geht es heute leider nicht hinauf auf den offiziell gesperrten, weil verschneiten Pass. Also nutzen wir die Zeit für einen Besuch des Top Mountain Crosspoint Komplexes mit dem ausgezeichneten Restaurant sowie dem absolut sehenswerten Motorrad- und Automobil-Museums. Dort wartet auf uns ein Alfa Romeo 1900 M „Mata“, der analog zum Willys Jeep für das Militär entwickelt wurde und von dem in den 1950er Jahren allerdings nur 154 zivile Exemplare gebaut wurden. Während die Wintersportler auf ihren Brettern nochmal in die Gondeln und in den Schnee drängen, geht es für uns auf vier Rädern weiter. Inmitten seiner Alfa Brüder und Schwester parkt Stelvio 2.2 Diesel. Wichtiger als die Leistung von 210 PS ab 3.750 ist sein Drehmoment mit 470 Nm ab 1.750 Touren. Dank elektrischem Turbo geht es in 6,6 Sekunden auf 100 und weiter bis 215 km/h. Mit Euro 6 Norm und theoretischen 4,8 Litern Durchschnittsverbrauch wird zumindest auf dem Papier das ökologische Gewissen beruhigt. Recht ruhig präsentiert sich der Selbstzünder akustisch, so dass sein Harman-Kardon-Soundsystem mit 13 Lautsprechern problemlos den Takt vorgeben kann.

Wie bei den anderen Modellen bietet Alfa Romeo auch für sein erstes SUV, das im Werk Cassino südlich von Rom gebaut wird, mehrstufige Ausstattungslinien und dazu verschiedene Pakete sowie Einzeloptionen an. Individuell lässt er sich mit elf verschiedenen Lacktönen und acht Radvarianten gestalten. Zur Markteinführung des Stelvio gibt es in Verbindung mit dem 2.0 Benziner zudem das Sondermodell First Edition mit 5.000 Euro Preisvorteil. Wie bereits angedeutet, folgen demnächst noch der Einstiegs-Benziner und -Diesel, letzterer auf Wunsch sogar mit reinem Heckantrieb. Mit etwas zeitlichen Abstand kommen dann noch der Quadrifoglio und bis 2020 sogar zwei weitere SUVs unterhalb und oberhalb des Stelvio dazu. Ob es eingefleischte Alfisti mögen oder nicht, zusammen werden sie die über 100 Jahre alte Traditionsmarke wohl nachhaltig prägen und für wirtschaftlichen Erfolg sorgen. Der Auftakt ist mit Bravur bestanden.