Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio

11.03.2018 | Christian Sauer | Testrides

Im spanischen Andalusien testeten wir das 510-PS-SUV auf kurvigen Landstraßen und der anspruchsvollen Strecke des Ascari Race Resort. Wie wichtig Leichtbau ist, zeigt sich vor allem dort.

Über hochgezüchtete, PS-starke SUVs kann man(n) geteilter Meinung sein, waren sie zumindest bislang ja nicht Fisch nicht Fleisch … und schon gar nicht Salat. Richtig umweltbewusst werden sie wahrscheinlich selbst als Plug-in-Hybride nicht, schon gar nicht wenn zugleich hohe Querdynamik gefragt ist. Dann steht ihnen zumeist ein hohes Eigengewicht im Weg, das wiederum immer stärkere Motoren verlangt – eine Krux – oder gar eine Mission Impossible? Am besten schlagen sich bis dato der 440 PS starke Porsche Macan Turbo mit Performance Paket und Sechszylinder sowie der Mercedes-AMG GLC 63 S mit seinem 510-PS-V8.

In diesem umkämpften Segment lässt die Kombination von ebenfalls satten 510 PS sowie 600 NM bei lediglich 1.830 kg aufhorchen. Sie gipfelt bei 7:51 Minuten auf der Nürburgring-Nordschleife als Rundenrekord für Serien-SUVs. Nachdem Alfa Romeo bereits mit der Giulia Quadrifoglio samt Handschaltung, die inzwischen mangels Nachfrage nicht mehr angeboten wird, mit 7:39 die Bestzeit für Serienlimousinen hielt, der Porsche Panamera diese jedoch um eine Sekunde unterbot, stieß die Automatik-Version der Italiener den Deutschen dank 7:32 Minuten wieder vom prestigeträchtigen Thron in der Eifel. Und nun folgt(e) also der hochbeinige Bruder mit den gleichen vielversprechenden Genen.

Doch auch abseits der Rennstrecken macht der V6-Biturbo mit 2,9 Liter Hubraum viel von seiner Faszination aus. Der vom Ferrari California T abgeleitete und um zwei Zylinder gekürzte Motor bietet mit 176 PS pro Liter Hubraum die höchste spezifische Leistung im Segment der mittelgroßen SUVs. Nahezu komplett aus Aluminium gefertigt, hat der drehfreudige Sechszylinder, dessen maximales Drehmoment von 600 Nm schon ab 2.500 Touren und 510 PS erst bei 6.500 anliegen, einen großen Anteil am für ein SUV sensationelles Leistungsgewicht mit 3,6 Kilogramm pro PS. Um das Zahlenspiel zu vervollständigen – in atemberaubenden 3,8 Sekunden sprintet der Stelvio Quadrifoglio aus dem Stand auf Tempo 100 und sein Vortrieb endet erst bei der Höchstgeschwindigkeit 283 km/h.

Damit hebt er sich natürlich deutlich von den schwächeren Stelvio-Versionen ab. Allen gemein sind allerdings die leichte Antriebswelle aus Kohlefaser, die nahezu optimale Gewichtsverteilung von rund 50:50 zwischen Vorder- und Hinterachse sowie die 8-Stufen-Automatik von ZF Friedrichshafen. Im Quadrifoglio – früher wurden die Sportmodelle von Alfa bekanntlich noch nach dem grünen vierblättrigen Kleeblatt Quadrifoglio Verde genannt und einfach nur QV abgekürzt – schaltet sie vor allem im Race-Modus der Fahrdynamikregel DNA Pro besonders schnell mit den festen Alu-Schaltwippen oder automatisch. Während die adaptiven Dämpfer für angenehmen Langstreckenkomfort per Knopfdruck weicher einstellbar sind, lassen sich die anderen Komponenten leider nicht einzeln konfigurieren. Wer beispielsweise den vollen Sound aus dem Klappenauspuff genießen möchte, bekommt ihn nur in „Race“ – zwangsweise aber dann mit komplett deaktiviertem ESP.

Lassen wir es aber erstmal langsam angehen: Unsere Testfahrt startet im spanischen Malaga, wo frühmorgens die breiten Boulevards noch menschenleer sind. In leuchtenden Blu Misano lackiert, fällt unser Testwagen zuerst eher optisch denn akustisch auf. Im N(ormal)- und sogar im D(ynamik)-Modus hält sich der Stelvio Quadrifoglio überraschend zurück. Nur wenn der rechte Fuß nach dem Ampelstopp ein Moment länger als erlaubt auf dem Gas bleibt und die Drehzahl hochschnellt, fängt der Sechszylinder richtig zu röhren an. Auch wenn sich die Übersichtlichkeit nach hinten zu Gunsten der formschönen Karosserie mit zahlreichen leichten Alu-Bauteilen unterordnen musste, fühlen wir uns mit dem 4,70 Meter langen und 2,16 Meter breiten SUV in der Stadt nicht überdimensioniert. Das gute Platzangebot samt 525 bis 1.600 Liter großem Kofferraum macht den Alfa absolut alltagstauglich. Praktischer als die Giulia als Limousine ist er ohnehin. Doch wie schlägt er sich, wenn es aus der City hinaus geht?

Gut, bei Bedarf kann der Stelvio Quadrifoglio für ein so sportliches Auto mit 20-Zoll-Felgen und dünnen 255er respektive 285er Reifen wirklich komfortabel. Sobald jedoch Kurven locken, können wir nicht widerstehen und geben ihm die Sporen. Per Kickdown oder Schaltwippen die ansonsten niedrig gehaltene Drehzahl hochgejagt, wird das dynamische Temperament des Italieners geweckt. Untermalt vom sonoren Sound räubern wir durch die Kurven und verkürzen die Fahrzeit in Richtung Ronda. Wenige Kilometer vor dem bei Touristen beliebten Ortes, biegen wir links in eine unauffällige Einfahrt ab. Dahinter wartet auf uns das Ascari Race Resort. Bekannt von der heimischen Spielekonsole und anderen Fahrzeugpräsentationen finden auf der fast 5,5 km langen, anspruchsvollen Strecke keine öffentlichen Rennen statt. Vielmehr können PS-Junkies gegen einen fünfstelligen Mitgliedsbeitrag hier regelmäßig Gas geben.

Das wollen wir jetzt auch und sollten eigentlich den erfahrenden Instruktoren in einer Giulia Quadrifoglio auf der Ideallinie folgen. Doch schnell zeigt sich, dass der allradgetriebene Stelvio der heckgetriebenen Limousine auf nasser Strecke deutlich überlegen ist. Dank elektronisch gesteuertem Sperrdifferenzial mit Torque Vectoring schickt die Elektronik nicht nur bis zu 50 Prozent der Leistung bei Schlupf blitzschnell nach vorn, sondern auch an die einzelnen Räder. So baut der Quadrifoglio selbst bei rutschigem Untergrund viel Traktion auf. Passend dazu agiert die elektronische Servolenkung sehr direkt und gibt gutes Feedback. Selbst bei immer schwierigeren Bedingungen durch stärkeren Regen bleibt das Sport-SUV beeindruckend schnell und gutmütig. Sicherheit vermitteln dazu die serienmäßigen Bremsen, die auch bei den niedrigen Temperaturen nicht an ihre Leistungsgrenze kommen. Gegen 7.500 Euro Aufpreis gibt es alternativ für noch mehr Ausdauer bei harter Beanspruchung auch Carbon-Keramik-Bremsen von Brembo.

Carbon findet sich im Stelvio Quadrifoglio ebenfalls innen – serienmäßig als Zierleisten – auf Wunsch am Dreispeichenlenkrad mit Start-Knopf und für 3.800 Euro in Form der Sparco-Schalensitze mit in Neigung einstellbarer Lehne und noch besserem Seitenhalt als die Standard-Sportsitze. So oder so sitzt man vorerst ausnahmslos auf schwarzem Alcantara oder Leder. Bis auf farbige Nähte gibt es allerdings derzeit noch keine Möglichkeiten zur Individualisierung des übersichtlichen Cockpits. Weitere Kritikpunkte stellen aus unserer Sicht die zum Teil nicht besonders hochwertigen Kunststoffe und das Infotainmentsystem dar. Es bietet zwar inzwischen Apple CarPlay sowie Google Android Auto aber wie in der Giulia wirkt das breite Display mit 8,8 Zoll / 20,3 cm Diagonale nicht mehr zeitgemäß für ein Premiumauto. Mit seinem Startpreis ab 89.000 Euro in Deutschland ist der Quadrifoglio in Anbetracht seiner Leistung bei zugleich voller Alltagstauglichkeit fast schon ein „Schnäppchen“.

Was die auf dem Genfer Salon gerade vorgestellten NRING-Sondermodelle des Stelvio Quadrifoglio und der Giulia Quadrifoglio kosten, teilte Alfa Romeo bislang nicht mit. Fest steht, dass beide jeweils auf 108 Exemplare limitiert, mit Vollausstattung und der exklusiven Mattlackierung bald vergriffen sein werden. Während die beiden QV-Modelle wohl noch lange für Furore sorgen werden, läuft der superleichte und dynamische 4C leider aus. Die ebenfalls in Genf vorgestellten Sondermodelle Competizione und Spider Italia werden wohl gleichzeitig die finalen Editionen sein. Schon jetzt wird der 4C nur noch auf Bestellung bei Maserati in Handarbeit gebaut und wegen der auslaufenden Homologation des 240-PS-Vierzylinders, ist zum Jahresende endgültig Schluss. Solange uns Alfa unter der Regie des FCA-Konzerns nicht mit einem neuen Zweitürer überrascht, werden die Giulia und der Stelvio als Quadrifoglio abgesehen vom brandneuen Formel-1-Rennwagen auf absehbare Zeit wohl die sportliche Sperrspitze der italienischen Traditionsmarke bleiben. Alfisti können sich also zugleich freuen und müssen zugleich wehmütig in alten Zeiten schwelgen.

Und das sagen unsere Freunde von Ausfahrt.tv zum Stelvio als Quadrifoglio …